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Nachtmensch
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« Antworten #1 am: 21. August 2009, 14:46:33 » |
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Sie war gerade mal 16, als die Leute begannen, sie "Lolita" zu nennen, weil sie so kindlich wirkte, wie man ihr nachsagte. Und sie nannten sie oft genug bei diesem Namen, damit sie sich selbst damit anfreunden konnte. Die Bequemlichkeit brachte dann die Meisten dazu, das Ganze etwas abzukürzen, sodaß sie bald nur noch als "Lola" bekannt war. Außer Ihrem Vater - ein koreanischstämmiger Wissenschafter mit ambitionierten Ideen und einem beinahe ungesunden Berufsethos - benutzte niemand mehr ihren richtigen Namen. Und das war auch gut so, denn sie konnte ihn absolut nicht leiden, da war "Lola" schon wesentlich besser.
Schon früh entwickelte sie einen überbordenden Gerechtigkeitssinn, eine regelrecht weltverbesserische Ader, aber die Erkenntnis, daß sich auf diesem Weg nicht besonders viel bewirken ließ, machte sie bald zu einer - wie sie es selbst nannte - "militanten Humanistin". Als sie an jenem schicksalshaften Morgen von Amata geweckt wurde, um zu erfahren, daß von nun an alle bisher bekannten Regeln außer Kraft gesetzt waren, konnte sie fühlen, wie es tief in ihr ganz leise "Klick" machte und sich etwas für immer veränderte. Als sie dann in die grelle Sonne des brachliegenden Ödlandes trat, hatte sie eine Blutspur durch die halbe Vault 101 gezogen, Butchs Mutter vor ein paar dämlichen RAD-Kakerlaken gerettet, Butch selbst allerdings mit ein paar gezielten Kopfschüssen die Rechnung für sein Benehmen der letzten Jahre überreicht und den Sicherheitsdienst der Vault auf einen neuen Minimalpersonalstand reduziert. Daß Jonas tot, ihr Vater geflohen und der Aufseher nun endgültig zum Arschloch mutiert war, mögen nur einige der Gründe gewesen sein, weshalb sie Amatas Dad mittels V.A.T.S.-Zielerfassung erst in alle vier Gliedmaßen schoß, ehe sie ihn in die ewigen Jagdgründe beförderte. Beinahe wäre sie versucht gewesen, diesen Tag als den besten in ihrem Leben zu bezeichnen, aber damals wußte sie noch nicht, was sich draußen noch zutragen würde.
In Megaton war sie rasch ziemlich beliebt. Immerhin half sie ohne Wenn und Aber überall aus, wo Not am Mann (oder der Frau) war. Colin Moriarty überlebte zwar die Nacht, in der er 100 Kronkorken für eine simple Antwort auf ihre Fragen haben wollte, nicht mehr, aber da ihn sowieso niemand so richtig leiden konnte, machte sich auch Keiner die Mühe herauszufinden, wer zum Geier ihn da mit einer schallgedämpften Five-Seven an seinem Computer sitzend in die Hölle gepustet hatte. Und ehrlich ... in dieser Nacht war sie auf den Geschmack gekommen. Von nun an wurde sie zu einem Schatten, lautlos, langsam, geduldig ... und ziemlich gefährlich.
Im Gespräch war sie stets die Höflichkeit in Person, antwortete nie frech oder unverfroren, verabschiedete sich noch brav bei Allem und Jedem ... nur daß man sie nie auch nur lächeln sah, hätte zumindest Manche ein wenig nachdenklich machen sollen. Nächtliche Hausbesuche mit schallgedämpfter Pistole, einem Stealth-Boy und einem schwarz brünierten Kampfmesser wurden bald zu einer Art Markenzeichen ihrer Person. Sie konnte es eben nicht ausstehen, wenn man sich nicht zu benehmen wußte. Insbesondere, da sie selbst stets größten Wert auf gepflegte Umgangsformen legte. Aber ... man sollte nicht unerwähnt lassen ... sie war selbstlos und aufopfernd, wenn man ihr nur mit dem nötigen Respekt begegnete. Dann lehnte sie strikt jede Belohnung oder Bezahlung ab und handelte aus dem reinen Wunsch heraus, guten Menschen Gutes zu tun.
Eine schwere Zäsur in ihrem Dasein war das erste Zusammentreffen mit Sklavenhändlern, irgendwo in den Weiten des Ödlandes. Sie hatte sich im nächtlichen Nebel ziemlich verrannt und war froh, auf ein paar freundliche Gesichter zu stoßen, die sie nach dem Weg hätte fragen wollen, aber die Situation kippte rasch ins Chaotische ab, als sie feststellte, welche Berufswahl ihre Gesprächpartner getroffen hatten. Kaum 150 Schuß später stellte sie zufrieden fest, daß sie gerade etwas sehr Richtiges in Angriff genommen hatte. Und noch in der selben Nacht reduzierte sie die lebende Bevölkerung von Paradise Falls auf Null, was sie so nebenbei über die Existenz von Little Lamplight in Kenntnis setzte. Auf dem langen Weg dorthin verstrickte sie sich in einen nervenaufreibenden Guerillakrieg gegen die Sklavenjäger, den sie in den folgenden Wochen flächendeckend im ganzen Ödland auszutragen wußte. So im Vorbeigehen nahm sie im Zuge dieses Privatkrieges die Raiders in Evergreen Mills auseinander, denn das Wetter war günstig für eine kleine Kommandoaktion (es regnete stark und die Nacht war dunkel wie selten zuvor, was ihrem neuen Nachtsichtgerät eine gelungene Ersterprobung bescherte). Und als sie schließlich die Lamplight-Höhlen erreicht hatte, wußte sie, daß die Welt doch noch zu retten sein würde.
Allistair Tenpenny wollte sie eigentlich von seinem Balkon auf dem Tower schmeißen, nachdem sie die Szene am Eingangstor miterleben mußte. Zumindest hatte sie mit diesem Vorsatz seinen luxuriösen Wohnsitz betreten und dabei den Sicherheitsdienst etwas in Mitleidenschaft gezogen - ganz zu schweigen von dem arroganten Schnösel und seiner verblödeten Tussie, die sich so abfällig über Ghule ausgelassen hatten - aber dann war ihr der höfliche alte Herr, der sich aufrichtig über ihren Besuch freute, gar nicht mal so unsymptisch gewesen. Und da sag nochmal Einer, daß Worte nichts gegen Gewehre auszurichten vermögen! Jedenfalls lebt der alte Knabe heute noch, was beweist, daß Lola auch durchaus bereit ist, vorgefaßte Ansichten nochmals zu überdenken, so man sie nett darum ersucht.
Zurzeit ist sie überwiegend damit beschäftigt, die Ruinen von D.C. umzugraben. Davon konnte sie auch das knapp vierstündige Feuergefecht zugunsten der eingekesselten Rangers auf dem Hoteldach nicht abbringen, obwohl das bis dato die kritischste Situation in ihrem Leben war. Aber die Tatsache, daß sie die gesamte Truppe heil wieder nach Hause bringen konnte, entschädigte sie mehr als genug für die wüsten Bedingungen, unter denen sie dafür arbeiten mußte. Ein kleines Problem stellt der Munitionsmangel für sie dar, denn durch ihr bescheidenes Auftreten kam sie bislang nicht gerade zu Massen an Kronkorken. Und wenn sie mal etwas Kohle zusammengekratzt hatte, dann konnte sie sich nicht davon abhalten, diese oder jene neue Waffe auszusuchen. Das schallgedämpfte Heckler & Koch G36C ist übrigens ihr bevorzugtes Arbeitsgerät geworden. Ihre Fähigkeit, sich leise und unbemerkt durch die bröckelnden Gebäude zu schleichen, spart ihr allerdings auch wieder eine Menge Kugeln, denn wenn sie den Abzug betätigt, dann meist schon aus nächster Nähe, sodaß sie kaum noch am Ziel vorbeischießen kann. Zudem ist sie ja meistens nachts unterwegs, denn im Dunkeln fühlt sie sich geborgen und beschützt, und das erleichtert ihr ihre Taktik dann doch immens.
Da es gerade wieder hell zu werden beginnt, wird sie so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren, um den restlichen Tag zu verschlafen. In ihrem Bett wartet geduldig ihr kuschliger Kamerad mit den Knopfaugen, der Teddybär, den sie neben dem Skelett des toten Kindes in Minefield gefunden hatte. Und das leise Hecheln ihres neuesten Freundes Dogmeat im Nebenzimmer wird sie erschöpft und beruhigt einschlafen lassen. Etwas Ruhe kann sie auch gut gebrauchen. Denn kommende Nacht will sie die Talon-Basis weit draußen im Ödland zerlegen, die sie vorgestern entdeckt hat ....
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