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Autor Thema: Geschichten aus dem Ödland - Part I  (Gelesen 4304 mal)
Nachtmensch
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« Antworten #30 am: 01. September 2009, 21:08:52 »

Als sie die Augen aufschlug war es dunkel ringsum. Nur ein matter Lichtschein am gegenüberliegenden Ende des kleinen Raumes zauberte etwas Helligkeit gegen die kahle Stahlwand. Sie tat sich noch schwer damit, die Augen offenzuhalten, also blinzelte sie ein paar Mal in die stille Umgebung hinein.
Es war niemand hier, wenn sie das richtig beurteilen konnte. Zumindest war kein Laut zu hören und in den undeutlichen Schemen, die sie bislang sehen konnte, auch keine menschlichen Umrisse zu erkennen. Einige Zeit wartete sie ab, um sich zu aklimatisieren.
Ihr Körper fühlte sich noch schwer und ermattet an, die Kraft ihrer Muskeln war noch nicht völlig aus der Narkose zurückgekehrt.
Sie fragte sich, ob es Nacht oder Tag wäre. Wenn sie sich richtig erinnerte, befand sie sich tief unter der Erde.
Weil sie wissen wollte, wie spät es war, hob sie den linken Arm reflexartig an, um das Pip-Boy-Display anzuschalten.
Das Bild vor ihren Augen ließ sie hochschrecken.
Halb aufgerichtet starrte sie auf das Ding vor ihr.

Verwundert drehte sie ihre Gliedmaße hin und her.
Funkelnd wurde das Licht der kleinen Nachtlampe widergespiegelt, die zahlreichen stählernen Streben, Gelenke und künstlichen Finger glänzten metallisch. Fassungslos erteilte sie ihrer Hand bewußt und willentlich den Befehl, sich zu schließen. Leise surrend führten die kleinen Servomotoren das Kommando aus. Die stählerne Hand schloß sich langsam zu einer Faust.
Dann öffnete sie die Stahlklaue wieder.
Erneut wurde das leise Motorengeräusch hörbar und die mechanischen Finger folgten der Anordnung widerspruchslos.

"Ich sagte doch: Sie wird wie neu sein!" ertönte eine Stimme aus Richtung der Tür.
Sie sah hinüber zum Urheber des gesprochenen Satzes, aber auf die Entfernung hatten ihre verklebten Augen noch nicht scharf gestellt.
"Was ... was ist das?" fragte sie.
Der Anästhesist kam langsam zu ihr herübergeschlendert.
"Das ..." sagte er dann "... ist der letzte Schrei auf dem Sektor Protesentechnik. Wir haben einen ziemlich guten Feinmechaniker bei uns im Stab und der Doc ist ein Meister darin, Nervenbahnen mit Kabeln zu verlöten."
"Was ist mit meiner Hand? Wo ... wo ist sie?"
Er setzte sich neben das Mächen auf die Bettkante.
"Wir mußten sie abnehmen. Die Knochen und Gelenke waren so zertrümmert, daß wir sie nicht mehr retten konnten. Zudem fehlten etliche Teile, sodaß wir das Puzzle unmöglich wieder zusammenstellen hätten können. Es tut mir leid, Lola. Wir haben getan, was wir konnten."
Sie starrte noch immer fassungslos auf diese Konstruktion, öffnete und schloß sie wieder, dann nochmal ... und nocheinmal.
"Das ist ja total abgefahren. Das Ding tut wirklich genau, was ich von ihm will." sagte sie lächelnd. "Jetzt bin ich sowas wie ein Androide, ein halber Roboter. Verdammte Scheiße. Ich krieg die Tür nicht zu."
Der Mann auf der Bettkante lächelte freundlich.
"Ich hoffe, sie gefällt Dir." sagte er dann. "Du wirst am Anfang noch ein wenig üben müssen damit. Du kannst natürlich nicht fühlen, wie fest Du damit zugreifst, das wirst Du erst langsam lernen. Ist ziemlich mühsam, das richtig zu dosieren. Gib in nächster Zeit also bitte niemandem die Hand, sonst müssen wir gleich die nächste amputieren."
Sie nickte grinsend.
"Ja, klar. Aber das mach ich sowieso immer mit rechts. Kann ... kann ich schon aufstehen, ich muß das schräge Teil mal ausprobieren glaub ich."
"Im Prinzip, ja. Aber sei vorsichtig. Wenn Du Schwindel verspürst, setz' Dich lieber sofort wieder!"
Er half ihr vorsichtig, aus dem Bett zu krabbeln und hielt sie noch ein wenig im Stand, bevor er sie langsam auf die eigenen Beine ließ.
"Alles klar?" fragte er dann.
Lola nickte nur. Dann sah sie sich die Sache noch genauer an.

Knapp unterhalb des Ellenbogens war der Übergang zur Mechanik noch dick bandagiert. Dahinter ragten mehrere, zueinander verschiebbare Nachahmungen der menschlichen Knochen dieses Bereiches blank hervor. Man konnte die Hand etwa in der selben Bewegungsspanne anklappen und ausstrecken, wie das Original. Das Handgelenk war ein Mehrfachscharnier, das aus präzise ineinander passenden Gelenkplatten bestand und sich um eine massive Stahlachse drehen konnte. Eine Handfläche in dem Sinne gab es nicht. Stattdessen liefen eine Reihe kompliziert ineinander verschachtelter Streben zu den einzelnen Fingern. Dazwischen verbanden Querträger eine etwa quadratische Rahmenkonstruktion. Die Finger waren jeder einzeln ein feinmechanisches Wunder. Quer aufeinander zubewegen konnte sie diese nicht, nur der Daumen saß in einem Kugelgelenk und ließ sich bis zur Innenseite anklappen. Angetrieben wurde die gesamte Kontruktion von Dutzenden Mikromotoren, die allesamt durch eine Menge dünner Kabel verbunden waren. Fein säuberlich waren die Leitungsstränge im Inneren des Gerüstes verlegt und mit zahlreichen Metallklammern an die Streben und Metallplättchen angelegt, um nirgendwo eine Schlaufe zu bilden oder hervorzustehen.
"Muß man das Ding regelmäßig ölen oder sowas?" fragte sie neugierig.
Er schüttelte den Kopf.
"Die Gelenke sind wartungsfrei. Eine PTFE-Schicht sorgt für geringe Reibung. In zwanzig bis dreißig Jahren werden ein paar Verschleißteile fällig und hie und da wird ein Motor durchbrennen und muß ausgetauscht werden. Aber ansonsten ist alles sehr benutzerfreundlich. Sie ist auch rostfrei. Selbstverständlich."
"Und die Elektronik? Ich meine ... wenn ich mal schwimmen gehe oder es stark regnet?"
"Alles wasserdicht verkapselt, keine Sorge. Kann man auch tauchen damit."
Sie griff vorsichtig nach einem Notizblock, der auf dem kleinen Nachtkästchen neben dem Bett lag. Mühsam steuerte sie das Aufheben des Papiers. Erst rutschte ihr der Block mehrmals zwischen den stählernen Fingern wieder heraus, also beschloß sie, einen festeren Griff zu probieren. Aber dann fraßen sich die mechanischen Greifwerkzeuge knisternd durch den Block und zerrissen ihn am berührten unteren Ende in mehrere fransige Streifen.
"Ups!" sagte sie. "Das ist ja wirklich nicht so einfach."
"Ich sagte doch: Sie werden üben müssen."

"Ah, Du bist wieder wach." sagte Jeremia, der soeben in der Tür aufgetaucht war.
Sie sah ihn erheitert an und hielt ihre neueste Errungenschaft stolz hoch:
"Schau nur! Ich bin ein Androide geworden. Ist das nicht sagenhaft?"
Demonstrativ ließ sie die Hand wieder mehrmals zusammenballen und wieder locker machen.
"Wenn ich was festhalten muß, dann kostet das gar keine Kraft. Brauch nur zumachen und nichts mehr tun. Dann geht das von allein nicht wieder auf."
Sie griff nach der Lehne eines Stuhles und quetschte diese nur mit den Fingerspitzen zusammen. Mit Leichtigkeit hob sie das Möbelstück ein wenig vom Boden an.
"Aua, das zieht aber im Ellenbogen!" sagte sie dann gequält und stellte den Sessel wieder ab.
"Sie sollten noch nichts Schweres damit heben." sagte der Anästhesist. "Die Übergänge auf die echten Knochen müssen erst ordentlich verwachsen. Seien sie lieber vorsichtig damit am Anfang. Okay!"
"Okay!" sagt sie grinsend und quetschte stattdessen den Metalldaumen nochmals durch den dicken Notizblock, als wäre es ein einzelnes Blatt Papier ....
« Letzte Änderung: 01. September 2009, 21:12:26 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #31 am: 02. September 2009, 00:28:42 »

Die letzten Tage waren voller Ruhe und Erholung gewesen.
Lola hatte die Basis der Marines in allen Ecken und Winkeln unter die Lupe genommen und dabei ihr neues Spielzeug an allem getestet, was nicht niet- und nagelfest war. Einiges war dabei zu Bruch gegangen - das war zugegebenermaßen ein wenig peinlich - aber mit jedem Griff wurde ihre Fähigkeit, koordiniert zu agieren, eine Spur besser.
Die Männer der Immortal-Brigade hatten den ursprünglichen Atombunker massiv erweitert und in den fast 200 Jahren seit dem nuklearen Holocaust eine weitere Etage in die Tiefe gewühlt. Dort unten befand sich neben einer Reihe von Munitions- und Materiallagern auch ein Schießstand, der sich in einem angezapften U-Bahnschacht sagenhafte 150 Meter nach Südwesten erstreckte und ein ideales Trainingsgelände darstellte.

Sie hatte enorme Schwierigkeiten, die neue Mechanikhand beim Schießen ruhig zu koordinieren. Als würde sie zum ersten Mal im Leben eine Waffe abfeuern, verzog sie bei jedem Schuß in irgendeine Richtung. Wenn ihr das draußen in freier Wildbahn passierte, wäre sie chancenlos. Also verbrachte sie Stunden damit, sich die Fähigkeit, gezielt zu treffen, wieder anzulernen.
Einige der Männer unterstützten sie dabei durch Ratschläge und praktische Tips, einer von ihnen - Alex Miller - war besonders hilfreich. Auch sein linker Arm war durch eine ähnliche Protese ersetzt, folglich hatte er die meiste Erfahrung im Beheben dieser Probleme. Unter seiner Anleitung trainierte Lola fast jeden Tag und konnte bereits erste Verbesserungen verzeichnen.

Mit Jeremia hatte sie überraschend wenig Kontakt. Er war überwiegend damit beschäftigt, im Kommandozentrum Flugeinsätze und Aufklärungsmissionen zu befehligen, seine Freizeit verbrachte er viel mit Waffenübungen und körperlichem Training.
Der Bunker war ursprünglich auf einen mehrmonatigen Aufenthalt des gesamten Botschaftspersonals ausgelegt und verfügte auch über einen geeigneten Raum für Übungen zur Ertüchtigung, in dem eine Reihe Fitnessgeräte platziert war. Auch dort war Lola gelegentlich zu sehen, mußte aber mit sorgsamer Vorsicht agieren, um die noch nicht völlig ausgeheilte Ankoppelung ihres künstlichen Unterarmes an den Rest des Körpers nicht überzustrapazieren.

Mit den Männern der Brigade hatte sie einen lockeren, humorvollen Umgang. Viele von ihnen waren schon seit dem Krieg in der Einheit, die meisten mehrfach verwundet worden und bis aufs Knochenmark eingefleischte Soldaten. Bei Manchen wurde sie den Eindruck nicht los, daß sie ohne Krieg und Kampf gar nicht mehr leben wollten.
Einer von ihnen - der manchmal spöttisch "Grognak" gerufen wurde, wie der Comic-Barbar - trug stets eine schwere Axt am Gürtel, die er selbst geschmiedet hatte. Damit sollte er bereits in mehreren Gefechten ziemlich irritierte Feinde mit wildem Kriegsgeheul in solider Handarbeit zur Strecke gebracht haben.
Die Jungs verhielten sich ihr gegenüber zum Großteil sehr freundlich, der Rest lediglich neutral. Man merkte ihnen die jahrhundertelange Lebenserfahrung sehr genau an. Die Männer waren durch Ruhe und Ausgeglichenheit gezeichnet, eine logische Folge von einem so langem Leben. Mit der Zeit wurde es vermutlich schwierig, etwas zu finden, das einen noch nennenswert aufregen konnte.

An der Oberfläche bestand die Basis aus einem verschachtelten Laufgrabensystem, Minenfallen, Stacheldrahthindernissen und stark verbunkerten Feuerstellungen. Sogar wenige Männer konnten in diesem Defensivsystem einem größeren Angriff standhalten. Wenn man berücksichtigte, daß der Vertibird auch noch Luftangriffe zur Unterstützung fliegen konnte, war davon auszugehen, daß sich niemand ernsthaft an einem Frontalangriff auf diese Stellungen versuchen würde.
Wenn die Wachmannschaften oben ihre freien Intervalle hatten, trafen sie sich in der "Opiumhöhle", einem eingegrabenen Unterstand, der durch Sandsackbarrieren und aufgestellte Betonplatten recht gut gegen direkten Beschuss schützte, zugleich aber eine sofortige Verteilung der darin Befindlichen in alle Ecken des Grabens ermöglichte. Rund zwanzig Mann waren stets damit beschäftigt, abwechselnd in der Höhle zu sitzen oder im Graben zu patrouillieren.
Lola verbrachte ihre Abende gern in der "Opiumhöhle" wo beständig GNR aus dem Radio plärrte, die Männer lachten, tranken und ihre derben Witze rissen. Sie war bald zu so einer Art Maskottchen auserkoren und immer gern gesehener Gast in der Höhle. An manchen Abenden verbrachte sie fünf oder sechs Stunden bei der Wache, ehe sie meist ziemlich besoffen in ihr unterirdisches Quartier zurückstolperte.

Die gesamte Anlage verfügte über ein internes Beschallungssystem. Die Lautsprecher waren überall in den Zimmern und Korridoren montiert, in den Quartieren konnte man sie einzeln an- und ausschalten. Die Stromversorgung gewährleistete ein kleiner Fusionsreaktor, den die Techniker wieder zum Leben erweckt hatten. Mit einer improvisierten Feldtelefonleitung waren auch vier mächtige Boxen in der "Opiumhöhle" an das System gekoppelt. Wenn GNR abgestellt wurde, dann deswegen, weil unten in der Sendeanlage einer der Jungs, die dienstfrei hatten, den Schalter betätigte.
Sie hatte sich den Raum einmal in Ruhe angesehen und war aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Drei der vier Wände waren mit einem gigantischen Regal verstellt, in dem geschätzte 10 000 Vorkriegsschallplatten nach einem alphabetischen System aufgereiht waren. Hier unten hatten sie den Nuklearschlag völlig unberührt überstanden.
Wenn irgendjemand Lust hatte, die ganze Anlage mit dröhnend lauter Musik zu durchfluten, dann ging er eben mal schnell dorthin, suchte sich eine schwarz glänzende Vinyl-Scheibe aus und knallte sie auf den Plattenteller.
Schlagartig versank dann der ganze Komplex in einer regelrechten Partylaune, manche der Jungs bewegten sich nur noch tänzelnd und schlenkernd durch den Bunker. Lola hatte einmal nachts, als Jeremia schlief, im Kommandozentrum ihren Heidenspaß damit, zwei Offizieren zuzusehen, die einen bilderbuchhaften Rock'n'Roll aufs Parkett legten.

Oben in der Opiumhöhle kam sie teilweise kaum zum Trinken, weil ständig einer der Männer mit ihr tanzen wollte oder sie nach reichlich Alkoholgenuss ganz von allein einen heißen Auftritt auf dem klapprigen Holztisch hinlegte, der die Soldaten zum Johlen, Klatschen und Toben brachte. Als einzige Frau der gesamten Basis hatte sie den Status einer ungekrönten Königin.
Wo auch immer sie hinkam, hob sich die Stimmung um ein Vielfaches.
Sie wurde mit Dutzenden Spitznamen gerufen. "Biomechanoidin", wegen ihrer Protese, "Bärentante", seit einer der Jungs ihren Teddy entdeckt hatte, "Rabbit" oder "Bunny", weil sie so scharf tanzen konnte ... es war alles zu finden.
"Sister Shotgun" wurde sie aus zwei Gründen genannt. Die Geschichte der Schlacht gegen die Talon-Truppen machte in allen Farben und Formen immer wieder die Runde unter den Männern, wurde mit Ausschmückungen und Übertreibungen immer mehr zur Legende. Daß sie alleine eine ganze Kompanie Talons aufgemischt hatte, daß die fliehenden Truppen nur durch sie aufgehalten wurden ... sie hörte immer wieder eine neue Fabel, und die Geschichten überboten sich an Aberwitzigkeit immer mehr.

Es gab aber noch einen zweiten Grund für diesen - am häufigsten gebrauchten - Spitznamen: Ihr erklärter Lieblingssong.
Wenn die uralte Nummer - die aus dem Jahrzehnt nach 1980 stammte - durch die Kabelleitung nach oben in die Höhle strömte, war sie nicht mehr zu halten.

"Hey, little Sister, what have you done..."
Die Männer sangen nach Leibeskräften, aber mehrere hundert Watt Musik-Leistung ließen sie fast untergehen.
"Hey, little Sister, who's the only one..."
Der Alkohol war schon seit Stunden in Strömen geflossen. Sie tanzte umringt von ausgelassenen Männern der Brigade mit einem Unteroffizier der Fernaufklärer zu den peitschenden Klängen der Nummer.
"Hey, little Sister, who's your Superman, hey little Sister who's the one you want..."
Und spätestens an dieser Stelle stimmten alle ringsum tobend mit ein:
"Hey little Sister Shotgun, it's a ... nice day to ... start again. It's a ... nice day for a .... white wedding!"
Der Schall hallte in den kargen Ruinen der umliegenden Stadt als endlos sich verlaufendes Echo wider. Man mußte diese nächtliche Überdrehung aller soldatischen Ordnung und Disziplin meilenweit hören können.
Was sich wohl still lauschende Ohren dort draußen dabei denken würden?

Jeremia ließ seinen Männern alles durchgehen.
Niemand hielt sich darüber auf, daß sie in nahezu jeder Hinsicht auf alle militärischen Vorschriften und Benimmregeln pfiffen.
Sie zogen sich an, wie sie wollten, sie bewaffneten sich ganz nach individuellen Vorlieben, sie soffen, rauchten und warfen sich ungeniert in aller Öffentlichkeit irgendwelche Drogen ein in ihrer Freizeit.
Sie salutierten nicht, sie exerzierten nie, sie standen nie stramm, sie lungerten bei Lagebesprechungen mit nacktem Oberkörper kaugummikauend am Boden herum, die ausgestreckten Füße auf die Armlehne einer Couch geknallt und kippten sich ein Bier in den Magen ... alles scheißegal.
Wenn es da draußen auf's Ganze ging, dann kämpften sie als ein Team wie die Bestien.
Und nur das zählte für ihren Anführer ...
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« Antworten #32 am: 02. September 2009, 02:00:49 »

Der Vogel donnerte keine drei Meter über dem Boden durch die Nacht.
Maulwurfsratten stoben panisch in alle Richtungen davon, als das dröhnende Ungetüm mit orkanartigen Luftverwirbelungen über ihre Köpfe hinwegglitt. Die Umgebung schimmerte hellgrün in der Restlichtaufhelleroptik vor Lolas Augen. Ihre mechanische Hand war zangenartig um den stählernen Haltegriff geschlossen, während sie lässig in der geöffneten Heckklappe stand und die Ödlandsteppe unter sich hinwegrasen sah.
Sie war seit einer Woche beim EVAC-Team, der Unterstützungstruppe der Fernaufklärer. Jeremia hatte ihr die Eingliederung in die Gruppe angeboten, weil sie über zunehmende Langeweile geklagt hatte und für den Job ohnehin zu wenig Männer verfügbar waren.
Die Aufgabe des Teams war es, Fernaufklärer im Gemüse abzusetzen und nach vollbrachter Tat wieder einzusammeln. Diese Jungs waren allesamt ehemalige SAS-Troopers, unter der britischen Krone die Spezialeinheit der Royal Army. Als "Special Air Service" - Soldaten hatten sie alle Tricks der verdeckten Kampfführung im linken großen Zeh. Sie wurden in normaler Ödlandkleidung und mit leichter Infanteriebewaffnung ausgestattet irgendwo in der Pampa ausgesetzt, erfüllten alleine, in Zweier- oder Vierergruppen ihre Erkundungsmissionen und ließen sich dann vom Vertibird wieder abholen. Lola bewunderte diese Jungs aufrichtig und hatte keinen größeren Wunsch, als so wie sie zu sein: Ein wandelndes Lexikon der dreckigen Kampfführung, ausgebildet in allen miesen Tricks der Guerilla- und Counterinsurgeny-Strategien und saumäßig gefährlich.
Sie waren Helden in ihren Augen, die Coolsten und Besten der "Immortals".

Sie bog mit der rechten Hand den Mikrobügel ganz knapp vor ihren Mund und drückte dann die Sendetaste:
"Rollin' Thunder, hier Sister Shotgun. Frage Kontakt? Kommen!"
Einen Moment schwiegen die schweren Lautsprecherkaspeln auf ihren Ohren, dann antwortete das Funkgerät:
"Cherio, kleine Schwester! Rollin' Thunder hört Deine süße Stimme klar und deutlich!"
Sie lächelte kurz, spuckte den inzwischen geschmacklosen Kaugummi in hohem Bogen aus der offenen Transportraumluke und sagte dann:
"Freut mich, Dich zu hören, Rollins. Wir sind im Anflug auf Point Heaven. Zwei Minuten bis Touchdown. Schmeiß den Joint weg und pack Deinen Kram, Junge, meine offenen Arme erwarten Dich!"
"Alles Roger, Sister Shotgun. Muß nur noch meinen Schwanz einpacken und die Hose wieder zumachen. So long, Schwester, ich kann's kaum erwarten, Dich mir nicht nur vorzustellen!"
Sie grinste breit beim Gedanken daran, daß er sich gerade einen runtergeholt hatte vor Langeweile da draußen.
Dann richtete sie ihren suchenden Blick wieder über das Ödland.

Zwei Minuten später drosselte die Maschine ihre Geschwindigkeit so radikal ab, daß das Mädchen leicht nach vorne gezogen wurde. Aber die Stahlklaue surrte nur leise, als sich die Metallfinger wie eine hydraulische Bergeschere einen Deut fester um das massive Gestänge schlossen.
Nicht unpraktisch, das Ding!

Der Vogel sackte heftig nach unten.
Einen knappen Meter über dem Boden ließ Lola die Stange los und sprang ab.
Draußen sank sie erst auf die Knie und ging dann gekonnt in Liegendanschlag über.
Der zweite Mann nahm die andere Seite ins Visier, ... die Rundumsicherung stand.
Rollins sprang aus dem hohen Gras hoch und rannte auf die Heckklappe zu.
Im Vorbeirennen schwenkte er in Lolas Richtung und verpaßte ihr einen sanften Klapps auf ihr Hinterteil.
Sie grinste wieder und rappelte sich dann hoch um dem SAS-Soldaten rückwärts gehend und nach allen Seiten sichernd zurück zum Vertibird zu folgen.
Augenblicke später funkte sie nach vorne ins Cockpit:
"Easy Rat, wir haben alle Schwanzlutscher wieder hier drin! Reiß den Arsch hoch und dann ab nach Hause!"
"Verstanden, Sister Shotgun! Festhalten da hinten, .... Rooooock'n'Roooll, Baaaaby!"
Sie krallte sich wieder an die Haltestange.

Der Vogel beschleunigte nach vorne und hob sich danach in eine steil ansteigende Kurve, die den Magen gegen die restlichen Gedärme drückte.
Rollins lag flach auf dem Rücken im Transportraum und grinste Lola an.
Sie ging in die Knie und schrie über den Lärm der Rotoren:
"Wie war Dein Ausflug, Killer?"
Er streckte den Daumen nach oben und grinste noch breiter.
"Und?" brüllte sie. "Zum Stich gekommen?"
Er drehte den Daumen nach unten und zog ein gekünstelt trauriges Gesicht.
"Hab Dir zum Trost ein paar Bier kaltgestellt. Heute abend gibt's Party, alter Junge."
Lächelnd drehte er den Daumen wieder nach oben.

Über den Ruinen der Stadt wurde der Lärm der Rotoren tausendfach reflektiert.
Lola hatte sich tiefer in den Transportraum zurückgezogen und die Luke bis auf einen kleinen Spalt geschlossen.
Über den Häusern wurde der Vogel manchmal beschossen, da war die Panzerung ein notwendiges Übel.
Bis zum Touchdown waren es nur noch ein paar Minuten.
Rollins hatte inzwischen seine Ausrüstung fein säuberlich wieder umgeschnallt und wartete kniend auf die Landung.

Schon im Absenken des Vogels konnte Lola die Musik von unten hören.
Die Jungs gaben sich wohl wieder Vollgas in der Opiumhöhle.
Per Knopfdruck senkte sie schon im Landeanflug die Heckklappe wieder ab und funkte dann nach unten:
"Command Center, Easy Rat setzt zur Landung an. Das war's für heute, schätze ich."
"Verstanden, Sister Shotgun. Wurde auch Zeit, verdammt nochmal. Die Eiswürfel schmelzen schon."

Ruckelig setzte der Vertibird auf.
Sie sprang nach unten und marschierte dann auf die Opiumhöhle zu.
Auf dem Weg schaltete sie das Nachtsichtgerät ab und zog sich die Brille vom Kopf.
Taylor lehnte völlig breit am Eingang der Höhle und drückte ihr im Vorbeigehen einen Joint in die Hand.
Sie warf ihr Sturmgwehr in die Ecke und streifte die Kevlarweste ab.
Jemand drückte ihr ein eiskaltes Bier in die Finger und prostete ihr zu.
Die Lautsprecher begannen zu dröhnen: "Hey little Sister, what have you done... "

Sie lächelte wieder.
Krieg konnte so richtig COOL sein....
« Letzte Änderung: 02. September 2009, 02:15:40 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #33 am: 02. September 2009, 10:36:47 »

Lola erwachte gegen sieben Uhr. Sie kramte das notwendige Zeug zusammen und machte sich auf den Weg aus dem Zimmer, durch den Korridor nach links und dann zum Waschraum. Auf dem Weg begegnete sie den ersten Soldaten und freundliche Grüße wurden ausgetauscht.
"Morgen Jauffrey!"
"Morgen!"
"Hi Rollins. Alles frisch?"
"Morgen Lola! Naja ..."
Kurz vor dem Waschraum stoppte sie jemand, der ihr von hinten auf die Schulter griff. Sie drehte sich um und sah das Gesicht von Taylor, dem Koordinationsoffizier.
"Morgen Lola!" sagte er. "Einsatzbesprechung in einer halben Stunde. Dein Team geht raus. Sei pünktlich!"
Dann ging er rasch weiter.
"Ja, geht klar!" rief ihm das Mädchen noch nach.

Dreißig Minuten später stand sie mit noch nassen Haaren an die Wand des Kommandozentrums gelehnt, neben ihr lungerte Rogers auf der Couch, ihr Teamleader. Außer den Beiden war noch Gecko mit von der Partie, ein beunruhigend ungesprächiger Kerl, der aber - wenn man ihn mal näher kannte - ganz in Ordnung war.
"Nur drei? Wo ist Kevin?" fragte sie.
"Nur drei! Wir brauchen einen Platz frei im Vogel für den Rückflug! Sag mal Lola...?" setzte Rogers an.
"Ja?"
"Wieso trägst Du eigentlich dauernd 'ne Brille, wenn Du sowieso immer über den Rand darüber hinwegglotzt?"
"Vorspiegelung falscher Tatsachen!" entgegnete sie kühl. "Damit seh ich so intelligent aus."
Gecko grinste breit, als er ihre Antwort hörte.
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und Taylor betrat den Raum, steuerte wortlos die Kaffeemaschine an und holte sich erstmal einen frischen Espresso.
Drei Augenpaare beobachteten seine Handgriffe aufmerksam und folgten ihm dann Richtung Schreibtisch, wo er sich in den schweren Drehstuhl fallen ließ und die Beine auf die Tischplatte knallte. Dann trank er friedlich einen ersten Schluck, verbrannte sich die Zunge , fluchte ein wenig und stellte die Tasse ab.
"Wir haben einen Fernaufklärer verloren!" sagte er schließlich. "Ihr drei geht raus und findet ihn oder was von ihm noch übrig ist .... je nachdem."
"Autsch!" kommentierte Lola. "Der Tag fängt ja gut an."
"Allerdings!" erwiderte Taylor. Dann stand er wieder auf und ging zu der riesigen Landkarte, die an der gegenüberliegenden Wand hing.
"Hier!" sagte er und zeigte auf eine kleine Gruppe Häuser ein Stück nordwestlich von DC. "Das ist Old Olney. Heute nacht Null Uhr sollte das Rendezvous mit dem Vogel ein Stück südlich davon ablaufen. Wir waren dort, ... er nicht."
"Wer ist es?" wollte Rogers wissen.
"Vance. Er ist seit drei Tagen dort draußen. Und genau so lange haben wir von ihm weder etwas gehört, noch gesehen. Ich kann Euch also nicht sagen, was passiert sein könnte, wo genau er sich aufhält und ob er überhaupt noch - oder schon wieder - in der Gegend ist. Aber irgendwo müssen wir anfangen zu suchen."
Die drei nickten bestätigend. Vermutlich dachte jeder von ihnen in dem Moment das Selbe: Ein hoffnungsloser Fall.
Taylor fuhr ungerührt mit der Einweisung fort.
"Ihr werdet hier, am Rendezvouspunkt abgesetzt." Er zeigte die Stelle auf der Karte an. "Dann geht ihr nach ausreichender Beurteilung der Sachlage nach Old Olney und versucht, irgendetwas rauszukriegen. Vielleicht findet ihr jemanden, den ihr fragen könnt. Oder ihr knobelt Euch aus, in welche Richtung ihr weiter geht. Oder ihr laßt Euch ein wenig die Sonne auf den Pelz brennen, wartet einfach nur, bis der Vogel Euch wieder abholen kommt und erzählt mir nachher eine spannende Geschichte über Eure ruhmreichen Heldentaten. Alles klar?"
Sie nickten alle drei.
"Dann los. In zehn Minuten will ich Eure Ärsche in der Luft sehen."

Sie rannten gebückt auf den Vertibird zu, der mit anlaufenden Rotoren in der Landezone wartete.
Hastig kletterten sie über die Rampe nach oben, dann sagte Lola in das Mikro: "Kann losgehen, Easy, wir sind drin."
"Alles klar, Sister. Das Ödland wartet schon!"
Dann zog der Vogel steil nach oben und schwenkte auf Kurs Nordwest ein.

Der Tag war noch jung, gerade mal 7:38 Uhr. Trotzdem machte sich schon stockende Hitze breit. Es würde eine schweißtreibende Angelegenheit werden. Die schwere Kevlarweste scheuerte auf Lolas nackten Schultern, darunter trug sie nur ein bauchfreies schwarzes Shirt mit schmalen Trägern. Es würde auch so noch warm genug werden. Gecko hatte lediglich ein T-shirt und eine verdreckte Kampfanzughose an. Er war kein Freund von ballistischer Schutzwirkung, weil sie seine taktische Beweglichkeit hemmte, wie er es nannte. Über einen Stahlhelm dachte er nichteinmal mehr nach.
Er zog es vor, stattdessen einfach nicht getroffen zu werden.
Und nach 200 Jahren im Krieg ohne einen einzigen Kratzer gab ihm der Erfolg eindeutig recht.
Rogers lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand des Transportraumes und holte ein wenig Schlaf nach. War wohl wieder eine lange Nacht in der Opiumhöhle geworden. Lola tastete sich über den schwankenden Boden zu ihm und setzte sich an seiner Seite.
Er öffnete die Augen, als er sie bemerkte und sah sie fragend an.
"Wie gehen wir vor?" fragte sie.
"Wir marschieren da rein, hauen dem nächstbesten Ödländer so lange auf's Maul, bis er uns sagt, was er mit Vance angestellt hat, dann schaufeln wir seine Leiche zusammen und fliegen wieder nach Hause. Ganz einfach!"
"Du denkst, er ist tot?"
Rogers sah sie irritiert an.
"Du nicht?"

Eine satte Meile vor Old Olney ging der Vertibird in den Tiefflug über.
"Sister Shotgun, kneiff Deine knackigen kleinen Arschbacken zusammen. Eine Minute bis zum Touchdown. Over!"
Sie wandte sich an die anderen beiden Teammitglieder und brüllte über den Lärm: "Noch eine Minute!"
Dann begann sie die Heckrampe abzusenken und machte sich absprungbereit.
Heute flog Sanders, der landete nie so wirklich. Er bremste den Vogel einfach nur drastisch ab, ließ die Grashalme den Bauch des Fliegers ein wenig kitzeln und zog sofort wieder hoch, wenn alle abgesprungen waren.
Das Fahrwerk benutzte er nur, um zuhause aufzusetzen, wenn er Feierabend machte.

Dröhnend donnerte der Vertibird wieder in die Höhe.
Die Drei lagen jeder in eine andere Richtung visierend am Boden und hielten die Waffen feuerbereit nach vorne gerichtet.
Eine Weile warteten sie ab, bis es wieder still geworden war.
Dann hörte sie Rogers sagen:
"Schönes Wetter heute. Ob's hier irgendwo ein Schwimmbad gibt? Was meint ihr?"
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« Antworten #34 am: 02. September 2009, 16:44:00 »

Die Ansammlung von Gebäuden vor ihnen wirkte im wahrsten Sinne des Wortes ausgestorben. Aus einer kleinen Mulde heraus beobachteten Rogers und Lola nach vorne, in Richtung Old Olney. Ihr dritter Mann sicherte nach hinten, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden.
Nichts war zu erkennen.
Keine Bewegung war zu sehen, keinerlei Laut zu hören.
"Das bringt nichts hier. Wir gehen rein. Abmarsch, Leute." sagte Rogers und erhob sich.
In loser Kettenformation steuerten die Drei auf die erste Hausecke zu. Als sie diese erreicht hatten, pressten sie sich gegen die Wand und lauschten. Noch immer war alles ringsum totenstill.
"In Ordnung. Wir filzen die ganze Geisterstadt hier komplett durch. Haltet die Augen offen und den Finger bereit. Auf Verdächtiges ohne Vorwarnung feuern. Fragen können wir nachher immer noch."
"Das gefällt mir überhaupt nicht hier. Ganz und gar nicht."
Lola wandte sich zu Gecko um: "Es spricht!" erwiderte sie erstaunt.
"Ja. Manchmal." gab er zur Antwort, ehe er wieder verstummte.

Sie rückten geschlossen weiter vor, immer schön der Wand entlang. Lola in der Mitte sicherte zur Seite, Gecko nach hinten. An der Ecke spähte Rogers nach vorne. Noch immer konnte er wenig erkennen.
Mehrere große Schutthaufen ragten neben zwei hell gestrichenen Gebäuderuinen auf, keine Menschen, keine Bewegungen, nur eine erdrückende, bedrohliche Stille. Lediglich einige Vögel zogen lautlos ihre Kreise am Himmel.
"Weiter!" befahl der Teamleader.
Um die nächste Ecke gelangten sie an den vernagelten Eingang des kolossalen Ziegelgebäudes, um das sie gerade herumgeschlichen waren. Vor der Tür lag ein Lasergewehr am Boden, inmitten einer großen Pfütze frischen Blutes. Rogers tatste mit den Fingerspitzen nach der Waffe und zog sie vorsichtig aus der zähen Flüssigkeit, um sie zu begutachten.
"Na großartig!" sagte er dann. "Augen offen halten. Hier wird es noch ordentlich Ärger geben heute."
Lola konnte die Nervosität der kleinen Truppe regelrecht fühlen.

Sie überquerten am Ende des Gebäudes im Laufschritt eine kurze, deckungslose Freifläche, pirschten am nächsten Gebäude weiter. Vor der zweiten vernagelten Tür erwartete sie ein menschliches Skelett, das in absurder Haltung mit gegrätschen Beinen am obersten Absatz der steinernen Treppe saß. Nach den großen Garagentoren zu urteilen, handelte es sich um die ehemalige Feuerwache der Stadt.
"Wie wundervoll. Sehr ästhetisch." sagte Lola.
"Weiter. Wir bringen das hier schnell hinter uns." entgegnete Rogers nur.

Sie schlichen nach Westen, durchsuchten grob eine Ruine, die nur noch ein aufragendes Betongerippe darstellte. Dahinter lag eine schmale Einbuchtung zwischen zwei Gebäuden. Darin stapelten sich von Fliegen umsurrte menschliche Überreste um einen metallen abgedeckelten Kanalisationsschacht. Blutig glänzende Leichenteile, geschwärzte Skelette, vor sich hin faulende Organe.
"Na großartig. Ob er hier dabei ist?"
"Und selbst wenn ... wie sollten wir ihn identifizieren?" erwiderte Lola.
"Gecko! Sichern! Lola! Wir beide sehen uns das näher an."
Die beiden schlichen auf den übel riechenden Haufen zu und sahen sich um.
"Halt nach irgendetwas Auschau, das helfen könnte. Ausrüstungsteile. Waffen. Erkunnungsmarken. Irgendwas."
"Ja. Wenn ich nicht gleich hierhin kotze." entgegnete das Mädchen.
In Richtung des Zaunes, der südlich von ihnen die kleine Einbuchtung abschloß, entdeckte sie eine vor sich hinrostende Jagdflinte. Ansonsten war nichts zu finden, das Aufschlüsse über die Identität der Toten hier liefern könnte.
"Was ist mit dem Schacht?" wollte Lola wissen.
"Später. Erst machen wie hier oben sauber. Wir umrunden die ganze Siedlung und stoßen dann nochmal quer durch. Danach sehen wir uns im Untergrund um."
"Okay. Dann los!"

Am Ende der nach Westen verlaufenden Gasse riegelte ein improvisierter Wellblechzaun den Zugang ab. Sie arbeiteten sich erst ein Stück in diese Richtung vor, ehe sie erkannten, daß hier kein Weiterkommen möglich wäre. Gerade als sie sich umwandten, bemerkte Lola eine Bewegung im Augenwinkel. Sie sah nochmals zurück und konnte eine große, gebeugt gehende Gestalt für den Bruchteil einer Sekunde erkennen, ehe diese hinter dem nächsten Schuttkegel verschwand.
"Hinter uns!" flüsterte sie. "Bewegung!"
Alle drei Gewehrläufe richteten sich auf diesen Punkt aus.
"Es war außerhalb des Zauns. Ich konnte es nicht genau erkennen. Aber es war ... groß!" sagte sie zur Erklärung.
Eine Weile beobachteten alle drei das Ende der Gasse und den dahinterliegenden Bereich.
Aber wieder rührte sich rein gar nichts.
Rogers schüttelte nach einer Weile den Kopf.
"Da ist nichts. Weiter!"

Sie mußten zurück bis fast zur Feuerwache, um aus der Gasse zu gelangen.
Links herum schlichen sie weiter, dieses Mal nach Norden.
Um die nächste Ecke entdeckten sie einen zweiten Winkel zwischen den Häusern. An der hinteren Wand standen zwei große, orangefarbene Müllcontainer. Davor lagen noch mehr Leichenteile und Gebeine verstreut. Außerdem eine Munitionskiste und ein Erste-Hilfe-Koffer.
"Sichern! Alle beide!" befahl Rogers und machte sich daran, die Überreste zu durchsuchen.
"Na also!" sagte er plötzlich und kehrte mit der leise metallisch klimpernden Erkennungsmarke des Vermißten zurück. "Ich sagte doch: Er ist tot!"
"Scheiße!" flüsterte Lola. "Was jetzt?"
"Wir graben diesen ganzen Scheißhaufen hier um und pusten alles weg, was sich bewegt. Das jetzt! Vorwärts! In Gefechtsformation."

Wieder entpuppte sich die schmale, von Schuttbergen gesäumte Straße als Sackgasse, aber etwa in der Mitte führte ein Korridor nach Norden weiter. In Deckung eines großen Kegels aus geborstenem Stahlbeton und zerbröckelten Mauerresten spähte Rogers nach vorne.
"Ach Du heilige ....! Das ist wirklich ... groß!"
Lola schlängelte sich hinter ihm vorbei und spähte mit angelegter Waffe nach vorne.
Etwa fünfzig Meter weiter bewegte sich eine riesige Kreatur mit schleppendem Gang durch die zerstörte Ruinenstadt. Ihr langer Schwanz schlenkerte bei jedem Schritt rhytmisch nach. Ihre vorderen Gliedmaßen waren Händen sehr ähnlich, allerdings mit messerscharfen, elendslangen Krallen bestückt. Sie trug lange, nach vorne gekrümmte Hörner am Kopf und eine Reihe stachelartiger Auswüchse ragten den Rücken entlang aus der Wirbelsäule hervor.
"Fuck! Was ist das?" flüsterte Lola so leise wie möglich.
"Ich habe keine Ahnung. Und ich will es erst wissen, wenn das Vieh tot ist. Bereit machen Marines ... auf Befehl auffächern und Feuer frei. Achtung ... und los!"
Alle drei sprangen aus ihrer Deckung hervor, gingen nebeneinander in die Hocke und eröffneten den Beschuß. Ein dichter Kugelhagel ergoß sich auf die gewaltige Kreatur, Dutzende Geschosse trafen ihr Ziel ... aber das Biest richtete sich nur drohend auf und brüllte dumpf durch die gespenstische Ruinenstadt. Dann machte es einen kraftvollen Satz zur Seite und war wieder aus ihrem Blickwinkel verschwunden.
"Scheiße!" sagte Lola fassungslos.
"Das waren mindestens dreißig bis vierzig Volltreffer. Wachsam bleiben, Leute. Wir zielen nur noch auf den Kopf!"
Sie visierten weiterhin die Gasse entlang, aber die Kreatur blieb verborgen in der Deckung des aufgetürmten Schutts.
"Da vorne. Ganz am Ende der Straße. Hinter dem Zaun. Da ist noch eins." flüsterte Lola.
"Verdammt nochmal! Ruf den Vogel! Versuch, Easy dranzukriegen. Wir brauchen die Gatling hier."
"Okay!" erwiderte Lola, dann griff sie zum Funkgerät.
"Easy Rat, Easy Rat ... hier Sister Shotgun. Erbitte dringende Luftunterstützung für schwere Kampfhandlungen in Old Olney. Kommen!"
Die Leitung blieb still.
"Easy Rat für Sister Shotgun. Frage Kontakt? Kommen!"
Sie schüttelte den Kopf.
"Außer Reichweite. Wir sind auf uns gestellt, Rogers."

"Na großartig." entgegnete der Teamleader. "Da sitzen wir ja ganz abartig in der Scheiße!"
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« Antworten #35 am: 02. September 2009, 22:58:09 »

"Und wenn wir uns von hier verpissen? Der Auftrag ist ausgeführt, wir haben ihn gefunden." warf Lola ein.
Rogers nickte nachdenklich.
"Ist vermutlich besser so. Für einen groben Zusammenstoß mit mehreren von Biestern sind wir absolut nicht ausgerüstet." sagte er dann. "Wir gehen aber nicht den selben Weg zurück. Abbruch und direkt nach Osten wieder raus hier. Und los geht's!"
Hastig setzten sie zum Rückzug an, schlängelten sich wieder durch die Gasse zurück und hielten dann ein Stück nach Nordost auf die gegenüberliegende Hauswand zu.
"Genau hinter uns ist noch einer." flüsterte Gecko.
Und tatsächlich bewegte sich aus Richtung der Feuerwache eine weitere dieser Kreaturen langsam auf sie zu.
Rogers korregierte den Kurs nach Norden, vorbei an dem Gebäude, vor dem sie das Lasergewehr gefunden hatten.

An der Ecke angelangt trennten sie nur noch wenige Meter vom Rand der kleinen Ansiedlung.
Rogers schwenkte sofort nach rechts ein und steuerte auf die Ödlandsteppe zu. Mit einem Handzeichen bedeutete er Gecko, ein Stück weiter die Straße nach oben auszuschwenken und einen Blick in die nächste Gasse zu werfen.
Lola blieb nach hinten sichernd kurz an der Ecke hocken, um auf den dritten Mann ihres Teams zu warten und ihm den Rücken frei zu halten.
Plötzlich hörte sie hinter sich einen kurzen Aufschrei und ein metallisches Klappern. Sie riß den Kopf herum und sah Gecko noch einen Augenblick lang nach unten verschwinden.
"Fuck! Rogers!"
Der Teamleader und sie steuerten auf die Einsenkung zu, in der Gecko verschwunden war.
Er stand drei Meter tiefer auf festem Betonboden. Rings um ihn ragten kahle Wände empor, ohne jede Möglichkeit, daran hochzuklettern.
"Bist Du verletzt?" fragte Lola nach unten, aber er schüttelte nur den Kopf.
"Das scheiß Gitter da ist mir einfach unter den Fußsohlen weggeklappt." sagte er und deutete auf einen massiven Metallrost, der an seinen Scharnieren senkrecht an der Seitenwand der Grube herabbaumelte.
Kurz dachte Lola nach, aber die Sache war ziemlich aussichtlos.
"Da kriegen wir ihn nie raus." sagte sie zu Rogers. "Wir müssen zu ihm runter und dann alle gemeinsam durch die Tür da. Vielleicht kommen wir so bis zum dem Kanaleinstieg, den wir dort vorne gesehen haben."
Ihr Teamleader nickte und schickte sie per Handzeichen zu Gecko nach unten.
Dann sprang er selbst nach.

Kaum hatten sie die Metalltür offen, fiel schon die erste dieser Kreaturen über sie her.
Mit einem gewaltigen Prankenhieb fegte sie Rogers von den Beinen, der als erster in den Abwasserkanal getreten war. Lola und Gecko drückten die Abzugshebel bis zum Anschlag durch und pumpten den Schädel des Biests so mit Blei voll, daß es keine Chance hatte.
Dennoch war aus beiden Waffen ein volles Magazin nötig, um das Monster zu stoppen.
Rogers hatte sich mühsam wieder hochgerappelt und hinkte angeschlagen zu ihnen herüber.
"Bist Du verletzt?" wollte Lola sofort wissen.
"Ich glaub, das Scheißvieh hat mir ein paar Rippen gebrochen." ächzte er unter sichtlichen Schmerzen. "Wir müssen hier raus, Leute, einfach weiter. Kümmert Euch um die Umgebung, nicht um mich."

Lola betrachtete die Bestie noch einen Augenblick, und stellte entsetzt fest, daß sie etwa zweimal so groß wie ein Mensch war.
Dann übernahm sie die Spitze des Trupps. Rogers reihte sich in der Mitte ein.
Ein Stück weiter im Tunnel und um die erste Kurve herum stießen sie auf die nächste Stahltür. Vorsichtig öffnete das Mädchen die Luke und spähte in den nachfolgenden Raum.
"Alles sauber. Weiter!" befahl sie und schlich voran, vorbei an ratternden Computerterminals und einer Wartungsstation für einen Protectron. Die nächste Tür wurde geöffnet, wieder vorsichtig um die Sichtkanten gespäht. Knurrend sprang das Biest auf sie zu und riß sie von den Beinen. Ihre Waffe wurde mehrere Meter nach hinten geschleudert.
Gecko und Rogers feuerten wie besessen auf das Vieh, aber es trottete ganz langsam weiter auf Lola zu, die verzweifelt versuchte, nach hinten wegzurutschen. Nur ein oder zwei Schritte, ehe sie erneut in die Reichweite seiner Pranken gelangte, brach die Bestie unter dem Kugelhagel ihrer Kameraden zusammen. Hektisch tastete sie nach ihrem G36 und nahm es so rasch wie möglich wieder an sich.
"Alles okay, Sister?" fragte Gecko zu ihr herüber, ohne den Blick vom Tunnel vor ihm zu nehmen.
"Ja, hab Glück gehabt." erwiderte sie und setzte sich wieder nach vorne, um die Truppe weiterzuführen.

Sie stießen auf eine Metalleiter, die zu einer Luke nach oben  führte, aber nach kurzer Untersuchung stand fest, daß sie gründlich verschlossen war. Sie mußten weiter durch den Kanal, ob sie wollten oder nicht.
Als sie um die nächste Kurve spähte, sah sie etwas tiefer unten eine weitere dieser Monstermutationen durch den Tunnel schleichen. Sie zog eine Handgranate vom Gürtel und riß den Sicherungssplind ab. Dann nickte sie ihren Kameraden auffordernd zu.
Die beiden taten es ihr gleich und auf ihr Handzeichen hin warfen sie alle drei synchron in Richtung der Bewegung dort unten.
Das Aufschlagen der Granaten machte das Biest auf das metallische Geräusch aufmerksam. Ruckartig riß es den Kopf herum und betrachtete interessiert die kollernden Dinger vor sich. Es senkte sogar die Nase ein wenig und schnupperte neugierig.
Im selben Moment knallte es heftig und die Splitter durchschlugen den Körper der Kreatur hundertfach.
Aber anstatt tot umzufallen, brüllte das Vieh dröhnend laut los.
Ringsum wurden die stampfenden Schritte hektisch losrennender Artgenossen hörbar.
Die folgenden Momente waren ein einziges Chaos.

Am Ende waren mehrere hundert Patronenhülsen rings um Lola verstreut, drei tote Monster lagen am Boden, ein viertes schleppte sich sterbend noch ein paar Meter weiter, ehe es liegenblieb. Gecko war tot, Rogers lag mit mehreren Knochenbrüchen keuchend in einer Ecke.
Und Lola hatte die größte Mühe, sich aufrecht zu halten.
Ihr Kopf dröhnte und das Bild vor ihren Augen flimmerte.
Blut sickerte ihr in feinen Rinnsalen über das Gesicht und tropfte von ihrem Kinn zu Boden. Regelrecht winselnd vor Schmerzen zog sie die abgebrochene Kralle, die in ihrem linken Oberschenkel steckte, langsam aus der tiefen Wunde. Sie wäre längst tot, wenn Gecko nicht zwischen sie und die Kreatur gegangen wäre, am Ende seiner Munitionsvorräte nur noch mit einem gezückten Messer.
Mit seinem Tod rettete er ihr noch das Leben.

Sie kauerten stundenlang nebeneinander in der dunklen Ecke des Abwasserkanals und rührten sich kaum. Still horchten sie auf jedes kleine Geräusch, aber die gesamte Zeit über war keiner dieser charakteristischen Knurrlaute mehr zu hören.
Schließlich sagte Lola: "Wir können hier nicht bleiben. Wir müssen zum Vogel zurück, nur so kommen wir hier raus."
In einer Stunde würde Easy Rat am Abholpunkt aufsetzen. Wenn sie dann nicht auffindbar waren, saßen sie bis mindestens morgen früh hier fest.
Rogers nickte geschwächt und hantelte sich dann mühsam an der Wand entlang in den aufrechten Stand.
Sein rechter Unterarm war gebrochen, eine Waffe abfeuern würde er nicht mehr können.
Wenn es zu einer weiteren Begegnung mit einem dieser Biester kommen würde, wäre alles vorbei.
Leise tasteten sich die beiden Verwundeten vorwärts. Nur langsam kamen sie voran, von Schmerzen gequält und der nackten Angst dennoch getrieben. So erreichten sie eine weitere Stahlleiter, an deren Ende tatsächlich die Luke lag, die sie an der Oberfläche entdeckt hatten.
Rogers kletterte mühsam hinter Lola her, nur unter Verwendung seiner linken Hand. Oben half ihm das Mädchen vorsichtig beim Ausstieg. Es war dunkel geworden inzwischen. Sie setzte das Nachtsichtgerät auf die Augen und schaltete es an. Zumindest wäre sie damit etwas im Vorteil, hoffte sie.

Sie sicherte den Rückmarsch mit verbissener Entschlossenheit. Sie waren so nahe dran, hier rauszukommen. Es durfte nicht jetzt noch schiefgehen.
Vor der Feuerwache spähte sie die Straße entlang nach Norden. Dort vorne hatte der Alptraum mit Geckos Sturz in den schlecht vergitterten Schacht begonnen. Dort lag auch der gangbare Ausweg aus dem Unheil.

Sie hatten gerade die freie Fläche erreicht, die sich vor dem letzten Haus auf ihrem Weg innerhalb der Stadt erstreckte, als sie vor ihnen entsetzt diese unheilvolle Silhouette um die Ecke biegen sah. Hektisch fuchtelte sie Rogers nach hinten, daß er sich ducken solle. Noch war das Vieh mehr als siebzig oder achtzig Meter von ihr entfernt und hatte sie garantiert noch nicht gesehen.
Vielleicht würde es sich einfach wieder von hier trollen, ohne auf die beiden Marines aufmerksam zu werden.
Aber dann mußte sie feststellen, daß das Biest nach rechts abdrehte und direkt auf sie zusteuerte.
"Was auch passiert. Bleib unten und stell Dich einfach tot." sagte sie zu Rogers, rückte ein paar Schritte weiter vor, um Abstand zu ihm zu gewinnen, visierte sauber auf den Kopf und drückte den Abzug durch.
Im selben Moment begann die Kreatur zu rennen, gerade auf das am Boden kauernde, um sein Leben schießende Mädchen zu. Das vorletzte Magazin war leer, hektisch zog sie es ab und ließ es achtlos fallen. Mit metallischem Klacken rastete das nächste Magazin ein, sie repetierte noch und feuerte wieder.
Das bewegliche Ziel war wesentlich schwerer zu treffen.
Zahlreiche Geschoße verfehlten den Kopf und gingen ins Leere, und das, wo jeder einzelne Schuß zählte.

Und dann klackte es leise in Lolas Waffe.
Der Schlagbolzen griff in gähnende Leere.
Sie schloß die Augen und atmete noch einmal tief ein.
Mit polternden Schritten und ohrenbetäubendem Gebrüll hastete der Tod auf sie zu.
"Zieh den Kopf ein, Sister Shotgun, Easy Rat spuckt gleich Feuer und Rauch hinter Dir, Süße!" sagte der Lautsprecher auf ihrem Ohr in diesem Moment. Sie ließ sich zu Boden fallen und registrierte noch die zuckenden Lichtblitze der Lasergatling, die diese Bestie vor ihr in qualmende Fetzen zerrissen.
Dann rauschte der Vogel pompös lärmend über sie hinweg....
« Letzte Änderung: 03. September 2009, 01:27:01 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #36 am: 03. September 2009, 01:20:44 »

"Command Center, hier Easy Rat Five im Zielanflug auf Basis. Erbitten dringende San-Unterstützung am Landeplatz. Wir haben zwei Schwerverwundete an Bord. Unsere kleine Schwester hätte fast ins Gras gebissen und wir haben Gecko verloren da draußen. Ziemlich scheiße gelaufen heute. Over!"
"Verstanden, Easy Rat. Medevac-Team rückt sofort aus. Bringen sie einfach unsere Leute nach Hause. Over and Out!"
Eine laute Sirene heulte durch die Korridore der Bunkeranlage und machte die gesamte Truppe hellhörig. Ein paar der Jungs sprangen erschrocken aus den Betten und hasteten nach ihrer Kleidung und Ausrüstung. Dann dröhnte die Lautsprecheranlage auf allen Etagen los.
"Das gesamte Notarztteam sofort nach oben zum Landeplatz. Easy Rat geht in wenigen Minuten mit zwei Verwundeten zu Boden. Ich wiederhole: Alle Notärzte sofort bereit machen für Aufnahme von zwei Verwundeten."
Dann brach hektische Aktivität aus.

Wenig später setzte der Vogel draußen auf der ausgetrockneten Erdfläche auf.
Die beiden Verwundeten wurden noch vor Ort erstversorgt und dann ins Lazarett verfrachtet.
Wenig später erstattete ein Sanitäts-Unteroffizier Bericht bei Taylor und Jeremia.
"Rogers hat's übel erwischt, das sieht nicht gut aus. Acht Knochenbrücke, innere Blutungen, Platzwunden, mehrere Fleischwunden. Wir haben ihn in künstlichen Tiefschlaf versetzt und für die OP vorbereitet. Das Team geht in zehn Minuten an die Arbeit."
"Und Lola?" hakte Jeremia nach.
"Die hatte mehr Glück. Eine Gehirnerschütterung, die sich gewaschen hat, Prellungen und Blutergüsse, Platzwunden am Kopf, tiefe Kratzer am Oberarm und eine etwa sieben Zentimeter tiefe Fleischwunde am Schenkel. Von einer ... Kralle."
Taylor und Jeremia sahen den San-UO verwirrt an: "Einer was?"
"Einer Kralle. Die Beiden sagten übereinstimmend aus, daß sie von riesigen, aufrecht gehenden Viechern zerlegt wurden, die bis zu hundert Volltreffer wegstecken konnten. Sanders kann das bestätigen. Er hat eins von den Biestern mit der Gatling zersiebt, als er einen Unterstützungsangriff flog."
"Was is'n das für'n abgefahrene Scheiße?" erwiderte Taylor. "Sind wir hier in 'nem Horrorfilm, oder was?"
Aber Jeremia nickte nachdenklich.
"Ich glaube, mir schwant da was. Wo haben wir den Bericht von Operation Fury abgelegt? Da stand doch auch schon mal sowas drin, wenn ich mich recht erinnere."
Taylor machte sich an einem großen Aktenschrank zu schaffen und zog dann eine dünne Mappe hervor, die er Jeremia überreichte.
"Danke. Ich geh mir das mal in Ruhe durchlesen. Schaukeln sie mal den Laden hier inzwischen, okay!?"
"In Ordnung, Sir!" entgegnete Taylor und salutierte korrekt auf.
Jeremia, der schon fast bei der Tür draußen war, wandte sich nochmals um und hielt ihm die geballte Faust entgegen.
"Taylor! Das ist die letzte Warnung!"
"Okay, Sir! Hab schon verstanden." Damit entspannte er seine Körperhaltung wieder in gekünstelte Lässigkeit.

Der Kommandant der "Immortals" steuerte auf dem Weg in sein Quartier das Lazarett an. Lola empfing ihn mit einem glücklichen Lächeln, als er zu ihr ans Bett kam.
"Ach Mädchen. Du machst mir aber auch dauernd Sorgen."
"Hallo, mein Großer. Halb so schlimm, ich werd in ein paar Tagen wieder." entgegnete sie matt.
Er streichelte ihr sanft über den Kopf.
"Was war los da draußen? Ich kapier gar nichts mehr! Riesige Kreaturen mit Krallen?"
Sie nickte ein wenig.
"Und Hörnern. Wird alles in dem Bericht stehen, den Du morgen kriegst." sagte sie. "Die Dinger haben uns auseinandergenommen. Mit Sturmgewehren waren die fast nicht kleinzukriegen."
Sie setzte einen traurigen Blick auf und sagte noch leise dazu: "Und Gecko ist tot. Das ist alles meine Schuld!"
"Nein!" antwortete Jeremia. "Ist es nicht. Wir hätten Euch nicht mit so wenig Feuerkraft da rein schicken sollen. Es war ein klassicher Kommandantenfehler. Schlechte Lageeinschätzung und zu wenig Aufklärung. Du warst großartig da draußen. Du hast Rogers da raus geholt und Euch beiden das Leben gerettet. Das war gute Arbeit, Lola. Wirklich!"
"Das sagst Du nur, um mich aufzuheitern, nicht wahr!?"
"Nein Lola. Und damit Du auch weißt, wie ernst mir das ist, sag ich es Dir mal jetzt gleich. Nachdem Dein Team de facto nicht mehr besteht, werden wir es neu besetzen. Kevin wechselt zu den Fernaufklärern und Du bekommst drei neue Männer zugeteilt. Das Team wird in Zukunft unter Deinem Kommando operieren. Auf Dich kann man zählen und das ist es, was ein Truppführer braucht. Außerdem haben die Männer großen Respekt vor Dir und achten Deine Leistungen. Ich könnte mir niemand Besseren für die Position vorstellen, als Dich."
Sie sah ihn erstaunt an.
"Das ist nicht Dein Ernst, oder?"
"Doch! Mein voller Ernst. Sobald Du wieder auf den Beinen bist, machen wir es offiziell. Und dann kann's auch schon losgehen. Also! Sieh zu, daß Du wieder einsatzfähig wirst. Wir brauchen Deine volle Kampfkraft. In Ordnung?"
"Ja!" sagte sie leise. "In Ordnung!"

Es war mitten in der Nacht, als sie erwachte.
Sie hatte Schmerzen im verwundeten Schenkel, einen brummenden Schädel und großen Durst. Also krabbelte sie aus dem Bett und schlich leise ins Badezimmer der Krankenstation, um ein paar Schluck Wasser zu trinken.
Drüben angekommen betrachtete sie sich in dem mannshohen Spiegel, der an die Innenseite der Tür geschraubt war.
Dann streifte sie nachdenklich den Bademantel ab und ließ ihn zu Boden fallen.
Nackt stand sie vor dem reflektierenden Glas und musterte zum ersten Mal seit Langem wieder ihren gesamten Körper.
Sie sah erbärmlich aus, mußte sie feststellen.

Die stählerne Protese an ihrem linken Arm glänzte matt im diffusen Licht.
An ihrer rechten Schulter klaffte eine tiefe Narbe, ebenso an ihrer Wange, wo sich ein fleischiger Wulst aufgeworfen hatte und den Laserdurchschuß zu einem regelrechten Blickfänger machte. Der Oberschenkel war noch bandagiert, aber auch hier würde eine Narbe zurückbleiben, soviel stand fest. Über und über war sie zerschunden und aufgekratzt. Große blaugrüne Flecken aus den heutigen Kämpfen färbten sie buntscheckig. Ihre Haare waren zerzaust und struppig, aber die konnte man ja noch ordentlich kämmen.
Ihr Blick schwenkte zurück auf ihr Gesicht.
Sie wirkte auch für sich selbst ganz anders, als noch vor ein paar Wochen.
Seit ihrem Aufbruch aus Springvale war sie gealtert.
Und sichtbar gereift. Sie war kein kleines Mädchen mehr.
Das konnte man nicht übersehen.
Der Krieg hatte sie zu einem anderen Wesen umgeformt.

Sie trat einen Schritt näher an den Spiegel heran und musterte nochmals die zerschossene Wange gründlich.
Dann flüsterte sie ganz leise:
"Hast recht gehabt, Kiowa. Sieht echt verwegen aus."
« Letzte Änderung: 03. September 2009, 04:33:32 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #37 am: 03. September 2009, 04:25:05 »

"Five Eleven, Easy Rat befindet sich noch fünf Minuten vor der Sammelzone. Machen sie ihre Männer startklar, wir schmeißen gleich den letzten Trupp bei Euch raus. Over!"
"Verstanden, Easy Rat Five. Erwarten Ankunft in voller Gefechtsbereitschaft. Dann legen wir mal los, Jungs. Wird Zeit, daß die Biester da drin mal sehen, mit wem sie sich da angelegt haben. Out!"

Die ganze Nacht über hatten sich die Truppen gesammelt.
In Vierer-Blocks wurden die Männer eingeflogen und verteilten sich von hier aus in breiter Front etwa eine halbe Meile außerhalb von Old Olney. Schwere MGs, Raketen- und Flammenwerfer, Phosphorbrandgranaten und zahllose Sturmgewehre warteten im Dunkel der ausklingenden Nacht auf den Einsatzbefehl. Die Aktion mit dem Codenamen "Operation Hellfire" ging in die letzte Vorbereitungsphase.
Tobend senkte sich Easy Rat Five hinter dem steinigen Hügel nieder und setzte die letzten Soldaten durch die Heckklappe ab, dann zog der Vogel auf maximale Höhe, um als Funkleitrelais die Verbindung zur Basis in DC zu gewährleisten. Unten am Boden wurden fast einhundert Waffen durchrepetiert, als über die Frequenz des Zugriffsteams der Befehl zum Abmarsch kam. Alles, was laufen konnte, war in diesen Einsatz geschickt worden. Die Säuberung von Old Olney sollte mit maximaler Schlagkraft und überlegener Feuerkapazität erfolgen. Der Befehl lautete, jede dieser Kreaturen aufzustöbern und zur Strecke zu bringen, notfalls unter Einsatz von Mini-Nukes durch Fatman-Werfer. Und Geckos Leiche sollte geborgen und nach Hause geflogen werden.

"Aaaaaauuuuh-Huuh, hier ist Three Dog und Ihr hört Galaxy News Radio mit den neuesten Nachrichten. Für alle unter Euch, die schonmal das zweifelhafte Vergnügen hatten, einer Todeskralle über den Weg zu laufen hab ich gute Neuigkeiten. Heute Nacht haben unsere Freunde aus der Britischen Botschaft hier in DC zu einem wahren Vernichtungsschlag gegen diese Biester auszuholen begonnen. Wenn Ihr Euch gerade in der Nähe von Old Olney befindet, dann nehmt die Beine in die Hand und bringt einen ordentlichen  Sicherheitsabstand zwischen Euch und die Stadt, denn morgen früh wird dort drin kein Auge mehr trocken bleiben, wenn die Jungs des Royal Marine Commandos sich an die Arbeit machen. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren konnten, machen sich in diesem Moment rund einhundert Soldaten zum Angriff auf die Stadt bereit, nachdem eine gewisse Ex-Vault-Bewohnerin in den Straßen dieses Trümmerhaufens fast von den Viechern massakriert worden wäre und einer ihrer Kameraden im Kampf gegen diese Bestien gefallen ist. Dann räumt mal ordentlich auf in diesem Drecksnest da oben, Jungs. Und gute Besserung, Einhunderteins, wo immer Du auch gerade stecken magst!"
Jeremia knipste das Radio aus.
"Haben wir seit Neuestem einen eigenen Presseoffizier bei uns? Woher weiß der Kerl das schon wieder alles? Hat er 'ne Kristallkugel in seinem Studio rumstehen oder wie macht er das?"
"Aber hast Du das gehört? Er hat mir gute Besserung gewünscht. Also ich fand das nett von ihm." sagte Lola, während sie genüsslich einen frisch gebrühten Kaffee in kleinen Schlucken konsumierte.
"Ja, sehr nett. Und wenn die Biester Radio hören? Dann sind sie jetzt vorgewarnt und der ganze Überraschungseffekt ist beim Teufel!"
Er mußte selber grinsen über den Spruch.
"Command Center!" dröhnte die Sprechfunkstation auf dem Schreibtisch. "Easy Rat geht in Angriffsflug über. Wir starten die Aktion mit dem gewünschten Feuerwerk. Kann nur hoffen, daß da drin kein menschliches Wesen rumläuft. Over!"
"In Ordnung, Easy. Lassen Sie den Vogel mal ein paar Eier legen und erzählen Sie mir dann, wie sich das so anfühlt. Over!"

Der Vertibird zog in großer Höhe quer über Old Olney hinweg. Durch die offene Heckklappe ergoß sich ein Hagel an pummeligen, ovalen, olivgrünen Geschossen, die von den beiden Soldaten aus dem Transportraum geworfen wurden. Sekunden später schlugen die ersten Mini-Nukes am Boden auf und platzten zu grellorangen Pilzwolken auseinander. Ein rasender Feuersturm begann sich durch die Gassen von Old Olney seinen glühenden Weg zu bahnen. Riesige Kreaturen mit langen Krallen und Hörnern auf dem Kopf brüllten schauderhaft durch die ausklingende Nacht, deren kurz bevorstehendes Ende durch einen schmalen Silberstreifen am Horizont angekündigt wurde. Rund einhundert dunkle Silhouetten näherten sich dem unheimlichen Schauspiel derweilen von Westen her, aufgefächert zu einer breiten, waffenstarrenden Menschenkette. Minuten später fielen die ersten Schüsse, als die Soldaten der Immortal-Brigade das Feuer auf panisch fliehende Todeskrallen eröffneten.
"Command Center, Easy Rat hat den Ballast abgeladen und den Kreaturen Feuer unterm Arsch gemacht. Die Jungs gehen jetzt rein und putzen den Dreck wieder weg. Over!"
"Verstanden Easy. Halten Sie uns ein wenig auf dem Laufenden, ja. Und keine unüberlegten Aktionen, ich will nicht noch jemanden von meinen Männern verlieren. Die Jungs sollen schön dicht zusammenbleiben und mit allem was sie haben dreinhauen."
"Geht in Ordnung, Two Six. Wir bleiben in der Nähe und sehen uns das vom Balkon aus an. Over!"

"Na also! In ein paar Minuten kann man dort wieder unbehelligt sein Bier trinken gehen. Was will man mehr?" sagte Taylor.
"Ich find's trotzdem übertrieben." sagte Lola. "Im Prinzip reine Ressourcenverschwendung. Wenn wir einfach einen großen Bogen um die paar Häuser gemacht hätten in Zukunft, wären wir auch nicht daran gestorben, oder!?"
"Ja klar." erwiderte Jeremia. "Aber Du hast ja selber gesehen, daß die Viecher sich immer wieder mal einen Ödländer zum Abendessen holen. Besser wir machen sie jetzt platt, als sie fangen an, die ganze Gegend hier zu terrorisieren."
Lola trank einen weiteren Schluck Kaffee.
Dann sagte sie: "Ist zumindest wichtig, daß wir Gecko da noch rausholen. Der hat ein anständiges Begräbnis verdient, finde ich. Wär nicht korrekt, ihn da zurückzulassen, als Nachspeise für irgendsoein Monster."
Jeremia lächelte sie freundlich an.
"Siehst Du. Einer der vielen Gründe, wieso wir Dir das Kommando über das Team geben, sobald alle wieder zuhause sind. Du hast wenigstens noch Anstand und gute Manieren."

"Command Center, hier Easy Rat Five. Kommen!"
Jeremia griff zum Mikrofon und antwortete.
"Easy, wir hören. Over!"
"Two Six, wir haben Meldung vom Boden erhalten. Die Jungs sind da unten in einem der Kanalschächte über ein riesiges Waffenarsenal gestolpert. Simonovs, Dragunov-SWDs, RPGs und AKs in rauher Menge. Sieht aus, als hätten unsere chinesischen Freunde in der Stadt ein Nachschubdepot angelegt. Over!"
Jeremia nickte zufrieden.
"Na sieh mal einer an. Wenn das mal nicht gute Neuigkeiten sind. Das wirft ein völlig neues Licht auf die ganze Sache, nicht wahr!? Schätze, damit wären wir wieder beim Kernthema angelangt ..."
« Letzte Änderung: 03. September 2009, 04:28:52 von Nachtmensch » Gespeichert
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OH NOEZ!!1!11!


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« Antworten #38 am: 03. September 2009, 05:14:18 »

darf ich hier was rein schreiben? xD ich machs mal omg schreib ein buch xD das ist genial und fesselnd will die 2 seite lesen aber es ist schon spät/früh Lächelnd morgn less ich es aber weiter Zwinkernd
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« Antworten #39 am: 03. September 2009, 16:26:29 »

"Die Sache hat einen Vorteil." warf Taylor ein. "Wir können mal davon ausgehen, daß die Schlitzaugen auch Radio hören. Wenn sie mitbekommen haben, daß wir dort draußen wie die Heuschrecken eingefallen sind, dann werden sie bestimmt wissen wollen, ob wir ihre Waffen gefunden haben. Bei Three Dog haben sie das ja noch nicht hören können. Also kommen sie wahrscheinlich demnächst selber nachsehen. Wenn wir geschickt vorgehen, könnten wir ihren Spähern vielleicht zu ihrem Hauptquartier folgen."
Jeremia bedachte sich die Sache nochmal gründlich, ehe er antwortete.
"Das werden wir auf jeden Fall probieren. Wir setzen heute abend alle Fernaufklärer um Olney ab. Wenn sie Kontakt haben, sollen sie auf Tuchfühlung bleiben und den Jungs nachpirschen. Dem Rest der Truppe geben wir frei, damit sie ausgeruht sind, wenn es ein Ergebnis gibt. Vielleicht finden wir so ihre Basis wirklich und können die Sache hier mal endlich auf die Reihe kriegen."
"Du meinst ..." wollte Lola wissen "... wir haben dann ein paar Tage so richtigen Fronturlaub?"
"Ja. Genau das. Wir nutzen die Zeit für Training und Wartungsarbeiten. Der Vogel muß ohnehin wieder mal gründlich überholt werden und so wirbeln wir auch keinen Staub auf, der die Chinesen verschrecken könnte."
"Dann würd ich gern mal wieder zuhause vorbeisehen, wenn sich das machen läßt." entgegnete das Mädchen.
Jeremia nickte nur. "Sicher. Wir fliegen Dich nach Springvale und sammeln Dich später wieder ein. Sollte kein Problem damit geben."
"Cool! Danke, Boß! Dann lauf ich gleich mal los und pack meinen Krempel."
Damit sprang sie auf und machte sich auf den Weg zu ihrem Quartier. Kurz vor der Tür wandte sie sich noch einmal um:
"Ach ja  ... und ... Taylor?"
"Ja, Lola!"
"Ich bin auch ein SCHLITZAUGE!"
Ein schadenfrohes Raunen ging durch die Offiziersgruppe im Kommandozentrum und gehässiges Grinsen schlug dem Koordinator entgegen.
"Sorry, Lola! So war das nicht gemeint. Ehrlich nicht!"
Aber sie war schon auf dem Korrdior verschwunden.

Der Vertibird setzte den Vormittag über die ersten zurückgeholten Soldaten wieder in der Basis ab. In Pendelflügen sollte im Laufe des Tages die gesamte Truppe wieder heimgeholt werden, nachdem die Operationen in Olney erfolgreich beendet waren. Sie hatten keinerlei weitere Verluste zu beklagen, die Todeskrallen waren als Verpflegungsreserve in handliche Steaks umgearbeitet und Gecko wartete in einem Leichensack auf seinen allerletzten Vertibird-Flug von Olney nach DC.
Lola wartete in der Landezone die nächste Entladung ab und sprang danach in den abflugbereiten Vogel.
"Kann losgehen, Easy. Ich bin drin." funkte sie nach vorne. "Setz mich in Springvale neben meiner Hütte ab und dann kannst Du weitermachen mit Deiner Arbeit."
"Geht klar, kleine Schwester. Festhalten, wir starten durch. Over!"
Wenig später sprang sie neben ihrem kleinen Haus aus der geöffneten Heckklappe und blieb geduckt am Boden, bis der Vertibird sich wieder in die Luft gehoben hatte. Danach marschierte sie gemächlich auf die Hintertür der Bude zu.

Drinnen traf sie die dumpf staubige Stille wie ein Hammerschlag. Sie schaltete zuallererst das Radio an, um die Geräuschlosigkeit aus dem Zimmer zu jagen, dann machte sie sich auf den Weg in den Bunker und checkte das Inventar durch. Schließlich nahm sie das Barrett Light Fifty aus dem Waffenschrank und betrachtete das massige Gerät von allen Seiten.
"Tag, Cinderella! Na? Hast Du mich schon vermißt, altes Mädchen?"
Jetzt redete sie schon mit einer Waffe, fiel ihr plötzlich auf. Weit war es gekommen.
Die Sniper-Knarre würde auf jeden Fall mit zurück nach DC fliegen, soviel war sicher. Könnte noch sehr gute Dienste leisten und Munition hatten die Royal Marines jede Menge, weil auf eine der MG-Lafetten auf dem Dach der Opium-Höhle ein ÜSMG montiert war. Wenn sie wieder rausgingen, hätte dieser lange Arm der Zerstörung garantiert einen gewissen taktischen Vorteil.

Sie schlenderte am Nachmittag hinüber nach Megaton, wo sie schon seit Wochen nicht mehr gewesen war. Sheriff Simms war ganz happy, als er sie wieder sah und schleppte sie gleich auf ein paar Drinks zu Gob nach oben in den Saloon ab. Auch der Ghul hatte seine helle Freude mit ihrem Besuch:
"Lola, Mädchen! Wir haben im Radio gehört, daß Du noch lebst. Mann, waren wir froh! Wir glaubten alle schon, Du hättest den Löffel abgegeben da draußen ... aber hey, verdammt nochmal! Was ist denn mit Deiner Pfote passiert, Mieze? Und Dein Gesicht auch. Mann, was für'ne Scheiße!"
Entgeistert starrte er erst ihre zerschossene Wange und dann die metallene Klaue an. Lola hob das Ding stolz hoch, zog den Ärmel der Tarnjacke zurück und posierte wie ein richtiges Topmodel, damit alle sehen konnten, was sie da hatte.
"Jetzt sagt ihr nichts mehr, was? High-Tech for High-Fun. Damit kann ich sogar Pflastersteine zerbröseln, wenn ich den Druckregler auf Maximum stelle. Bin ein richtiger Androide geworden."
Gob knallte drei Gläser und eine Flasche eiskalten Whiskey auf den Tresen, dann sagte er:
"Setzt Euch, Leute. Wir haben was zu feiern. Unser unschuldiges, kleines Mädchen lebt noch immer und kann sogar noch lachen. Das ist 'ne ordentliche Vollknalle wert."
Lola grinste den Ghul breit an, als sie sich auf den nächstbesten Hocker setzte.
"Also ... ganz so unschuldig ... ich weiß nicht, ob man das noch gelten lassen kann." entgegnete sie.
Gob lehnte sich süffisant lächelnd auf die Theke und starrte sie an:
"Sag mal, wissen wir da was noch nicht? Haben wir wieder mal das Beste eiskalt verpaßt, oder was?"
Sie nickte ihm mehrdeutig zu und hob das Glas zum Anstoßen.
Klirrend klackten die drei Gläser aneinander.
"Dann mal Prost!" sagte Sheriff Simms. "Auf unsere nicht mehr ganz unschuldige Lieblingsirre hier."
Dann wandte er sich an Lola und fragte neugierig:
"Jetzt sag schon: Wie heißt er?"
Sie würgte den Schluck Whiskey in ihrem Mund runter und erwiderte dann gespannt auf die Reaktionen:
"SIE! Nicht ER!"
Gob verschluckte sich an seinem Drink und Sheriff Simms schob mit einem breiten Grinsen seinen Hut aus der Stirn.
"Na das ist ja mal heftig. Und ich hatte mir schon ernsthafte Chancen ausgerechnet bei Dir."
Sie rempelte ihm amüsiert die metallene Faust sanft gegen sie Schulter.
"Naja!" sagte sie dann. "Das kann ich ja auch nicht ganz ausschließen."
Gob brach vor Lachen fast zusammen hinter seinem Tresen und der Sheriff nahm vorsichtshalber noch einen großen Schluck.
Lola genoß die Schockwirkung ihres Auftrittes sichtlich.
Aber schließlich wandte sie sich an die beiden Männer und fragte ins Blaue hinein:
"Sagt mal, Jungs! Wußtet Ihr eigentlich, daß Raiders im Matriarchat leben?"....
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« Antworten #40 am: 03. September 2009, 20:07:37 »

Die Nacht lag wie eine bleierne Decke über den Resten von Old Olney. Ein mattsilberner Mond warf sein schwaches Leuchten durch die dünne Wolkenschicht am Himmel und tauchte die Szenerie in ein diffuses Zwielicht, in dem die Schatten an Leben zu gewinnen schienen. Über der verlassenen Stadt lagen die Blicke von einem halben Dutzend Fernaufklärern, die - in perfekt getarnten Stellungen verstreut - jeden Winkel der kleinen Ansiedlung einsehen konnten.
Seit Stunden lauerten die Royal Marines darauf, verdächtige Bewegungen zu entdecken, die ihre Operation wieder etwas spannender gestalten würden. Aber die nächtliche Ruhe über Old Olney wurde durch nichts und niemanden gestört.

Lola erwartete den Vertibird an die Außenmauer ihrer Hütte gelehnt. Ringsum flüsterte das Gras leise, wenn der Wind darüberstrich. Sie rauchte eine ausgetrocknete Zigarette, die wie Feuer ihren Weg in die Lunge freibrannte. Bei jedem Aufglimmen der Glut knisterte der zu Asche werdende Tabak kaum hörbar.
Sie hatte zwei Tage zuhause verbracht und jede Menge Zeit zum Nachdenken gehabt. Dabei gingen ihr tausende Bilder durch den Kopf, die sie wie ein riesiges Fotoalbum im Gedächtnis hin- und herblätterte. Die Erlebnisse ihrer Reise durch die Ruinen von DC arbeiteten immer noch in verwirrender Vielfalt an ihren Gefühlen und Gedanken. Das Grauen, das sich tief in ihre Seele gefressen hatte, schrie unüberhörbar laut und deutlich danach, eine andere Lösung für all die Probleme ringsum zu suchen.

Seit 200 Jahren schossen die Menschen in und um DC wahllos aufeinander. Ein endloses Gemetzel, gepaart mit dem ständigen Streben nach kleinkarierten Interessen, Einfluß, Macht und Geld trieb diese Gewaltspirale wie ein Perpetuum Mobile an. Insgeheim wollten 99 % aller Menschen da draußen eigentlich damit aufhören, selbst Raiders und Supermutanten.
Aber sie konnten nicht, da der Großteil ihrer Kommunikation auf das dumpfe Bellen abgefeuerter Waffen beschränkt blieb.
Und damit ließ sich schlecht ein Kompromiss finden.
Es gab keine Politik, keine Diplomatie in großem Rahmen, fiel ihr auf. Niemand stellte sich durch seine entschlossenen Handlungen an die Spitze und versuchte, aktiv gegen diesen Irrsinn zu steuern.
Eine schwammige Gruppierung namens "Enklave" versprach messianische Erlösung, aber außer herumirrender Augenbots und einem permanenten Gehrinwäschegedudel eines Radiosenders war von den Wichtigtuern auch nichts zu bemerken.
Und die stählerne Bruderschaft beschränkte sich auf einen ungewinnbaren Abnutzungskrieg gegen Horden ständig nachrückender Supermutanten. Vermutlich wußte längst kein Schwein mehr, wann und warum wer zuerst auf wen geschossen hatte.
GNR laberte von einem "Guten Kampf", aber worum es dabei genau gehen sollte und welchen Zweck das alles hatte, wurde aus keinem von Three Dogs schlauen Sprüchen zweifelsfrei ersichtlich.
Und so dauerte der Kampf unzähliger Fraktionen, die in wechselnden Feindseligkeiten und taktischen Zweckbündnissen oder einfach Jeder gegen Jeden aufeinander schossen, weiterhin an. Es verging keine Stunde, in der nicht aus irgendeiner Ecke von DC heftiger Kampflärm zu hören war. Und selbst der flauschigste Sommerwind trug den dumpfen Widerhall ferner Explosionen und Schüsse über die Steppe des Ödlandes. Aber keiner der Teilnehmer wollte begreifen, daß die Auseinandersetzungen militärisch nicht aufzulösen waren. Gäbe es tatsächlich die Chance, daß eine der Konfliktparteien die Sache dominieren und alle anderen zur bedingungslosen Kapitualtion treiben könnte ... es wäre ihr in den letzten zwei Jahrhunderten vermutlich irgendwann gelungen.
So aber rollte tagtäglich ein Sturm der Grausamkeit über das Land und krallte sich seine Opfer mit der bestialischen Willkür von Glück und Pech, Zufall oder Schicksal heraus.
Ein tiefschwarzer Schatten lag wie ein gespenstischer Fluch über dem Land.
Und in seinem Gefolge hatte die Apokalypse, die vor zwei Jahrhunderten die Erde erschütterte, ihre Krallen tief in die kollektive Psyche der Menschheit getrieben.
Bis heute hatte sie nicht mehr losgelassen.

Interessiert beobachteten sechs Augenpaare die geduckt durch die Nacht huschenden Gestalten. Die Männer dort unten, die sich möglichst unauffällig auf die ersten Mauern von Old Olney zubewegten, hatten geschwärzte Gesichter, dunkelgrüne Kampfanzüge und trugen Kalaschnikov-Sturmgewehre mit sich. Ihre Bewegungen wirkten routiniert und eingeübt, auf den ersten Blick war zu erkennen, daß es sich um kampferprobte und perfekt eingespielte Soldaten handelte.
Wie Geister schlichen sie sich in einer Reihe zwischen die brandgeschwärzten Gebäude der Stadt, um wenig später an einem Kanalisationseinstieg anzukommen. Dort sicherten die Männer nach allen Richtungen mit ausgestreckten Gewehrläufen, während einer nach dem Anderen durch die Luke nach unten kletterte. Als alle unter der Erdoberfläche verschwunden waren, begannen sechs Royal Marines ihre Ausrüstung umzuschnallen und sich abmarschbereit zu machen. Ihr Befehl lautete, den Beobachteten auf ihrem Weg zurück in maximal möglichem Abstand unbemerkt zu folgen. Sie sollten herausfinden, wohin die chinesischen Kommandos zurückkehrten.

"Sister Shotgun, Easy Rat Five ist im Zielanflug auf den Abholpunkt. Mach Dich abmarschbereit, Schwester, die Opiumhöhle erwartet Dich sehnsüchtig." schnarrte der Lautsprecher auf Lolas Ohr.
"Verstanden, Easy Rat. Abmarschbereitschaft seit einer Stunde hergestellt. Könnt ihr Jungs vielleicht auch mal pünktlich sein? Over!"
Minuten später senkte sich der Vogel auf die kleine Wiese neben Lolas Haus und klappte die Einstiegsluke wie eine Zugbrücke nach unten.
Sie huschte gebückt auf den Vogel zu und war kaum im Transportraum verschwunden, als dieser sich wieder vom Boden abhob und zurückschwenkte in Richtung der endlosen Schutthalden von Washington DC ...
« Letzte Änderung: 03. September 2009, 20:15:41 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #41 am: 04. September 2009, 00:15:23 »

Ein wenig Schiß hatte sie davor, sich einfach fallen zu lassen. Wenn sie das unterarmdicke Seil nicht ordentlich erwischte, wäre sie am Arsch. Die Stahlklaue mußte mit einem dicken Lederhandschuh abgedeckt sein, um die porösen Oberflächenfasern des wuchtigen Stranges zwischen ihren Metallfingern nicht aufzureißen. Beim ersten Versuch hatte sie im Schreckinstinkt die Zange zu heftig geschlossen und war einfach hängen geblieben, anstatt mit Höllentempo die gut dreißig Meter nach unten zu rasseln.
Jetzt beim zweiten Anflug klappte es.
Ihre Beine umringelten das schwarze Tau gekonnt und der Druck an den Händen war gut dosiert. Keine drei Sekunden später ließ sie eineinhalb Meter über dem Flachdach los und sackte bereits mit gezogener und angelegter Waffe in die Anschlagshocke.
"Saubere Aktion, Sister Shotgun. Noch ein paar Wiederholungen zum Einfleischen und dann im scharfen Schuß." zirpte ihr das Walkie-Talkie in den Kopfhörer.
Fast-Roping.
Ein echt spektakuläres Manöver, das es unwichtig machte, den Vertibird zum Boden zu bringen. Notwendig überall da, wo Landung ausgeschlossen und Absetzen unumgänglich wäre. Zwischen den Häusern in schmalen Gassen beispielsweise.
Sie zitterte noch aufgeregt. Ein satter Adrenalin-Kick, ohne Frage.
Ihr neues Team mußte eingeschliffen und aufeinander abgestimmt werden, ehe es in den Einsatz gehen konnte. Der "Fronturlaub" war noch nicht vorbei und die wertvolle Zeit mußte genutzt werden. Also waren die vier neuen EVACs unter die Kontrolle von Rollins abkommandiert, um ein Trainingsprogramm in Counterinsurgency, Anti-Terrortaktiken und verdeckten Operationen zu erhalten.
Der alte SAS-Haudegen genoß die Chance sichtlich, Frischfleisch zu drillen.

Ihre "Neuen" waren gute Männer.
Da war zum Ersten "Hammer", der nicht umsonst so genannt wurde. Ein muskelbepacktes Fleischpaket mit unerschöpflicher Kondition und flinken, geschmeidigen Bewegungen. Der geborene LMG-Schütze. Und die Kraft eines Packesels, um die nötige Munition schleppen zu können.
"Viper", wie er genannt werden wollte, hatte wahrlich Biß. Er war Infiltrierer beim Special Boat Squad der Royal Navy gewesen und mindestens so heftig unterwegs wie die Fernaufklärer. Seine Spezialitäten waren die Lautlosigkeit, Unsichtbarkeit und ein Kampfmesser mit matt brünierter Schneide. Wenn man ihm querschoß, mußte man mit ein paar Sprüchen rechnen, die ebenso wehtun konnten, wie seine Klinge.
Und schließlich "Angel". Keine zwanzig Jahre alt zum Zeitpunkt seiner Ghulifizierung und gut konserviert. Er hatte relativ wenig abbekommen von der strahlenbedingten Umwandlung und nannte lediglich ein rechtes Blätterteigbein sein Eigen, der Rest war nahezu pfirsichglatt und irgendwie fast kindlich erhalten. Wenn man ihn ansah, konnte man kaum glauben, daß er je im Leben eine Waffe abgefeuert hatte, aber das war schnell vergessen, wenn man ihm sein Sturmgewehr überreichte. Er betrachtete das Ding nach eigener Aussage als Verlängerung seines Körpers und hantierte damit auch so ähnlich. Wenn er die Knarre auf den Rücken beförderte, konnte er das nie ohne irgendwelche kleinen Kunststückchen bewerkstelligen. Mal rotierte er sie am Trageriemen erst zweimal in entgegengesetzten Bahnen um den Oberarm, mal nahm er sie für eine Sekunde dabei quer über beide Schultern. Wenn es ums Ziehen und Schießen ging, knatterte seine Wumme schon los, ehe die Anderen die ihre auch nur berührt hatten.
Im Wilden Westen hätte er "Billy The Kid" glatt die Show gestohlen.

Und dann waren da noch sie und ihre Zwölfsiebener.
Fast ein wenig deplaziert als Teamleaderin, aber erstaunlicherweise ohne Umschweife von den drei Männern als Autorität akzeptiert.
Sie vermutete zuerst Jeremias persönliche Intervention hinter diesem Phänomen, mußte aber bald feststellen, daß es den Jungs tatsächlich ernst war. Vorurteilsfrei reihten sie sich hinter ihr ein, um ihren Job zu machen. Die blutige Suchaktion in Old Olney hatte ihren Ruf als zähes Luder zu Stein gefestigt. Und knallharte Kampferfahrung achteten die Soldaten zweifelsfrei.

Rollins drosch ihnen tagelang ohne jede Gnade Häuserkampf, Zugriffstaktiken und Bereinigung von Geisellagen in die Knochen. Sie benutzten die Ruinen als Spielplatz für ihre Aktionen und lieferten sich kurze Scharmützel mit vereinzelten Mutys oder Talon-Spähern. Größerem Ärger wichen sie gezielt aus, um kein unnötiges Risiko einzugehen. Es würde draußen noch genug Tango geben, soviel war sicher.
Wenn sie abends von den fast achtstündigen Trainingseinheiten unter Rollins in die Opiumhöhle einfielen, wie eine Rattenplage, konnte sie dieses unbeschreiblich schöne Geborgenheitsgefühl manchmal für ein paar Augenblicke aufschnappen und einatmen. So wie in den wenigen Stunden bei Kiowa und den anderen Raider-Girls. Allerdings könnte das hier tragfähiger und dauerhafter sein.
Als Royal Marine stand man zumindest nicht beim gesamten restlichen Ödlandvolk ganz oben auf der Abschußliste, ex equo mit knisternden RAD-Skorpionen und rotzenden Maulwurfsratten.

Sie hatte die Beine auf den Tisch in der Opiumhöhle geknallt und stellte sich einen undefinierbaren Nuka-Cola-Whiskey-Wodka-Psycho-Mix in die Rippen. Der Abend war lau und angenehm, außer einem knappen Bikinioberteil trug sie nur die verdreckte Tarnhose. Nichteinmal Stiefel hatte sie an den Füßen. Lediglich das G36 lag quer über ihrem Schoß.
Noch war die Bude nicht besonders belebt, nur zwei andere Soldaten der Wachmannschaft saßen lesend am Tisch.
Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber irgendwann merkte sie plötzlich, daß draußen verdächtige Stille herrschte.
"Hört Ihr das auch?" fragte sie die anderen Anwesenden.
Die Beiden lauschten angespannt.
Dann fragte einer von ihnen: "Was?"
"Dieses ... akustische Nichts!"
Im selben Moment kam eine der Wachen um die Ecke des Bunkereinganges geschlichen und zog alle Aufmerksamkeit auf sich.
"Hey!" flüsterte er. "Leise! Fernaufklärer stoßen zu uns. Die Scouts sind zurück. Morgen wird's Rock'n'Roll geben, Leute."
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« Antworten #42 am: 04. September 2009, 03:45:25 »

Die Teamleader, Zugsführer und Offiziere im Kommandozentrum hatten kaum ausreichend Platz. Jeremia hatte für die Einsatzbesprechung alle Führungschargen zusammengetrommelt. Nun warteten die Soldaten gespannt auf die Unterweisung. Inzwischen wußte Jeder, daß die Scouts ein Ergebnis mitgebracht hatten. Das Hauptquartier der chinesischen Truppen in DC war aufgeflogen. Sie würden zugreifen und die Sache hier ein für alle Mal beenden.
Oder es zumindest versuchen.

Als Jeremia den Raum betrat, herrschte gespannte Ruhe. Dutzende Blicke verfolgten seinen Gang an die Stirnseite des Zimmers, wo er sich vor der großen Landkarte postierte.
"Männer. Wir haben sie." begann er seine Einführung in den Schlachtplan. "Die Aufklärer sind einem chinesischen Kommando gefolgt und konnten dort ..." er zeigte ruckartig auf eine Stelle zwischen der Zitadelle der Bruderschaft und dem Super-Duper-Mart am Stadtrand "... eine größere Stellung lokalisieren. Das Zielobjekt ist ein altes Fabriksgelände am nördlichen Ende des Arlington-Friedhofes. Wir haben Dutzende Funkabhörungen und viel Bewegung im Gelände ausmachen können. Wir wissen nicht, was genau sich in dieser Industrieanlage befindet. Aber wir wissen, daß sie ein zentraler Knotenpunkt ihrer Aktivitäten ist. Wenn es uns gelingt, ihnen den Metro-Zugang zum Potomac-Kai abzuschneiden, sitzen sie bereits in der Falle."
"Gibt's da oben nicht eine zweiten U-Bahnzugang, Sir?"
Jeremia nickte. "Ja, gibt es. Er führt nach Falls Church hinüber. Dort drüben regiert die Bruderschaft und ist mit starken Kräften vor Ort, um Mutys auszuknipsen. Wenn die Chinesen dort reingehen und wir nachsetzen, haben sie auf einen Schlag dreimal so viele Gegner am Arsch kleben und werden aus zwei Richtungen angegriffen. Das wäre ihr Untergang. Und ich schätze, das wissen auch ihre Kommandeure nur allzu gut."
Er blickte einmal langsam durch die Runde und vergewisserte sich der ungeteilten Aufmerksamkeit seiner Männer.
"Die Bruderschaft stellt uns den Vorplatz ihrer Zitadelle als Lande- und Sammelzone zur Verfügung. Wir werden uns also auf sicherem Boden formieren, bevor es losgeht. Von dort aus arbeiten wir uns am westlichen Potomac-Ufer entlang flußaufwärts. Auf Höhe Anchorage-Memorial liegt der Metrozugang nach Arlington. Die Tunnel sind ziemlich im Eimer, es existiert lediglich ein schmaler Durchgang über alte Wartungskorrdidore. Hier durch fließen alle kommunistischen Truppenbewegungen. Es dürfte ein Leichtes sein, ihnen diese Route komplett abzuriegeln. Ab dann haben wir das Sagen in Arlington."
Nachdenkliche Blicke waren auf den Gesichtern zu erkennen. In manchen Augen glaubte Lola leise Zweifel bis hin zu offener Skepsis zu sehen. Irgendetwas an der ganzen Sache schien unrund zu sein. Sie konnte es fühlen.
Ein leises, aber nagendes Unbehagen beschlich die meisten der anwesenden Soldaten.
"Wie ist das Zielgebäude gesichert, Sir?"
"So wie es aussieht: Gar nicht. Wir konnten weder umliegende Verteidgungsstellungen lokalisieren, noch irgendwelche Minenfelder oder Sprengfallen ausmachen. Es gibt keinen Stacheldrahtverhau, keine eingegrabenen Bunker und keine überhöhten Feuerstellungen auf umliegenden Gebäuden. Die Kommies scheinen sich blind auf die bloße Tarnung und das gute Versteck zu verlassen. Vermutlich wollten sie aus der Luft vollkommen unsichtbar bleiben. Jede Defensivanlage hätte diese Verborgenheit zunichte gemacht. Ihr wißt alle, daß wir tausendmal über diesen Friedhof hinweggeflogen sind. Und keiner von Euch hat je irgendetwas Verdächtiges gesehen."
Wieder blickte er sich um.
"Noch Fragen?" sagte er dann in die angespannte Stille hinein.
"Wie viele Männer werden reingehen?"
"Vierzig. Das sollte für einen raschen Zugriff auf das Gebäude vollkommen genügen. Wir beginnen morgen 1500 mit dem ersten Verlegungsflug zur Zitadelle. Wenn alle Teams gesammelt sind, beginnt der Vormarsch. Sobald wir die Metro abgeschnitten haben, warten wir den Einbruch der Dunkelheit ab und schlagen in der dritten Dämmerungsphase zu. Wir stürmen das Gebäude und hebeln alle feindlichen Einrichtungen da drin aus. Rückverlegung erfolgt durch Ausfliegen direkt vom Dach des Zielgebäudes. Übermorgen früh sollten alle Einheiten wieder zurück in der Basis sein. Die Operation trägt den Codenamen 'Eagle Claw'. Die beteiligten Einheiten stehen noch nicht restlos fest. Sie werden es noch rechtzeitig erfahren. Das wäre alles."
Damit verließ er das Kommandozentrum wieder und verschwand auf den Korridor.
Einige Augenblicke noch zögerten die Männer, erst dann begannen diejenigen, die der Tür am nächsten waren, sich langsam in Bewegung zu setzen.

Lola machte sich auf den Weg in die Cafeteria, wo ihre Männer auf sie warteten. Auf dem Weg hörte sie hinter sich stampfende Schritte, die nach Hast klangen. Sie wandte sich um und sah Taylor, der auf sie zusteuerte.
"Lola. Gut, daß ich Dich gleich noch erwische. Du und Deine Jungs, ihr geht mit raus. Rollins sagte, ihr wärt so weit. Ihr könnt beim Zugriff mitmischen. Traust Du Dir das zu?"
Sie überlegte kurz.
Die letzten Tage hatten sie genau das bis zum Erbrechen immer wieder durchgekaut. Ihre Jungs waren bestens dafür vorbereitet und sie selbst hatte zumindest ordentlich dazugelernt.
"Ja. Ja, das kriegen wir hin, Taylor."
"Gut. Sehr gut. Ich geb' Jeremia gleich noch Bescheid deswegen. Ihr nehmt die erste Welle mit vier anderen Bricks."
Dann hastete er weiter.

Fünf Bricks, dachte sie bei sich. Zwanzig Mann.
Er wollte also die Zugriffseinheiten auch noch auf zwei Angriffswellen splitten. Der Rest würde wahrscheinlich etwas zeitversetzt hinter ihnen nachkommen.
Der Plan begann inzwischen auch ihr immer weniger zu schmecken.

Als sie bei ihren Männern ankam, starrten sie alle drei erwartungsvoll an.
"Und? Sind wir dabei?" fragte Angel.
"Ja!" sagte sie. "Wir sind als Sturmtrupp eingeteilt. Erste Angriffswelle."
"Ja, Baby!" triumphierte Hammer. "Kommie-Klatschen für Fortgeschrittene. Wann soll's losgehen?"
"Morgen nachmittag. Ziel ist Arlington, ein Fabriksgebäude am Friedhof. Sagt mal, Jungs .... Operation Eagle Claw? Woher kenne ich das?" erwiderte sie.
"Iran. 1979." antwortete Viper. "Der amerikanische Befreiungsversuch für die Botschaftsgeiseln in Teheran. Scheiterte schon im Vorfeld mitten in der persischen Wüste. Es war ein ziemliches Desaster! Wieso fragst Du?"
Sie schüttelte abwehrend den Kopf.
"Nur so." antwortete sie dann leise ...
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« Antworten #43 am: 04. September 2009, 15:27:10 »

Es war stockdunkel.
Leichter Nieselregen setzte sich über die Ruhe am Arlington-Friedhof. Mit einem Ruck wurde die kleine Metalltür aufgerissen, die aus der Metrostation heraus auf die ehemals deckend überdachten Bahnsteige führte. Drei oder vier Gewehrläufe richteten sich aus der Tür, dann sickerten in einer nahtlosen Bewegung die ersten Royal Marines in das Gelände ein und begannen sich die Bahnsteige entlang zu verteilen. In alle Richtungen wurden die Gewehrläufe suchend und tastend ausgestreckt, Handzeichen dirigierten die Männer in eine aufgefächerte Formation auseinander.
Rasch wurde klar, daß nur eine Treppe nach oben führte.
Links und rechts der ummauerten Einfassung postierten sich Soldaten und spähten angestrengt die steineren Stufen hinauf in die Finsternis.
Lola setzte das Nachtsichtgerät auf und schaltete das flirrende Grün in ihr Blickfeld. An der nächsten Ecke stauten sich die nachrückenden Einheiten zusammen. Sie schlich mit ihren drei Jungs im Schlepptau die Treppe hoch und schwenkte nach rechts aus, um ihre Formation über die sichtbar gewordene Straße zu führen. Sie würden in zwei Kolonnen links und rechts der Anmarschwege vorrücken und dabei so weit wie möglich versuchen, unerkannt zu bleiben. Die meisten der Gewehre waren mit Schalldämpfern versehen. Wer keinen hatte, war angewiesen, sich hinten einzureihen. Laute Schüsse in einem zu frühen Stadium der Operation würden ihren letzten Vorteil - die Überraschung - zunichte machen.

Hammer hatte sie mit seiner Minimi ziemlich an den Schluß der Marschkolonne abkommandiert. Seine Feuerkraft würde erst im Gebäude selbst von Bedeutung werden. Während der möglichst stillen Annäherung über das weitläufige, von bröckelnden Grabsteinen und moosüberwachsenen Denkmälern übersähte Areal war er als reine Rückzugsdeckung für Notfälle eingeplant.
Der Funkverkehr wurde auf ein Minimum beschränkt und lediglich flüsternd abgewickelt.
Der Regen wurde etwas stärker.
Die Männer waren angespannt und nervös, aber mit allen fünf Sinnen uneingeschränkt bei der Sache.
Einige dumpfe, ploppende Schalldämpferschüsse klatschen drei Raiders zu Boden, die in der Nähe der Bushaltestellenhütte am oberen Ende der Treppe nichtsahnend herumgehangen hatten.
"Weiter!" flüsterte Lola und führte die Kolonne, deren Aufgabe die rechte Flanke darstellte, dicht an die Mauer der gegenüberliegenden Straßenseite heran.
Bis jetzt lief alles nach Plan.
Die Metro war völlig feindfrei gewesen, das Abwarten der Dunkelheit ohne Zwischenfälle verlaufen.
Die Chinesen schienen nichts zu bemerken.
Bis jetzt zumindest.

An einem trockenen Brunnenbecken hielt sie ihren Zug an.
Neben ihr ragte eine pompöse Statue auf, eine weibliche Figur, die eine Art Wasserschüssel vor dem Bauch in Händen hielt.
Friedvolle Ruhe lag über dem Gesicht des steinernen Bildnisses. Lola beobachtete, wie sich die Formation der Marines an der linken Flanke entfaltete und den Vormarsch auf den sanft ansteigenden Hügel vor ihnen begann.
Sie setzten nach und nahmen die rechte Seite der Straße, die in einer leichten Kurve nach oben schwenkte. Oben angelangt dirigierte der Einsatzleiter sie und ihre Soldaten nach rechts hinaus. Unterhalb einer kreisförmigen Steinummauerung führte eine geschwungene Straße nach Südwesten, etwa hundert Meter weiter war ein hölzernes Haus zu erkennen, das auf der Kuppe eines Hügels thronte.
"Sister Shotgun, ihr geht dort oben rechts weiter vor. Wenn ihr das Haus erreicht habt, halten alle. Ihr geht rein und seht Euch die Bude an. Over!"
"Verstanden, Variable, wir nehmen die Hütte mal unter die Lupe. Out!" erwiderte sie leise.
"Vorwärts. Wir sehen uns das Haus dort oben an." sagte sie zu ihren Männern. "Viper! An die Spitze! Angel! Du auch."
"Ja, Baby. Dein Wunsch ist mir Befehl!"
Wir greifen aus der Tiefe nach oben an, dachte Lola. Wenn irgendetwas schief geht, bieten wir wunderbare Zielscheiben.

Vorsichtig arbeiteten sie sich den Hügel nach oben, vorbei an abgestorbenen, kahlen Bäumen und steinernen Kreuzen.
Dort angelangt umstellten sie die Tür des Holzhauses.
"Variable. Wir sind am Objekt. Gehen jetzt rein. Over!"
"Verstanden, Sister. Wir halten hier drüben die Stellung und warten das Ergebnis ab."
"Hammer! Nach vorne." funkte sie zu ihrem Soldaten ans Ende der Kolonne. Gebückt kam er die Steigung hochgetrabt und postierte sich neben ihr.
"Du öffnest die Tür. Viper, Angel." sagte sie zu ihren Leuten. Dann wählte sie durch Zeigen auf diese vier weitere Soldaten aus. "Du, Du, Du auch. Und Du! Wir gehen rein. Die anderen sichern hier draußen. Und los geht's!"

Der kräftige Mann richtete sich vor der hölzernen Türe zu voller Größe auf und trat zu. Knackend splitterte die marode Pforte aus ihrer Verankerung und klappte nach innen auf den Boden. Momentaufnahmen später waren die Truppen im Inneren und spähten konzentriert um sich. Handzeichen kommandierten einen Teil der Männer nach links, wo ein Türdurchgang unterhalb der Treppe zum ersten Stock zu sehen war. Zwei Mann schickte sie nach oben. Sie selbst ging mit Angel nach rechts.
Im nächsten Raum fand sich eine Esstischgruppe, links ein weiterer Durchgang.
"Da lang!"
"Küche gesichert!" hörte sie im Funkgerät.
"Oben! Gesichert!"
Währenddessen schlich sie mit Angel im Rücken die Kellertreppe abwärts.
Kaum war sie durch die Tür erfasste sie im linken Augenwinkel ein Silhouette, fuhr herum und schoß.
Die Schaufensterpuppe wurde durch die Treffer umgerissen und stürzte zu Boden.
"Scheiße!" flüsterte sie, als sie erkannte, welchem Irrtum sie aufgesessen war.
Um die linke Ecke herum wurde sie auf etwas aufmerksam, das wie ein Heiligenschrein arrangiert schien. Sie hatten nun den gesamten Raum im Blickfeld. Das Haus war menschenleer.
"Keller gesichert! Raus hier, Leute." funkte sie zu den restlichen Soldaten nach oben.
Dann steckte sie die Waffe weg und besah sich das seltsame Zeug vor ihr genauer.

Ein postergroßes Bild eines bärtigen Mannes hing an der Wand, davor waren auf treppenförmig angeordnete Hohlziegel Blumen, Bücher, ein Messer und einige Laternen geschichtet.
"Wer ist das?" flüsterte sie Angel zu, der sich das eigentümliche Arrangement ebenfalls besah.
"George Washington? Abraham Lincoln? Keine Ahnung. Irgendein ehemaliger Präsident."
Sie nickte nur. Eigentlich auch egal.
"Okay. Raus hier!" sagte sie dann und wandte sich zum Gehen. Kurz vor der Treppe bemerkte sie, daß Angel nicht hinter ihr nachfolgte. Sie sah zurück in den Raum und entdeckte ihren Soldaten gerade noch dabei, wie er neugierig die Tür eines Kühlschrankes an der hinteren Wand öffnete.
"Angel! Nein!" schrie sie noch.
Dann zerriß eine dumpfe Detonation die Stille.
Ein Splitterhagel ergoß sich durch den Keller, mehrere davon trafen Lolas Schutzweste und fraßen sich im Kevlargewebe fest.
Sie spürte einen stumpfen Schlag gegen die Stirn und taumelte nach hinten.
Blut begann über ihr Gesicht zu fließen und ein heißer Schmerz zog sich durch ihren Kopf.
 Zwei ihrer Männer kamen über die Treppe nach unten gestürmt.
"Was war das? Was ist los?"
"Sprengfalle!" antwortete sie und rappelte sich hoch.

"Command Center, hier Easy Rat Five. Wir haben Verluste am Boden. Ein Mann gefallen, Sister leicht verwundet. Angel hat es in tausend Fetzen zerrissen. Sprengfalle in einem Kühlschrank. Over!"
Jeremia knallte das Mikro auf den Schreibtisch, daß das Kunststoffgehäuse nur so knackte.
"Scheiße!" sagte er dann...
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« Antworten #44 am: 04. September 2009, 16:56:53 »

Die Platzwunde auf ihrer Stirn war vom Sanitäter versorgt, die Blutung notdürftig gestoppt. Vor etwa einer Stunde waren sie in das Arlington-Gelände eingesickert. Schwerer, trommelnder Regen zerwühlte inzwischen die ausgetrocknete Erde zu Schlamm, formte braune Sturzbäche, die sich ihren Weg über das Gefälle nach unten bahnten. Während des ungeplanten Aufenthaltes hatten sich die Marines auf Höhe des Hauses in breiter Kette quer über den Friedhof verteilt und Deckung hinter Grabsteinen und Erdwällen gesucht.
Angels Überreste ließen sie zurück, nur seine Erkennungsmarke wurde mitgenommen. Es wäre zu mühsam, die blutig-glitschigen Fleischfetzen aus dem gesamten Keller zusammenzusuchen und von Boden, Decke und Wänden zu kratzen.
Vorsichtig erhoben sich die Männer aus ihren improvisierten Stellungen und in breiter Front marschierte die Truppe in kribbelnder Nervosität vereint weiter den Hügel nach oben.
An der höchsten Stelle spähte Lola hinter einem massiven Felsen hervor.
Im Zielfernrohr war die dunkle Silhouette des Fabriksgebäudes gegen den etwas helleren Himmel gut auszumachen. Behälter und Rohrleitungen bedeckten das gesamte Flachdach und versperrten die Sicht.
Und dort oben soll der Vogel anlanden, um uns rauszufliegen, überlegte das Mädchen.

Bewegung war nirgends zu sehen. Die nächtliche Stille wurde vom Regen zu einem undurchdringlichen Geräuschschleier verzerrt, hinter dem alles unterging, was leiser als ein Schuß wäre.
Den Zugang zum Gebäude kanalisierte eine weitere Mauer auf eine einzige, zweispurige Auffahrtsstraße. Dort würden sie aus ihrer breiten Frontformation zusammengequetscht werden auf die Streuungsbreite eines MGs. Und vom Gebäude selbst wären sie eine leichte Beute. Lola spürte eisige Wut über die stümperhafte Planung der Aktion in sich aufsteigen. Was hatte er sich dabei gedacht, sie ohne längere Erkundungs- und Beobachtungsphase auf ein Gelände zu schicken, das sie nicht kannten, nicht einschätzen konnten und von dem niemand wirklich wußte, wie gut verteidigt es war? Wenn das hier vorbei wäre, würde sie Jeremia mal ordentlich die Meinung geigen, soviel stand fest. Aber jetzt mußten sie diesen Alptraum hinter sich bringen. Und das so schnell und verlustarm wie möglich.

Sie rückten weiter vor. Die rechte Flanke schob sich knapp an der Mauer der Auffahrt entlang in Richtung des Zielgebäudes, sobald der Blick nach rechts frei wurde, sicherten die Gewehre in diese Richtung. Vor ihnen lag eine U-Bahnstation. Sie schickte mit vier ausgestreckten Fingern und einem ruckartigen Deuten dorthin die entsprechende Anzahl Männer in Richtung der Treppe. Die linke Flanke fächerte sich währenddessen an einem großen Steinquader mit vier monumentalen Statuenköpfen daran parallel zum Zielgebäude auf.
Die Fabrik lag in scheinbar unbehelligter Ruhe.
Der Regen schluckte das metallische Repetieren des auf dem Dach stationierten chinesischen MGs völlig.
"Haltet Abstand zu den Autowracks." funkte Lola ihren Soldaten hinterher, die auf die Metrotreppe zupirschten.
Inzwischen hatten sich die restlichen 39 Soldaten allesamt über die Auffahrt heraufbewegt und formierten sich zur Umklammerung der Fabrik. In großer Entfernung war das leise Dröhnen des Vertibirds zu hören, der mit ausreichendem Sicherheitsabstand eine kreisförmige Schleife um das Gebiet zog. Wenigstens wäre die Gatling rasch zur Luftunterstützung verfügbar.

Vorsichtig hoben sich die Zugriffstrupps der ersten Welle aus der Formation ab und schlichen auf die beiden Türen zu. Lola und ihre verbliebenen Männer nahmen die Stirnseite des rohen Gemäuers ins Visier und verteilten sich oberhalb der rostenden Treppe schleichend links und rechts der Metallpforte.
"Variable, wir sind so weit. Zugriff kann starten."
"Verstanden, Sister Shotgun. Easy Rat, wir gehen jetzt rein. Kommen sie näher und halten sie sich zur Luftunterstützung bereit. Over!"
Kaum hatte er den Funkspruch vollendet, zerrissen zwei schwere Explosionen die umstellten Eingänge und pusteten die beiden Türen als verbogene, deformierte Blechfetzen nach draußen auf die freie Fläche. Zeitgleich setzte an der Metrostation in ihrem Rücken heftiges Feuer ein. Noch ehe Lola begreifen konnte, was geschehen war, strömten chinesische Soldaten aus den freigesprengten Löchern der Mauer. Parallel dazu rannten mindestens zehn feindliche Kämpfer die Metrotreppe nach oben und schalteten die vier Marines, die zur Sicherung dort abgestellt waren, mühelos aus.
Ein heftiges Feuergefecht entbrannte um die beiden Eingangsschneisen. Kugeln pfiffen den Marines nur so um die Ohren. Manche von ihnen gingen sofort getroffen zu Boden, andere wichen hektisch feuernd zurück.
Die Hälfte von Lolas Truppe, die an der rechten Seite der Tür sturmbereit gelauert hatten, wich erschrocken nach hinten, ohne zu erkennen, daß sie damit tiefer in das umkämpfte Gelände abgedrängt und somit abgeschnitten werden konnten.
"Rückzug, sofort zurück. Runter auf den Friedhof." brüllte der Lautsprecher auf Lolas Ohr. Aber das hätte man ihr und ihren Männern nicht erst sagen müssen. Sie hatten rasch erkannt, daß der chinesische Angriff aus den U-Bahnschächten heraus sie nach hinten abzuriegeln drohte. Wenn es den Gegnern gelang, ihnen den Rückweg dort abzuschneiden, saßen sie in der Falle.
Wild um sich schießend rückten die Immortals wieder in Richtung der Auffahrt ab, um sich in Sicherheit zu bringen.
Dort angelangt liefen sie exakt in den Feuerbereich der gut versteckten MG-Stellung auf dem Dach.

"Command Center, hier Easy Rat Five. Die Sache ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Unsere Jungs sind in schwerem Abwehrfeuer stecken geblieben. Wir haben Tote und Verwundete am Boden. Wir gehen jetzt runter und pusten das MG vom Dach der Fabrik. Die Männer ziehen sich vom Zielgebäude zurück. Erbitte sofort weitere Einsatzbefehle."
Jeremia fühlte eine unangenehme Hitze in sich aufsteigen.
So war das nicht geplant gewesen.
"Easy Rat, sagen sie den Männern, sie sollen eine Auffanglinie bilden und um jeden Preis die Stellung halten. Nehmen sie nach Abschluß der Luftangriffe die ersten Verwundeten auf und fliegen Sie hierher zurück. Wir setzen im Lauf der Nacht Verstärkungen nach und kesseln die Reisfresser weiter dort oben ein. Over!"
"Verstanden, Command Center. Wir geben unseren Jungs noch Feuerschutz, bis sie sich gesammelt haben. Dann rücken wir mit den ersten Getroffenen von hier ab. Over and Out!"
Jeremia schloß die Augen. Hinter seinen Lidern drehte sich das Bild unaufhörlich.
"Verflucht nochmal. Das haben wir uns wohl zu einfach vorgestellt. TAYLOR!"
"Ja Sir!"
"Geben sie Alarm. Wir schicken alle verfügbaren Männer nach. Wenn wir uns jetzt von dort zurückziehen müssen, ohne den Laden ausgeräuchert zu haben, ist die Chance des Jahrhunderts in den Sand gesetzt."
"Geht klar, Sir."
Wenige Augenblicke später heulten die Sirenen im Bunker der ehemaligen britischen Botschaft.

Währenddessen trommelte die Lasergatling des tief anfliegenden Vertibirds zwischen die chinesischen Soldaten.
Die gequälten Schmerzensschreie zahlreicher Verwundeter hallten entsetzlich und entmutigend über den Friedhof.
Royal Marines rannten in hektischer Rückzugsbewegung die Auffahrt nach unten und suchten so schnell wie möglich Deckung zwischen den uralten Grabstätten. Manche von ihnen fielen noch im Laufen getroffen zu Boden, andere hatten mehr Glück und erreichten noch aus eigener Kraft einen Grabstein, der die Kugeln auffing, die hinter ihnen herjagten.
Der Vogel senkte sich bedrohlich tief zwischen die abgeschlagenen Marines und ihre Verfolger, um aus dem Stillstand des Schwebefluges alles vor sich umzupflügen. Die Laserkanone spuckte grell blitzende Salven durch die Nacht und zerriß Körper, Arme, Beine, Köpfe zu blutigen Fleischfetzen.

Lola lag vor Todesangst am ganzen Körper zitternd hinter dem Felsen am höchsten Punkt des Friedhofes und schoß panisch auf alles, was sich bewegte. Funkensprühend trommelten Kugeln gegen Autowracks und Metallgitterzäune. Da, wo das Maschinengewehr auf dem Dach des Gebäudes sie auf ihrem Rückzug zusammengeschossen hatte wie Tontauben, stiegen flammende Explosionen in den Himmel, als der Vertibird seine vernichtende Feuerkraft darauf lenkte.
Als alle Bewegungen zum Erliegen kamen, die Schüsse langsam verstummten und nur die Schmerzensschreie der Schwerverletzten durch die Finsternis hallten, sank Lola kraftlos in den Matsch.

Sie war noch am Leben.
Aber das war reines Glück gewesen, sonst gar nichts...
« Letzte Änderung: 04. September 2009, 23:47:29 von Nachtmensch » Gespeichert
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