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Autor Thema: Kurzgeschichten  (Gelesen 726 mal)
Nachtmensch
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« am: 21. August 2009, 14:45:45 »

Hallo Leute!

Hier findet ihr einzelne Kurzgeschichten, die unabhängig von Lolas Abenteuern mit Jeremia ihre Niederschrift gefunden haben. Sie richten sich sehr strikt nach den Gegebenheiten des Spiels (inklusive der bei mir installierten Mods) und schildern sehr nahe am tatsächlichen Geschehen, was mir ingame so passiert.
Bei Gelegenheit werde ich immer wieder mal neuen Stoff hier reinklotzen, sporadische Besuche können also auch hier nicht schaden.

Viel Spaß mit FO3 und auch beim Lesen, wünsch ich Euch.

Screenshots: http://rapidshare.com/files/267644906/Screenshots_Lola.rar

Nachtmensch
« Letzte Änderung: 21. August 2009, 15:13:38 von Nachtmensch » Gespeichert
Nachtmensch
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« Antworten #1 am: 21. August 2009, 14:46:33 »

Sie war gerade mal 16, als die Leute begannen, sie "Lolita" zu nennen, weil sie so kindlich wirkte, wie man ihr nachsagte. Und sie nannten sie oft genug bei diesem Namen, damit sie sich selbst damit anfreunden konnte. Die Bequemlichkeit brachte dann die Meisten dazu, das Ganze etwas abzukürzen, sodaß sie bald nur noch als "Lola" bekannt war. Außer Ihrem Vater - ein koreanischstämmiger Wissenschafter mit ambitionierten Ideen und einem beinahe ungesunden Berufsethos - benutzte niemand mehr ihren richtigen Namen. Und das war auch gut so, denn sie konnte ihn absolut nicht leiden, da war "Lola" schon wesentlich besser.

Schon früh entwickelte sie einen überbordenden Gerechtigkeitssinn, eine regelrecht weltverbesserische Ader, aber die Erkenntnis, daß sich auf diesem Weg nicht besonders viel bewirken ließ, machte sie bald zu einer - wie sie es selbst nannte - "militanten Humanistin". Als sie an jenem schicksalshaften Morgen von Amata geweckt wurde, um zu erfahren, daß von nun an alle bisher bekannten Regeln außer Kraft gesetzt waren, konnte sie fühlen, wie es tief in ihr ganz leise "Klick" machte und sich etwas für immer veränderte.
Als sie dann in die grelle Sonne des brachliegenden Ödlandes trat, hatte sie eine Blutspur durch die halbe Vault 101 gezogen, Butchs Mutter vor ein paar dämlichen RAD-Kakerlaken gerettet, Butch selbst allerdings mit ein paar gezielten Kopfschüssen die Rechnung für sein Benehmen der letzten Jahre überreicht und den Sicherheitsdienst der Vault auf einen neuen Minimalpersonalstand reduziert. Daß Jonas tot, ihr Vater geflohen und der Aufseher nun endgültig zum Arschloch mutiert war, mögen nur einige der Gründe gewesen sein, weshalb sie Amatas Dad mittels V.A.T.S.-Zielerfassung erst in alle vier Gliedmaßen schoß, ehe sie ihn in die ewigen Jagdgründe beförderte. Beinahe wäre sie versucht gewesen, diesen Tag als den besten in ihrem Leben zu bezeichnen, aber damals wußte sie noch nicht, was sich draußen noch zutragen würde.

In Megaton war sie rasch ziemlich beliebt. Immerhin half sie ohne Wenn und Aber überall aus, wo Not am Mann (oder der Frau) war. Colin Moriarty überlebte zwar die Nacht, in der er 100 Kronkorken für eine simple Antwort auf ihre Fragen haben wollte, nicht mehr, aber da ihn sowieso niemand so richtig leiden konnte, machte sich auch Keiner die Mühe herauszufinden, wer zum Geier ihn da mit einer schallgedämpften Five-Seven an seinem Computer sitzend in die Hölle gepustet hatte. Und ehrlich ... in dieser Nacht war sie auf den Geschmack gekommen. Von nun an wurde sie zu einem Schatten, lautlos, langsam, geduldig ... und ziemlich gefährlich.

Im Gespräch war sie stets die Höflichkeit in Person, antwortete nie frech oder unverfroren, verabschiedete sich noch brav bei Allem und Jedem ... nur daß man sie nie auch nur lächeln sah, hätte zumindest Manche ein wenig nachdenklich machen sollen. Nächtliche Hausbesuche mit schallgedämpfter Pistole, einem Stealth-Boy und einem schwarz brünierten Kampfmesser wurden bald zu einer Art Markenzeichen ihrer Person. Sie konnte es eben nicht ausstehen, wenn man sich nicht zu benehmen wußte. Insbesondere, da sie selbst stets größten Wert auf gepflegte Umgangsformen legte.
Aber ... man sollte nicht unerwähnt lassen ... sie war selbstlos und aufopfernd, wenn man ihr nur mit dem nötigen Respekt begegnete. Dann lehnte sie strikt jede Belohnung oder Bezahlung ab und handelte aus dem reinen Wunsch heraus, guten Menschen Gutes zu tun.

Eine schwere Zäsur in ihrem Dasein war das erste Zusammentreffen mit Sklavenhändlern, irgendwo in den Weiten des Ödlandes. Sie hatte sich im nächtlichen Nebel ziemlich verrannt und war froh, auf ein paar freundliche Gesichter zu stoßen, die sie nach dem Weg hätte fragen wollen, aber die Situation kippte rasch ins Chaotische ab, als sie feststellte, welche Berufswahl ihre Gesprächpartner getroffen hatten. Kaum 150 Schuß später stellte sie zufrieden fest, daß sie gerade etwas sehr Richtiges in Angriff genommen hatte.
Und noch in der selben Nacht reduzierte sie die lebende Bevölkerung von Paradise Falls auf Null, was sie so nebenbei über die Existenz von Little Lamplight in Kenntnis setzte. Auf dem langen Weg dorthin verstrickte sie sich in einen nervenaufreibenden Guerillakrieg gegen die Sklavenjäger, den sie in den folgenden Wochen flächendeckend im ganzen Ödland auszutragen wußte. So im Vorbeigehen nahm sie im Zuge dieses Privatkrieges die Raiders in Evergreen Mills auseinander, denn das Wetter war günstig für eine kleine Kommandoaktion (es regnete stark und die Nacht war dunkel wie selten zuvor, was ihrem neuen Nachtsichtgerät eine gelungene Ersterprobung bescherte).
Und als sie schließlich die Lamplight-Höhlen erreicht hatte, wußte sie, daß die Welt doch noch zu retten sein würde.

Allistair Tenpenny wollte sie eigentlich von seinem Balkon auf dem Tower schmeißen, nachdem sie die Szene am Eingangstor miterleben mußte. Zumindest hatte sie mit diesem Vorsatz seinen luxuriösen Wohnsitz betreten und dabei den Sicherheitsdienst etwas in Mitleidenschaft gezogen - ganz zu schweigen von dem arroganten Schnösel und seiner verblödeten Tussie, die sich so abfällig über Ghule ausgelassen hatten - aber dann war ihr der höfliche alte Herr, der sich aufrichtig über ihren Besuch freute, gar nicht mal so unsymptisch gewesen. Und da sag nochmal Einer, daß Worte nichts gegen Gewehre auszurichten vermögen!
Jedenfalls lebt der alte Knabe heute noch, was beweist, daß Lola auch durchaus bereit ist, vorgefaßte Ansichten nochmals zu überdenken, so man sie nett darum ersucht.

Zurzeit ist sie überwiegend damit beschäftigt, die Ruinen von D.C. umzugraben. Davon konnte sie auch das knapp vierstündige Feuergefecht zugunsten der eingekesselten Rangers auf dem Hoteldach nicht abbringen, obwohl das bis dato die kritischste Situation in ihrem Leben war. Aber die Tatsache, daß sie die gesamte Truppe heil wieder nach Hause bringen konnte, entschädigte sie mehr als genug für die wüsten Bedingungen, unter denen sie dafür arbeiten mußte. Ein kleines Problem stellt der Munitionsmangel für sie dar, denn durch ihr bescheidenes Auftreten kam sie bislang nicht gerade zu Massen an Kronkorken. Und wenn sie mal etwas Kohle zusammengekratzt hatte, dann konnte sie sich nicht davon abhalten, diese oder jene neue Waffe auszusuchen. Das schallgedämpfte Heckler & Koch G36C ist übrigens ihr bevorzugtes Arbeitsgerät geworden. Ihre Fähigkeit, sich leise und unbemerkt durch die bröckelnden Gebäude zu schleichen, spart ihr allerdings auch wieder eine Menge Kugeln, denn wenn sie den Abzug betätigt, dann meist schon aus nächster Nähe, sodaß sie kaum noch am Ziel vorbeischießen kann. Zudem ist sie ja meistens nachts unterwegs, denn im Dunkeln fühlt sie sich geborgen und beschützt, und das erleichtert ihr ihre Taktik dann doch immens.

Da es gerade wieder hell zu werden beginnt, wird sie so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren, um den restlichen Tag zu verschlafen. In ihrem Bett wartet geduldig ihr kuschliger Kamerad mit den Knopfaugen, der Teddybär, den sie neben dem Skelett des toten Kindes in Minefield gefunden hatte. Und das leise Hecheln ihres neuesten Freundes Dogmeat im Nebenzimmer wird sie erschöpft und beruhigt einschlafen lassen. Etwas Ruhe kann sie auch gut gebrauchen.
Denn kommende Nacht will sie die Talon-Basis weit draußen im Ödland zerlegen, die sie vorgestern entdeckt hat ....
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« Antworten #2 am: 21. August 2009, 14:47:06 »

Wenn es Einem gelingt, den Rauchschweif einer fliegenden Rakete genau geradeaus entlangzusehen, kann das ziemlich gut oder auch ziemlich schlecht sein. Je nachdem, ob man das sich stetig verbreiternde Ende der Qualmfahne sieht ...oder eben - wie in diesem konkreten Fall - die Spitze davon. Irgendwie wußte sie in diesem Moment, daß sich die Sachlage gerade sehr zu ihren Ungunsten entwickelt hatte. Dabei war sie nur zwei Häuserblocks von der rettenden Gittertür entfernt. Vielleicht hätte sie doch eher an der linken Straßenseite entlanggehen sollen.
Der Einschlag saß ziemlich knapp hinter ihr. Die Wucht der Explosion riß sie von den Füßen und schleuderte sie über den Schutthaufen, hinter dem sie noch Deckung gesucht hatte. Und der rechte Arm sowie das rechte Bein waren ab diesem Moment nur noch bedingt gebrauchsfähig, angesichts der Tatsache, daß sie gerade noch zwei Stimpacks und eine kleine Flasche schmutziges Wasser ihr Eigen nennen konnte, eine weitere sehr ungünstige Wendung der Geschehnisse. Dabei hatte die Nacht gar nicht so schlecht begonnen.

Gegen 22:30 Uhr hatte sie Underworld wieder verlassen, ausgerüstet mit einem Munitionsvorrat, der ausreichen würde, eine ganze Kompanie vom Erdboden zu tilgen. Mehr als 50 Stimpacks, Rad-Away, Mentats und 12 Phosphorgranaten, die schallgedämpfte Five-SeveN und natürlich ihr HK G36 waren mit von der Partie. Lola war noch nie eine Freundin des schweren Tragens gewesen, erbeutete Feindwaffen benutzte sie meist nur, um ihren flüsternden Liebling aus dem Hause Heckler & Koch wieder zusammenzuflicken. Was sie nicht unmittelbar brauchen konnte, ließ sie einfach liegen, um mobiler, schneller und beweglicher zu bleiben. Auf diese Weise konnte sie nächtelang durch die Ruinen von DC streunen, ohne einen Nachschubposten ansteuern zu müssen.
Bis etwa 24:00 lief auch alles nach Plan. Ein paar kleinere Scharmützel mit den bescheuerten Mutys eben, aber ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Bis sie im ziellosen Herumirren den Fehler machte, die Metro-Tür zum Takoma-Park zu öffnen.
Keine drei Minuten später befand sie sich mitten im Krieg.

Sie hatte nicht gesehen, woher die Schüsse gekommen waren, aber hinter einem verdammten Autobus in Deckung zu gehen, war mit Abstand die blödeste Idee gewesen, die sie seit Langem gehabt hatte. Die Trümmer des Fahrzeugs flogen ihr noch um Ohren, als sie schon wieder aus zwei Richtungen unter Feuer geriet. Zwar erreichte sie im Zick-Zack-Kurs die kleine Bushaltestellenhütte, aber da drin wurde sie mehr als eine halbe Stunde durch prasselndes Automatikfeuer der Talon-Söldner niedergehalten. Jeder Versuch, sich aus dieser notdürftigen Deckung zu lehnen, um den Beschuß zu erwidern, endete mit drei oder vier weiteren Treffern. Der Stimpack-Vorrat schmolz so rasch dahin, daß sie gar nicht erst versuchen konnte, weiter in das chaotische Stadtviertel vorzustoßen. Sie mußte schon echt froh sein, wenn sie den Weg zurück zur Metrostation schaffen würde, ganz zu schweigen von der elendslangen Heimreise nach Springvale, die ja doch nur wieder in hilfloses Herumwandern in den endlosen Labyrinthen der zertrümmerten Metro ausarten würde.

Als sie die Georgetown-Passage mehr durch Zufall entdeckte, glaubte sie wirklich, das Schlimmste hinter sich zu haben. Von hier aus könnte sie durch den Tunnel des Lauwarmen Abwasserkanals wieder an den Stadtrand und damit zurück zu ihrem Haus gelangen. Zumindest stellte sie sich das bis zu dem Moment sehr einfach vor, als die Rakete von schräg oberhalb genau auf sie zuhielt. Der Feuerball der Explosion überblendete das schillernde Grün des Nachsichtgeräts so sehr, daß sie für ein paar Sekunden die Orientierung völlig verlor und sich - angeschlagen wie sie war - irrtümlich mitten auf den großen freien Platz hinausschleppte, auf dem sie ein gefundenes Fressen für den Raketenschützen sein würde. Die Antwort auf diesen zweitschwersten Fehler ihres Lebens ließ nicht lange auf sich warten.

Das Problem war, daß sie nicht mit Sicherheit sagen konnte, wo sich das Arschloch befand. Die Zeit, durch das Zielfernrohr ihres Sturmgewehres in Ruhe die Häuserfassaden abzusuchen, ließ er ihr nicht. Sein Rumbrüllen identifizierte ihn eindeutig als Supermutanten - und so klein, daß man sie übersehen könnte, waren ja die Jungs dann auch wieder nicht - aber um gezielt auf ihn anzulegen hätte sie einfach ein paar Sekunden mehr Zeit zwischen den Raketeneinschlägen benötigt. Zudem flackerte der Feuerschein der brennenden Autrowracks ringsum so grell in ihre Restlichtaufheller, daß ein großer Teil der Umgebung nur zu erahnen war. Und ohne die aufgesetzten Brillen war es dunkel wie mit Schweißschirm in einem Autotunnel unter Wasser.
Um wenigstens irgendetwas zu tun nagelte sie ein Magazin nach dem Anderen grob in die Richtung, aus der das Gebrüll zu hören war, aber auch mehr als 200 Schuß brachten kein weiterführendes Ergebnis. Ihr blieb nur, sich rasch von einer improvisierten Deckung in die nächste zu retten, in Bewegung zu bleiben, und seine Nachladephasen für schnelle Sprints in Richtung ihres Zieles zu nutzen. Wenn sie die südöstliche Ecke des Platzes erreichen konnte, hätte sie eine Hauswand als Deckung und wahrscheinlich freies Schußfeld auf den Muty, der immer noch dort oben herumbrüllte.

Und dann sah sie ihn.
Er stand auf einem Balkon im ersten Stock eines Eckhauses und war gerade dabei, seinen Werfer neu zu befüllen. Lola befand sich mitten auf der offenen Straße, aber die Gelegenheit war günstiger, als alle anderen zuvor. Jetzt kam es nur darauf an, wer schneller treffen würde.
Für ein paar V.A.T.S.-Salven war der Wichser eindeutig zu weit entfernt. Das würde ihn höchstens ankratzen, aber mit Sicherheit nicht umnieten. Also blieb sie mitten im Lauf stehen, legte das HK an und versuchte, so gut es ging, sauber draufzuhalten. Die Verletzungen ihrer Gliedmaßen machten sie unruhig und ließen sie regelrecht schwanken, sodaß sie ständig versuchen mußte, ihn nicht aus dem fokussierten Bild mit dem roten AIM-Point zu verlieren. In dem vollen Bewußtsein, daß es ein für alle Mal vorbei sein würde, wenn sie jetzt nicht rasch genug traf, drückte sie den Abzug durch und nagelte alle 30 Schuß im Dauerfeuer auf den Balkon dort oben. Die Betonspritzer der Einschläge prasselten rings um den Muty aus den Wänden, der rote Balken mit dem sein noch verbliebener Lebensgeist zu ermessen war, schrumpfte in beruhigender Geschwindigkeit dahin .... bis ein leises metallisches Klicken das Ende des Vorrates an 5.56er-Munition verkündete. Und der Muty hätte gerade noch ein oder zwei Treffer benötigt, um aus den Latschen zu kippen.

Sie konnte nur rennen, was das Zeug hielt. In gerade Linie hielt sie exakt auf die Hausecke zu, an der der Raketenschütze seine Stellung bezogen hatte. Im Laufen steckte sie das Sturmgewehr weg und zog die Five-SeveN, ein weiterer Schuß in ihre Richtung zog einen Rauchfahne über ihren Kopf hinweg und verursachte einen dumpfen Knall einige Meter hinter ihr.
"Daneben!" dachte sie noch schadenfroh. Dann legte sie die SD-Pistole an, schaltete den V.A.T.S.-Modus auf und visierte dem grüngelben Koloß dort oben zweimal auf den Rumpf und einmal auf den Kopf....

Als das metallische Klappern des vom Balkon gefallenen Raketenwerfers verhallt war, wurde es ohrenbetäubend still ringsum. Nur das leise Prasseln der brennenden Autowracks war leise zu hören.
Lola nahm die Nachsichtbrille ab und drehte sich langsam um. Hinter ihr stand ein fahler Mond am Himmel, der sich halb hinter einer dunklen Wolke verbarg. Sein matter Schein tauchte die Konturen der zerbombten Großstadt in eine nahezu romantische Stimmung.
"Schön ist es hier ... irgendwie!" sagte sie leise zu sich selbst.
Dann ging sie langsam auf die Metrostation zu, deren düstere Korridore sie nach Hause bringen würden, wo Dogmeat wahrscheinlich schon auf sie warten würde....
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Nachtmensch
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« Antworten #3 am: 21. August 2009, 14:47:45 »

Man konnte den Wind leise durch das trockene Gras streifen hören. Bei jedem Atemzug schien die abkühlende Abendluft einen Hauch dünner zu werden, sich schwerer in die Lungenflügel saugen zu lassen. Der Horizont zeigte nur noch einen letzten Streifen dunkeloranger Lichtreflexionen, während der Sternenhimmel sich über ihr immer schwärzer färbte.
Lola kauerte erschöpft neben einem dieser kahlen, vertrockneten Baumreste und ließ den Blick durch das Zielfernrohr ihres Scharfschützengewehres immer wieder über die Sichtkanten des umliegenden Geländes schwenken. Manchmal repetierte sie die Waffe völlig sinnlos durch, schleuderte ein intaktes Geschoß aus der Patronenkammer neben sich zu Boden und verschaffte sich damit zumindest eine Simulation von Härte und Gefährlichkeit. Nur notdürftig täuschte dieses Selbstbetrugsmanöver über den Schmerz hinweg.

Seit etwa einer Stunde atmete er nicht mehr.
Warum sie immer noch hier saß - oder besser: kauerte - wußte sie selber nicht.
Irgendetwas tief in ihr hinderte sie immer noch daran, sich aufzurichten und weiterzugehen. Selbst die kleinste Bewegung von dieser Stelle weg wäre undenkbar gewesen und irgendwie warete sie immer noch darauf, daß sich das ändern würde. Aber die seelische Gravitation zog sie hinab auf den kargen, ausgetrockneten Boden.
Also wartete sie weiterhin.

Sehr weit im Nordosten zog eine kleine Gruppe Raiders ihre Runden. Sie konnte die heruntergekommenen, verdreckten Gestalten im Fadenkreuz gut erkennen, wußte auch, daß sie für einen ruhig gezielten Kopfschuß durchaus nahe genug wären ... aber sie tat nichts.
Stattdessen beobachtete sie ihre Ziele nur aufmerksam, als wollte sie Zerstreuung in diesem Bild finden. Was ja doch nicht funktionierte.
Sie konnte diese bangen Sekunden immer wieder in ihrem Gedankenspeicher ablaufen sehen. Und immer wieder veränderte sich der Blickwinkel darauf etwas mehr.
Was sie sich davon versprach, wußte sie übrigens auch nicht.
Sie tat es eben einfach.
So, wie sie seit etwa einer Stunde alles nur tat, um nicht gar nichts zu tun.
Irgendwie stand sie unter Schock, stellte sie dann fest.
Etwas Bleiernes hielt sie hier fest, das sie um keinen Preis aus sich heraustreten konnte.

Ein dumpfer Knall zerriß die spätabendliche Stille.
Der Raider sackte zusammen und begann die Böschung herabzurutschen, an der sie ihn erwischt hatte. Die beiden Anderen zogen ihre Waffen und begannen, wie aufgescheuchte Hühner herumzulaufen.
Bei dieser Dunkelheit könnten sie sie unmöglich sehen.
Und mit jeder Minute wurde der Sichtschutz intensiver und die Deckung dichter.
Sie durfte sich nur nicht bewegen, dann war sie völlig sicher.
Aber das konnte sie ohnehin nicht.
Also drohte keine Gefahr.

Sie hätte nicht darauf vergessen dürfen, nachzuladen.
Normalerweise machte sie das immer am Ende eines Schußwechsels. Regelrecht in blindem Automatismus griff sie nach dem Entriegelungshebel und steckte ein neues, randvolles Magazin in die Waffe. Nur wenige Sekunden Ruhe genügten, dann hatte ihre Hand ganz von allein diesen überlebenswichtigen Vorgang ausgeführt. So selbstverständlich und nebenbei, daß sie sich nur zwei Sekunden später noch kaum einmal bewußt daran erinnern konnte, es getan zu haben. Aber das brauchte sie auch gar nicht.
Sie mußte sich nur darauf verlassen.
Das funktionierte immer.
Wenn sie den Abzug wieder drücken mußte, dann folgten dem Krümmen des Zeigefingers unter Garantie 30 dumpfe Schußgeräusche.
Das war immer so gewesen.
Bis vor etwa einer Stunde und fünf Minuten.
Warum hatte sie dieses verdammte eine Mal darauf vergessen?

Der zweite Schuß fegte einen weiteren Raider von den Beinen. Der Idiot hätte in Bewegung bleiben sollen. Stattdessen war er mit dem Rücken zu ihr kurz stehengeblieben. Das Fadenkreuz lag exakt zwischen seinen Schulterblättern. Er hatte keine Chance.
Wie beiläufig das Töten inzwischen geschah.
Als wäre es gar nichts.
Wieviele Leben sie wohl schon ausgelöscht hatte?
Ein paar Dutzend?
Mehrere Hundert?
Oder irgendetwas dazwischen?
Welche Rolle spielte das?
Und weshalb war gerade dieses eine verlorene Leben neben ihr plötzlich so bedeutsam?

Langsam begann sie zu frösteln.
Aber die Kälte schien viel mehr tief aus dem Inneren ihrer Seele zu kommen, als durch die Haut aufgenommen zu werden. Ein klammes Gefühl inneren Gefrierens machte sie schaudern. Zitterte sie?
Wenn sie das wüßte.
Sie konnte sich nur unter größter Konzentration selbst spüren.
Irgendwie wurde sie den Eindruck nicht los, tot zu sein, während ihr Körper am Leben war.
Ob das daran lag, daß sie seit vielen Wochen zum ersten Mal einfach nur längere Zeit still hielt, nicht permanent in Bewegung war?
Was machte sie immer noch hier?
Er würde ja doch nicht wieder aufstehen.
Sie mußte ihn zurücklassen. Was sollte sie mit der Leiche sonst anfangen? Sie mitnehmen und im Kühlschrank verstauen?
Ein idiotischer Gedanke.

Ein dritter Knall und in fast einem Kilometer Entfernung explodierte ein Schädel.
Das war's.
Ganz unspektakulär.
Das junge Mädchen hatte eine Sekunde zu lange hinter dem Felsen hervorgelugt, der ihr Deckung geboten hatte.
Was wohl so ein junges Ding dazu brachte, sich diesen abgefuckten Raiders anzuschließen?
Mehr als den garantierten Tod konnte sie dort nicht finden.
Nun ... den hatte sie ja jetzt bekommen.
Noch ein Leben weniger im Ödland.
Wie sinnlos. Wie verschwendet.
Lola ließ die Waffe sinken.

Sein Fell schien jetzt nicht mehr zu glänzen.
Gedankenverloren streichelte sie noch einmal darüber hinweg.
Dann richtete sie sich langsam auf, zögerte noch eine Sekunde, ... aber dann tat sie den ersten Schritt.
Die Blockade war gefallen.
Sie konnte sich wieder bewegen.

"Mach's gut, Dogmeat!" flüsterte sie leise.
Sie hätte unbedingt rechtzeitig nachladen müssen.
Aber sie hatte es nicht getan....
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