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Autor Thema: Verschwörung in Megaton  (Gelesen 1031 mal)
Lantaris
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« am: 23. Dezember 2009, 13:19:12 »

So, hier mal der erste Teil des Prologs zu meiner allerersten Fallout 3 Geschichte. Protagonist ist Josh Stahl, ein ehemaliger Vault-Bewohner der sich seit Jahren im Ödland rumtreibt und als Kopfgeldjäger seine Kronkorken verdient. Viel Spaß beim Lesen.

„Ich habe schrecklichen Durst.“, rief meine Begleiterin mir zu. Sie trottete in einigem Abstand hinter mir her. Wie ein kleines Hündchen. Sie gab sich keine Mühe mit mir Schritt zu halten. Ich hatte sogar das Gefühl, dass Judith Miller in den vergangenen zehn, fünfzehn Minuten noch langsamer geworden war. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie mit Absicht schlenderte. Judith wollte mal wieder ihren Kopf durchsetzen. „Können wir nicht eine kurze Pause einlegen?“

„Wir haben vor einer Stunde eine Pause eingelegt.“, rief ich über meine Schulter hinweg zurück. „Wir müssen weiter, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit unser nächstes Ziel erreichen wollen.“ Ich dachte nicht im Traum daran,  stehenzubleiben um nach ihr zu sehen. Oder Rücksicht auf sie zu nehmen und mich ihrem Gang anzupassen.

„Wie heißt denn unser nächstes Ziel?“, fragte Judith, während wir mitten auf einer einsamen Straße marschierten. Sie war mit unzähligen kleineren und größeren Kratern übersät, die wir mühsam umgehen mussten: Einschlaglöcher von Granaten und Bomben aus der Zeit des Krieges vor 200 Jahren. Hier und da standen mitten auf der Fahrbahn ausgebrannte oder verrostete Autowracks herum. Die meisten komplett ausgeschlachtet. An einigen fehlten sogar Karosserieteile wie Motorhauben und  Türen. Schrott und Altmetall war begehrt und wurde dazu verwendet, Behausungen zu bauen oder ganze Städte zu errichten. Mit Kleinteilen reparierte man Waffen, oder fabrizierte welche. Die Fahrzeuge waren nichts weiter als stumme Zeugen einer vergessenen Epoche, Artefakte aus einer längst vergangenen Zeit. So wie vieles andere auch.

Ich stieß einen  Seufzer aus. „Das wissen Sie doch genau.“ Natürlich wusste sie es. Aber Judith hatte mal wieder beschlossen mich mit sinnlosen Fragen zu durchbohren.

„Nein, ich hab’s wieder vergessen. Ehrlich.“, erwiderte sie. In ihrer Stimme glaubte ich sowas wie Aufrichtigkeit zu erkennen. Ob sie die Wahrheit sprach?

„Haben Sie nicht! Sie wollen mich nur ärgern.“

„Keineswegs, ich hab’s wirklich vergessen. Ich kann mir so schlecht Namen und Zahlen merken. Also,  wie hieß noch gleich der Ort den Sie heute  erreichen wollen?“

„Springvale.“, antwortete ich geduldig, darauf bedacht meine Stimme nicht zu erheben. Es gab Momente, da hätte ich Judith Miller am liebsten den Hals umgedreht. So wie jetzt. Seit zwei Wochen hingen wir wie die Kletten aneinander. In dieser Zeit hatte ich Gelegenheit gehabt Judith ausführlich kennenzulernen. Zugegeben, sie war sehr attraktiv, aber eine Nervensäge. Und leider nicht nur das. Sie war außerdem zickig, verwöhnt, verzogen und was nicht noch alles. „Unser nächstes Ziel heißt Springvale. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung bis nach Megaton, das Ende unserer langen Reise.“ Gott sei Dank, fügte ich in Gedanken hinzu. Ich würde einen Freudentanz aufführen, wenn ich Judith Miller in Megaton abgeliefert hatte und sie endlich wieder los war. Man müsste sie mal übers Knie legen und ihr ordentlich den Hosenboden versohlen, kam es mir in den Sinn. Ihre nächste Frage ließ nicht lange auf sich warten.

„Sind wir denn auch auf dem richtigen Weg?“

„Natürlich sind wir das! Vertrauen Sie mir!“

„Sind Sie sicher?“

„Sicherer kann man gar nicht sein. Ich hab eine Karte, vergessen Sie das nicht!“

„Meinen Sie das komische Ding da an Ihrem Handgelenk? Das wollte ich Sie schon lange fragen. Was ist das? Ich hab bemerkt dass Sie ziemlich oft einen Blick drauf werfen. Wozu brauchen Sie das? Ist das die Karte?“
Judith Miller gab nicht auf. Sie würde so lange weitermachen, bis ich ihrem Wunsch nachkam und eine Pause einlegte. Mit dem ‚komischen Ding‘ meinte sie meinen Pip Boy 3000 den ich am rechten Handgelenk trug. Das Gerät sah klobig aus – fast schon wie ein kleiner Monitor - und vermittelte einen schwerfälligen Eindruck. Doch dem war nicht so. „Das ist so eine Art Computer.“, versuchte ich ihr zu erklären. „Damit empfange ich zum Beispiel Funk- und Radiosignale. Außerdem zeigt es mir den Grad meiner Verstrahlung an, damit ich rechtzeitig Medikamente zum Abbau einnehmen kann bevor ich ernsthaft erkranke. Nicht zu vergessen, zeigt mir das Gerät eine Karte der weitläufigen Umgebung  und meine genaue Position an. Alle wichtigen Orte des Ödlands sind auf der Karte eingezeichnet. Dieses ‚Ding‘ wie Sie es nennen, ist ein überlebenswichtiges Utensil … für mich jedenfalls. Aber was rede ich. Sie würden es sowieso nicht verstehen, wenn ich Ihnen das Gerät im Detail erkläre. Es ist ein technisches Wunderwerk, das muss Ihnen als Antwort genügen.“

„Aha … ein technisches Wunderwerk also! Naja, von Technik verstehe ich sowieso nicht viel.“

„Dachte ich mir doch.“, entgegnete ich.

„Was wollen Sie denn damit wieder andeuten?“

„Nichts. Vergessen Sie’s einfach.“ Ich rollte mit den Augen. Zum Glück konnte sie es nicht sehen.

„Ich habe ein solches Gerät noch nie zuvor gesehen. Hat denn jeder Vault-Bewohner so einen … wie nannten Sie das Ding noch gleich … Pitbull?“

„PIP BOY! Dieses Ding nennt man PIP BOY! Und JA! Jeder Vault-Ansässige trägt so ein Gerät. Man bekommt es zu seinem zehnten Lebensjahr vom Aufseher der Vault höchstpersönlich überreicht. Es ist eine symbolische Geste und bedeutet, man ist nun erwachsen und hat Verantwortung zu tragen. Man wird in die Vault-Gemeinschaft eingeführt und auf das Berufsleben vorbereitet. Schließlich hat jeder für das Wohlergehen der Gemeinschaft seinen Teil beizutragen. Nutznießer und Einzelgänger gibt es in einer Vault nicht.“

„Ich kann mir ein Leben in so einer Vault nur schwer vorstellen.“, sagte Judith. „Manchmal wünsche ich mir aber, ich wäre auch in einer Vault geboren worden. Aber dieses Glück hatten meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern nicht.“

Ich musste Judith Recht geben. Tatsächlich war es so, dass nicht jeder das Glück gehabt hatte, in einer Vault geboren worden und aufgewachsen zu sein. Ich schon. Diese unterirdisch angelegten Bunker mit ihren dicken Stahlmauern und verriegelten Panzertüren waren von der Firma Vault-Tec errichtet worden, lange Zeit vor Ausbruch des nuklearen Krieges mit China. Doch leider viel zu wenige. Als der Krieg dann ausbrach, fanden nur wenige Menschen Zuflucht in den Vaults. Der Großteil musste notgedrungen auf der Oberfläche bleiben. Die armen Seelen hatten überlebt, doch zu welchem Preis. Die Welt hatte ihr Gesicht verändert, und ebenso die Menschheit. In den Vaults war das Leben ‚zivilisierter‘ verlaufen. Im Gegensatz zum Ödland, wie das verstrahlte, verseuchte und zerstörte Gebiet rund um Washington DC genannt wurde, gab es in den Vaults nicht nur Sicherheit, sondern auch noch Werte wie Moral, Ordnung, soziale Strukturen und Bildung … alles Werte, um die man sich bemühte und aufrecht erhielt. Im Ödland hingegen galten solche Werte nichts. Hier ging es nur darum, den nächsten Tag zu überleben. Es wurde geplündert und gemordet, dein nächster Schritt konnte der letzte sein. Es gab unzählige Gefahren, zum Beispiel Minen oder Sprengfallen, Tiere die zu wilden Bestien mutiert waren, unheimliche Kreaturen die das Land bevölkerten, und nicht zu vergessen die Raiders. Der Abschaum der Menschheit. Eine sprichwörtliche Plage. Sie hielten sich an keine Regeln und Gesetze. Ihr Leben bestand aus Raub, Mord und Plünderung. Raider-Überfallkommandos traf man überall. Doch bevorzugt hielten sie sich in Rudeln in den Ruinenstädten auf, wo sie oftmals in einigermaßen gut erhaltenen Gebäuden lebten. Judith unterbrach meine Gedanken, denn sie hatte schon wieder eine nächste Frage.
« Letzte Änderung: 10. Januar 2010, 13:08:49 von Lantaris » Gespeichert

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« Antworten #1 am: 23. Dezember 2009, 15:43:48 »

(Und hier der zweite Teil des Prologs):

„Warum haben Sie eigentlich die Sicherheit und das geregelte Leben in Ihrer Vault verlassen? Wieso treiben Sie sich im Ödland rum?“

„Das ist eine lange Geschichte.“, winkte ich ab. „Ich erzähle sie Ihnen ein anderes Mal, jetzt müssen wir zusehen dass wir vorwärts kommen.“

„Ich möchte es aber jetzt hören.“, drängte Judith. „Sie können es mir doch erzählen während wir wandern. Dann vergeht die Zeit schneller.“

„Na gut, ich erzähle Ihnen die Geschichte. Sie geben ja sonst doch keine Ruhe.“, seufzte ich. Es war anstrengend und ermüdend mit Judith über die Schulter hinweg und dabei auch noch laut zu reden, damit sie jedes Wort hören und verstehen konnte. Der Abstand zwischen uns hatte sich mittlerweile wieder um eins, zwei Schritte vergrößert. „In der Vault macht jeder mit sechzehn Jahren einen Eignungstest, den sogenannten G.O.A.T., das bedeutet…“

Judith fiel mir ins Wort. „Was heißt das?“

„Das wollte ich Ihnen doch gerade erklären. Würden Sie mich bitte mal ausreden lassen!“

„Oh, Entschuldigung … tut mir leid. Reden Sie weiter!“

„G.O.A.T. bedeutet Generalized Occupational Aptitude Test. Dieser Test soll bei der Berufswahl helfen, ermittelt also welche besonderen Fähigkeiten man besitzt und welche Art von Arbeit man in der Vault verrichten kann. Mein Test ergab, dass ich mich zum Wachmann eigne. Also schlug ich den Weg eines Officers ein. Doch bevor meine Ausbildung zum Officer so richtig begann, wurde ich erst mal dem GS-Team zugewiesen. Das ist die erste Station die man durchlaufen muss um ein Officer zu werden.“

„Was bedeutet GS?“, unterbrach mich Judith schon wieder. Wenn das so weiterging, würde ich meine Geschichte heute wohl nicht mehr abschließen können.

„Die Abkürzung GS steht für Go&Search. Das ist ein vom Aufseher zusammengestelltes Team um das Ödland auszukundschaften. Es sammelt außerdem Artefakte und Reliquien aus der Vorkriegszeit. Zum Beispiel Bücher, Geräte, und Gegenstände die man gebrauchen kann, um Dinge zu reparieren oder Neues zu erbauen. Deshalb der Name dieses Teams … klingt doch einleuchtend, oder? Aber das Team hat noch eine andere Funktion. Man lernt mit Waffen umzugehen, Gefahren richtig einzuschätzen … ein ideales Training für angehende Sicherheitsoffiziere wie es einem nur das Ödland bieten kann, denn in der Vault kann man sowas nicht lernen. Verstehen Sie? Deshalb muss jeder der den Weg zum Officer beschreiten möchte, beim GS-Team mitgewirkt haben.“

„Verstehe.“, sagte Judith. „Und weiter?“

„Nun, Sie müssen wissen, ich war ganz schön aufgeregt als ich dem Team zugewiesen wurde. Immerhin bedeutete es, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben die Vault verlassen würde und die Oberfläche zu Gesicht bekam. Ich kannte die Welt nur aus Büchern und von Bildern. Meine Eltern waren auch nie draußen gewesen. Niemand geht freiwillig nach draußen, nur das GS-Team und vielleicht mal ab und zu der Aufseher und einige Sicherheitsmänner … wenn es die Situation erfordert. Nun, ich hatte schon immer davon geträumt das Ödland zu sehen, die Welt außerhalb der Vault zu erforschen und kennenzulernen. Da kam mir das GS-Team wie gerufen. Ich lernte schnell, gewöhnte mich an die Lebensbedingungen die hier draußen vorherrschen und trotz der zahlreichen Gefahren des Ödlands freute ich mich auf jede neue Expedition die oft mehrere Tage andauerten. Es fiel mir sogar jedesmal ein bisschen schwerer, in die Vault zurückzukehren. Ich hatte das Gefühl dass mir in der Vault die Decke auf den Kopf fällt. Nach langem Hin und Her beschloss ich dann die Vault zu verlassen. Ich wollte ein neues Leben beginnen. Ein Leben auf der Oberfläche, unter freiem Himmel, wo ich die Wolken sehen kann, und nachts die Sterne und den Mond. Wo ich den Wind spüren und richtige Luft atmen kann. Wo ich mich frei bewegen und hingehen kann, wo ich will. Das Ödland faszinierte mich, ebenso die Freiheit. Aber das werden Sie bestimmt nicht verstehen können, denn Sie kennen das Leben in einer Vault nicht.“

„Also wenn ich die Wahl hätte, würde ich das Leben in einer sicheren Vault vorziehen.“, meinte Judith. „Wer bitteschön verlässt denn freiwillig einen sicheren Ort um sich den Gefahren des Ödlands auszusetzen? Das ist doch vollkommen verrückt!“

„Ich wusste dass Sie das sagen würden.“, antwortete ich. „Sie verstehen mich nicht. Ich liebe halt das Abenteuer. Und meine Berufung.“

„Ihre Berufung? Was meinen Sie damit?“, fragte Judith.

Ich versuchte es ihr zu erklären: „Nachdem ich die Vault dann verlassen und die ersten Tage im Ödland zugebracht hatte, stellten sich mir einige Fragen. Zum Beispiel die Frage wie und mit was ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen soll? Sollte ich mich in irgendeiner Stadt niederlassen und mir Arbeit suchen oder mich selbstständig machen? Dann kam mir die Idee, meine Dienste anzubieten. Ich kann sehr gut schießen, kenne die Situation und die Gefahren des Ödlands durch meine Teilnahme am GS-Team. Also warum nicht meine Fähigkeiten dazu verwenden, damit Geld zu verdienen? So beschloss ich Kopfgeldjäger zu werden.“

„Warum denn ausgerechnet Kopfgeldjäger? Das ist doch … unmoralisch!“, meinte Judith. Aus ihrem Mund klang es irgendwie herab schätzend. „Sie jagen und töten Menschen für Geld.“

„Das ist Unsinn!“, erwiderte ich. „Ich jage und töte Mörder und Verbrecher, Abschaum und Kriminelle. Die haben es nicht anders verdient. Es ist eine sinnvolle Tätigkeit, mit der ich dazu beitrage das Ödland ein wenig sicherer zu machen. Sie sollten froh sein, dass es jemanden wie mich gibt. Jemanden der sich um Verbrecher kümmert und sein eigenes Leben dafür aufs Spiel setzt. Mein Erfolg gibt mir immerhin Recht. Ich habe mir im Ödland einen Namen gemacht und kann mich vor Aufträgen kaum noch retten. Meine Dienste sind gefragt und werden gerne angenommen. Schließlich muss sich ja mal jemand um dieses Problem kümmern. Und ich bin dieser Jemand! Ich hätte mich auch an einem beliebigen Ort niederlassen und einen Job als Sicherheitsmann annehmen können, als Deputy oder vielleicht sogar als Sheriff. Aber ich wollte ungebunden bleiben, das Ödland bereisen, neue Orte kennenlernen. Also wurde ich Kopfgeldjäger.“

„Das macht Sie nicht gerade sympathischer.“, meinte Judith nur. Ich fasste es nicht! Was erlaubte sich diese freche Rotznase? Immerhin war sie es, die gerade meine Dienste in Anspruch nahm!

„Wenn meine Tätigkeit Ihnen zuwider ist, und ich Ihnen unsympathisch bin … wieso haben Sie mich dann als ihren persönlichen Begleitschutz engagiert?“, fragte ich. „Sie sind doch froh darüber, dass ich mich für diese Aufgabe zur Verfügung gestellt habe und Sie mit meinem Leben beschütze! Wer sonst würde das tun? Sie profitieren von mir und gleichzeitig fechten Sie meine Tätigkeit an?“

Judith schnaufte empört. „Erstens habe nicht ich Sie engagiert, sondern mein Vater. Zweitens habe ich mich nicht darum gerissen diese Reise anzutreten. Drittens … kann ich Sie nicht ausstehen und Sie können mich mal!“

„Danke, gleichfalls. Sie mich auch!“, erwiderte ich. Damit war dieses Gespräch für mich beendet. Undank ist der Welt Lohn. Sollte sie doch von mir denken was sie wollte. Mir war es gleichgültig. Ich beschloss, weitere Fragen von Judith einfach zu ignorieren und beschleunigte mein Tempo.

Für eine ganze Weile hielt sie tatsächlich ihren Mund, doch schon bei der nächsten Straßenbiegung rief sie mir eine neue Frage zu. „Was sagt denn Ihre schlaue Karte? Sind wir noch immer auf dem richtigen Weg? Oder laufen wir etwa im Kreis und sind ganz woanders als Sie meinen zu sein?“

„Wo ich vermute zu sein.“, verbesserte ich Judith. „Nicht wo ich meine zu sein.“

„Ein Klugscheißer sind Sie also auch noch.“, stellte Judith sarkastisch fest.

„Wenn Sie es sagen.“, gab ich als Antwort lapidar zurück. Wieso reagierte ich überhaupt auf ihre Fragen? Hatte ich nicht eben noch beschlossen sie einfach zu ignorieren?

„Ja, das sag ich! Sie sind ein Klugscheißer … und ein Ignorant … und ein Grobian.“

„Sparen Sie sich ihre Luft lieber für den Marsch auf, statt mich mit Beleidigungen zu bewerfen, sonst geht Ihnen schneller als Ihnen lieb ist die Puste aus. Außerdem habe ich Ihnen schon mal gesagt, dass meine Karte absolut zuverlässig ist. Wir können uns gar nicht verlaufen.“

„Ist es denn noch weit bis nach Springvale?“

„Hören Sie mir nicht zu? Ich sagte doch bereits dass wir uns beeilen müssen wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit in Springvale ankommen wollen. Und es ist noch nicht mal Mittag. Demzufolge werden wir also noch ein paar Stunden unterwegs sein.“

„Ich hasse das Ödland.“, erwiderte sie trotzig.

„Sie hätten ja auch zu Hause bleiben können. Niemand hat Sie gezwungen diese Reise anzutreten, und schon gar nicht in meiner Begleitung.“

„Das hätte ich in der Tat.“, meinte Judith. „Aber es war der ausdrückliche Wunsch meines Vaters dass ich einen Begleiter und Beschützer an meiner Seite haben soll. Da kamen Sie gerade recht. Sie hätten den Job ja nicht annehmen brauchen. Außerdem muss ich nun mal nach Megaton. Ich konnte diese Reise nicht ewig hinausschieben. Und da Sie sich so freizügig dazu bereit erklärten, mein Begleitschutz zu spielen, war die Gelegenheit günstig die Reise endlich anzutreten.“

„Dann beschweren Sie sich nicht. Es führt nun mal kein anderer Weg nach Megaton, als mitten durch das Ödland.“

„Ich hasse es trotzdem.“

„Schön für Sie. Sind Sie jetzt fertig?“

„Warum so mürrisch? Sie haben einer Dame gegenüber überhaupt keine Manieren.“

„Das kostet extra.“, antwortete ich gelassen. Innerlich jedoch platzte mir gleich der Kragen.

„Sie wollen dass ich Sie bezahle, damit Sie ein wenig freundlicher zu mir sind?“

„Ich werde nicht fürs freundlich sein bezahlt, sondern nur um Sie sicher nach Megaton zu bringen. Wenn Sie wollen dass ich freundlich zu Ihnen soll sein, müssen Sie was drauflegen.“

„Sie … Sie …“, stammelte Judith aufgebracht. Zum ersten Mal erlebte ich die junge Frau sprachlos. Es war mir eine Genugtuung.

„Was wollen Sie überhaupt in Megaton?“, stellte ich mal zur Abwechslung eine Frage.

„Das geht Sie überhaupt nichts an.“, antwortete Judith beleidigt. „Machen Sie nur Ihren Job!“

„Auch gut, muss ich auch gar nicht wissen.“

„Was ist nun? Legen wir jetzt eine Pause ein oder nicht? Ich will was trinken!“

„Nein, wir werden keine Pause einlegen. Und zu trinken gibt es erst wieder was, wenn wir in Springvale angekommen sind. Bis dahin halten Sie endlich ihren Mund und legen gefälligst einen Zahn zu. Und wenn Sie mir vorher schlapp machen oder verdursten, lasse ich Sie als Futter für die Hunde oder Maulwurfsratten zurück.“

„Hier gibt es Maulwurfsratten?“, fragte Judith überrascht.

„Und ob. Jede Menge sogar. Ich hab welche gesehen, Ihnen aber nichts sagen wollen um Sie nicht unnötig zu beunruhigen.“, log ich.

Judith Miller holte plötzlich auf und marschierte an meiner Seite. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, während sie ihre Blicke durch die Gegend schweifen ließ. Wahrscheinlich hielt sie Ausschau nach Maulwurfsratten. Endlich ging es ein wenig schneller voran und Judith hielt für die nächsten Stunden ihr Plappermaul.

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« Antworten #2 am: 10. Januar 2010, 13:10:53 »

Verschwörung in Megaton, Kapitel 1, Teil 1:

(Drei Wochen zuvor)

Auf meinem Streifzug durch das Ödland der Hauptstadt kam ich in ein kleines Kaff namens Greenwitch. Es lag einsam in einer Senke und mitten in der Wildnis, ganz in der Nähe eines umgeknickten Strommastes. Auf einem verrosteten Blechschild, das wenige Meter vor der Siedlung lieblos in den Boden gerammt worden war, stand in großen, kaum lesbaren Buchstaben der Name der Siedlung. Ich hatte bisher noch nichts von Greenwitch gehört und auch auf meiner Karte war die Ansiedlung nicht eingezeichnet. Gut möglich, dass es sie noch nicht allzu lange gab.

Ich entdeckte eine Koppel in der einige Brahmine friedlich grasten. Brahmine waren eine wichtige Nahrungsquelle hier draußen im Ödland. Sie wurden auch als Nutztiere gehalten. An den Anblick eines Brahmin würde ich mich wohl nie gewöhnen, denn sie besaßen zwei Köpfe. Das Ödland hatte so manch grässliche Mutation hervorgebracht; die bedauerlichen Folgen der Strahlung und Umweltvergiftung durch den Atomkrieg vor 200 Jahren. Aus Vorkriegsbüchern wusste ich, dass man Brahmine früher ‚Rinder‘ genannt hatte. Ich kannte viele Dinge und Begriffe aus der Vorkriegszeit.

Nach etlichen Tagen und kalten Nächten in der freien Natur freute ich mich eine Menschenansiedlung entdeckt zu haben. Vielleicht bekam ich hier eine warme Mahlzeit, ein  Bett für die kommende Nacht und eine Hure die mir Gesellschaft leistete. Mehr jedoch erhoffte ich mir, hier einen lukrativen Auftrag zu ergattern. Mein letzter Job lag schon eine ganze Weile zurück und ich brauchte dringend mal wieder ein paar Kronkorken; das Zahlungsmittel des ‚neuen Amerikas‘. Eine andere Geldwährung gab es nicht. Vor dem Krieg hatte man mit Dollars bezahlt. Heute waren diese Scheine nichts mehr wert. Vorkriegsgeld, nannte man es. Meistens fand man Vorkriegsgeld in alten Registrierkassen irgendwelcher Supermärkte oder in Truhen und Safes verlassener Häuser. Aber man konnte sich damit nur noch den Arsch abwischen. Schwieriger zu finden als Vorkriegsgeld waren da schon Kronkorken. Sicher, ab und zu hatte man Glück welche zu finden. Die Kronkorken stammten von den Nuka-Cola-Flaschen, ein Getränk das vor dem Krieg sehr beliebt gewesen war. Nach dem Krieg gab es keinen Nachschub mehr, die Produktionsstätten waren wie alles andere auch zerstört und vernichtet. Es gab zwar noch zahlreiche funktionsfähige Getränkeautomaten in denen man, wenn man Glück hatte, einige Flaschen vorfand, aber allmählich neigte sich der Vorrat dem Ende zu. Deshalb waren Kronkorken sehr begehrt, nicht zuletzt eben auch deswegen weil sie als Zahlungsmittel eingesetzt wurden.

Mein Vorrat an Kronkorken neigte sich ebenfalls dem Ende zu. Vielleicht würde sich das ja schon bald ändern. Als ich mich Greenwitch näherte, schwanden meine Hoffnungen jedoch sehr schnell. Ein erster Blick auf die kleine Siedlung verriet mir, dass hier nichts zu holen war. Ich verdiente mir meinen Lebensunterhalt indem ich meine Dienste als Gesetzeshüter anbot. Für eine entsprechende Belohnung, in Form von Kronkorken, jagte ich zum Beispiel Verbrecher. Mörder und Kriminelle. Plünderer und Raubritter. Abschaum eben!

Das Geschäft lief gut, ich konnte mich nicht beklagen … obwohl … ein paar Aufträge mehr auch nicht schlecht gewesen wären. Ich reiste durch das Ödland, besuchte Siedlungen und Städte, und hörte mich um ob jemand Hilfe benötigte. Oft war dies der Fall. Es gab auch Aufträge die nichts mit der Verbrecherjagd zu tun hatten. Wenn sie mich interessierten, und die Bezahlung stimmte, nahm ich sie gerne an. Bei meinem letzten Auftrag, für einen angesehenen Geschäftsmann in Rivet City, hatte ich zum Beispiel einen Brief für eine junge Dame übermitteln müssen. 250 Kronkorken hatte mir dieser Job eingebracht. Die junge Dame lebte in einem weit entfernten Städtchen und war letztes Jahr, im Sommer, in Rivet City gewesen. Dabei hatte mein Kunde, der Geschäftsmann, sich in die Dame verliebt, es ihr jedoch verschwiegen. Als er hörte dass ich mir für keinen Auftrag zu schade war, heuerte er mich an, der Dame einen Liebesbrief zu bringen. Nun ja, kein sehr spannender und aufregender Job, aber zur Abwechslung mal ein Botengang war auch nicht schlecht. Leichtverdientes Geld! Und ganz so ungefährlich war so ein Botengang auch nicht. Immerhin lauerten im Ödland unzählige Gefahren.

Greenwitch bestand aus nicht mehr als sieben, in der Gegend verstreuten Behausungen, die zudem noch weit auseinander lagen. Die Häuser waren aus Blech und allerlei Schrottteilen zusammengezimmert. Sie erinnerten an kleine rechteckige Bunker mit flachen Dächern. Es gab keine Fenster, nur schmale Sehschlitze oder Öffnungen die man selbst angefertigt und mit Pappkarton oder Bretter zugedeckt hatte. Fast sah es aus, als hätten die Bewohner von Greenwitch vor irgendetwas Angst und versteckten sich in ihren Behausungen.

Als ich das erste Haus erreichte, erblickte ich einige Meter vor mir eine Barrikade, die aus Säcken und Blech errichtet war. Hinter dem Schutzwall – nichts anderes sollte es wohl sein – stand ein alter Mann und zielte mit einer Jagdflinte auf mich. „Bleiben Sie dort stehen!“, rief er mir zu. „Keinen Schritt weiter!“
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« Antworten #3 am: 10. Januar 2010, 13:12:57 »

(Verschwörung in Megaton, Kapitel 1, Teil 2):

Ich gehorchte. Der Mann trat hinter der Barrikade hervor, ohne seinen Lauf zu senken, und kam mir langsam entgegen. Wenige Schritte vor mir blieb er stehen. „Wer zum Teufel sind Sie? Was wollen Sie hier?“

Der alte Mann hatte schlohweißes Haar und ein wettergegerbtes Gesicht. Seine Haut war von der Sonne gebräunt. Er trug schmutzige Kleidung, an vielen Stellen zerrissen. „Mein Name ist Josh.“, sagte ich. „Josh Stahl. Ich bin ein harmloser Wanderer und nur auf der Durchreise. Ich habe mir erhofft hier eine gute Mahlzeit zu kriegen und vielleicht ein warmes Bett für die Nacht. Außerdem suche ich Arbeit.“

„Arbeit? Hier gibt es keine Arbeit.“, sagte der alte Mann. „Wenn Sie Arbeit wollen, müssen Sie weiterziehen … in eine Stadt. Hier in Greenwitch gibt es nichts zu holen. Hierher verirren sich nur selten Fremde, weshalb wir es nicht gewohnt sind neue Gesichter zu sehen. Wir sind sehr misstrauisch, müssen Sie wissen.“

„Das ist ihr gutes Recht.“, antwortete ich freundlich. „Aber vor mir haben Sie nichts zu befürchten. Ich vertrete das Gesetz. Ich bin auf der guten Seite. Vielleicht kann ich wenigstens hier übernachten? Ich wäre Ihnen sehr dankbar.“

Der alte Mann legte nachdenklich seine Stirn in Falten, dann senkte er die Waffe. „Sie sehen mir wahrhaftig nicht wie ein Verbrecher aus.“, meinte er. „Na gut, ich will mal nicht so sein. Willkommen in Greenwitch! Wir werden bestimmt ein Bett für die Nacht für Sie finden … und eine anständige Mahlzeit. Mögen Sie Brahmin-Fleisch?“

Ich nickte.

„Gut, denn was anderes gibt es hier nicht.“, sagte der alte Mann. „Ich bin übrigens Ben Miller, sozusagen das Oberhaupt dieses Kaffs.“ Er lächelte und streckte mir seine Hand entgegen. Ich ergriff sie und staunte nicht schlecht wie kräftig und energisch er mir die Hand schüttelte. „Freut mich Sie kennenzulernen.“

„Ebenfalls, Mister Miller. Ich bin seit Tagen im Ödland unterwegs und brauche dringend was Ordentliches zwischen die Zähne und natürlich einen etwas angenehmeren Schlafplatz. Dann ziehe ich auch schon wieder weiter.“

„Nennen Sie mich einfach Ben, Josh! Ihnen kann geholfen werden, wie versprochen. Sie können in meinem Haus übernachten. Ich lebe allein mit meiner Tochter und habe noch ein Zimmer frei. Und auch ein gemütliches Bett. Aber erst mal kann Judith Ihnen eine deftige Mahlzeit zubereiten.“

Ich bedankte mich für die Gastfreundschaft. Dann bat er mich ihm zu folgen, was ich auch tat. Wir spazierten Seite an Seite durch Greenwitch. Es gab nur eine einzige Straße die durch die Siedlung führte. Sie war ziemlich breit, ausgetreten und S-förmig angelegt. Am Ende dieser Straße angelangt, standen wir vor Ben Millers Haus. Es bildete das Schlusslicht.

Ben trat ein und ich folgte ihm dicht auf den Fersen. Wir standen mitten in der Küche. Es war schäbig eingerichtet. Ich konnte einen Blick in das angrenzende Wohnzimmer werfen. Eine junge Frau saß auf einer Couch und hörte Radio. Das Gerät stand auf einem kleinen Beistelltisch direkt neben der Couch. Es war der Radiosender der Enklave. Ich hörte die Stimme von John Henry Eden, dem Präsidenten der USA. Mit seinem Radiosender übertrug er im ganzen Ödland seine Reden. Mir kamen sie wie Propaganda vor. Viele mochten Eden nicht. Sein größter Rivale war Three Dog, der auch einen Radiosender unterhielt. Galaxy News Radio. Dieser Typ rief ständig zum Guten Kampf auf, was auch immer das bedeuten sollte. Mir war das alles gleichgültig.

„Judith!“, rief Ben. „Komm mal her, wir haben Besuch!“ Die junge Frau sah auf, erhob sich und kam in die Küche spaziert. Sie gesellte sich zu uns. „Das ist meine Tochter Judith.“, stellte Ben sie mir vor. Ich reichte ihr zum Gruß die Hand. Ben Miller klärte seine Tochter auf. „Das ist Josh Stahl. Er wird heute Nacht hier schlafen. Josh ist auf der Durchreise und unser Gast. Machst du uns was zu essen?“

Judith nickte und marschierte hinüber zum Küchenherd wo sie auch gleich mit der Zubereitung einer Mahlzeit begann. „Setzen Sie sich!“, bat Ben und deutete auf einen Stuhl am Küchentisch. Ich nahm Platz, Ben ebenfalls. „Sie sagten vorhin dass Sie das Gesetz vertreten. Wie kann ich das verstehen?“, fragte Ben neugierig.

Ich erklärte es ihm. Er war angenehm überrascht. „Das ist ja ein Ding!“, sagte er. „Sie sind also so ne Art Verbrechensbekämpfer. Das finde ich großartig. Wurde auch Zeit dass sich mal jemand um das ganze Gesindel und elende Pack kümmert. Es wird immer schlimmer, besonders die Raiders machen einem das Leben schwer.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte ich. „Hat Greenwitch Schwierigkeiten mit irgendwelchen Raiders?“ Ich wurde hellhörig. Vielleicht gab es ja doch etwas für mich zu tun?
„Nein.“, entgegnete Ben. „Zum Glück nicht. Bislang haben die Raiders Greenwitch verschont. Wahrscheinlich aber nur deswegen, weil sie genau wissen dass es bei uns nichts zu holen gibt. Ich meine, unsere Siedlung macht ja nicht den Eindruck als gäbe es hier Schätze oder jede Menge Kronkorken. Aber ich habe ein anderes Problem die Raiders betreffend.“

„Erzählen Sie!“, bat ich. „Vielleicht kann ich helfen.“

Ben Miller blickte nachdenklich zu seiner Tochter hinüber, die gerade große Stücke Brahmin-Fleisch in einer Pfanne zubereitete. Dann beugte er sich zu mir herüber und sprach leise: „Es geht um meine Tochter. Judith. Ich …“

Judith unterbrach ihren Vater. „Du kannst ruhig laut sprechen, Vater. Ich bin hier und wenn du flüsterst weiß ich sofort, dass es um mich geht.“

Ben Miller kräuselte die Stirn und setzte sich wieder aufrecht hin. Er murmelte irgendetwas vor sich hin, was ich nicht verstehen konnte. Wahrscheinlich ärgerte er sich über sein Verhalten. „Ja, du hast Recht Kind. Entschuldige bitte. Das war dumm von mir.“ Und zu mir gewandt meinte er: „Meine liebreizende Tochter wird seit Wochen in Megaton erwartet. Ein Brief, der mir von einem Karawanenhändler der hier vorbeizog überreicht wurde, ließ mich das wissen. Doch was soll ich tun? Ich kann meine Tochter doch nicht alleine durch das Ödland ziehen lassen. Bis nach Megaton ist es weit … und gefährlich. Überall gibt es Raiders-Überfallkommandos, ganz zu schweigen von all den anderen Gefahren. Ein junges Mädchen, alleine unterwegs … nein, das geht nicht.“

„Ihre Tochter könnte sich doch einem Karawanenhändler anschließen der vielleicht auch nach Megaton unterwegs ist.“, meinte ich. „Diese Händler haben doch alle einen Begleitschutz dabei, jemanden der gut schießen kann.“

Ben Miller winkte ab. „Nein, es kommen zwar ab und zu Händler hier vorbei, aber die kann man  an den Fingern abzählen. Und selten reisen die dann zufällig nach Megaton. Kennen Sie Megaton?“

Ich bejahte. „Hatte schon oft dort zu tun. Aber was soll Ihre Tochter in Megaton?“ Ich war neugierig.

„Das spielt keine Rolle. Fakt ist, Judith muss dringend dorthin. Ich habe schon versucht einige junge Männer aus Greenwitch anzuheuern, damit sie Judith eventuell begleiten könnten. Doch keiner will sich diese lange Reise zumuten. Wissen Sie, die meisten Einwohner von Greenwitch wurden hier geboren und niemand traut sich über die Grenzen hinaus. Was ich natürlich verstehen kann. Ich würde meine Tochter ja höchstpersönlich nach Megaton bringen, aber ich bin ein alter Mann. Was könnte ich gegen eine Horde Raiders, Supermutanten oder Mirelurks ausrichten? Besonders Mirelurks flößen mir Respekt ein.“

Ben zeigte mir seine rechte Hand. Unterhalb des Daumes klaffte eine lange hässliche Narbe die über den gesamten Handrücken bis fast zum kleinen Finger verlief. „Ein kleines Andenken eines Mirelurks.“, sagte er. „Vor vielen Jahren, als ich noch jung war, bin ich mal durch das Ödland gestreift, so wie Sie, und begegnete an den Ufern des Potomacs einem ausgewachsenen Mirelurk. Meine Kugeln richteten gegen dieses Ding nicht viel aus und mit seiner Scherenhand schnappte er zu, als ich ihn zu nahe an mich ran ließ. Fast hätte ich dabei sämtliche Finger meiner Hand verloren. Er wollte ein zweites Mal zuschnappen und als er die Scherenhand kurz öffnete, konnte ich meine Hand zurückziehen und flüchten. Er hat mich stundenlang verfolgt bis er endlich aufgab. Zum Glück, denn lange hätte ich nicht mehr gemacht. Seitdem fürchte ich nichts mehr als Mirelurks.“
Ich konnte Ben verstehen. Mirelurks waren in der Tat furchteinflößende Gesellen. Nur mit einer guten Waffe und spezieller Munition war diesen Kreaturen beizukommen.
Mirelurks sind eine Art von zweibeinigen, mutierten Krabben. Sie verfügen über einen schweren Panzer, der sie z.B. auch vor stärkeren Lasergeschossen schützt. Das Gesicht hingegen verfügt über keinen besonders guten Schutz. Die Mirelurks beugen meistens ihren Kopf nach vorne, um diese Schwäche auszugleichen. Die Mirelurks sind sehr häufig anzutreffen. Sie haben eine weiß-graue Schale und sind etwas kleiner als ein normaler Mensch. Sie sind außerdem etwas langsamer.
Meist treten sie in kleineren Gruppen von 2-3 oder manchmal sogar 4-5 auf. Sie beschützen ihre Eier oder greifen zusammen andere Kreaturen an. Mirelurks sind meistens in der Nähe von radioaktivem Wasser zu finden. In einigen Höhlen tauchen sie auch auf und nisten dort manchmal sogar.
„Was soll ich sagen?“, fuhr Ben fort. „Sie schickt der Himmel. Ich bin zwar nicht reich, aber ich könnte Ihnen 300 Kronkorken bezahlen, wenn Sie meine Tochter sicher nach Megaton bringen. Wäre das was für Sie?“
Ich brauchte nicht lange zu überlegen, sondern sagte sofort zu. Erstens war es ein Auftrag wie jede andere auch und zweitens hatte ich Megaton schon lange keinen Besuch mehr abgestattet. Ich besaß einige wirklich gute Freunde dort, die sich freuen würden mich wiederzusehen. Zum Beispiel Sheriff Lucas Sims oder die heiße Nora aus Moriartys Saloon, mit der ich manche kalte Nacht zusammen verbracht hatte. Ich schlug also zwei Blähfliegen mit einer Klappe wenn ich diesen Auftrag annahm.

Ben Miller strahlte übers ganze Gesicht. „Das freut mich außerordentlich, Josh. Ich bin Ihnen sehr dankbar. Liefern Sie Judith heil in Megaton ab, Josh, und Sie bekommen 300 Kronkorken. Judith wird sie Ihnen in Megaton überreichen. Ich gebe Ihnen ein Brahmin mit, damit sie unterwegs auch mal reiten können.“

„Auf den Brahmin verzichte ich.“, entgegnete ich. „Er wäre mir nur eine Last und wenn wir in Gefahr geraten hinderlich. Wir kommen schneller zu Fuß voran und brauchen uns nicht auch noch um ein Tier zu kümmern.“

Ben verstand. Judith hatte zwischenzeitlich Teller und Besteck vor uns hingestellt und kam nun mit einer Pfanne voll mit zubereitetem Brahmin-Fleisch an den Tisch. Es duftete herrlich. Ihr Gesicht verriet mir allerdings, dass sie nicht sehr glücklich über die Entscheidung ihres Vaters zu sein schien. Auch wunderte mich, dass Ben seine Tochter weder gefragt hatte ob sie mit mir als Begleitschutz einverstanden war, noch dass er sie mit in das Gespräch einbezogen hatte, denn schließlich ging es ja um sie. Judith schwieg die ganze Zeit über. Ich würde sie später dazu befragen, unter vier Augen. Jetzt galt meine ganze Aufmerksamkeit dem köstlichen Mahl auf meinem Teller. Ich langte ordentlich zu.

Nach dem Essen zeigte mir Judith auf Geheiß ihres Vaters mein Zimmer. Es lag ein Stockwerk höher, war klein, aber gemütlich. Judith verabschiedete sich schnell und ich legte mich augenblicklich auf das weiche Bett. In meinen staubigen Klamotten schlief ich dann ein.
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