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Autor Thema: Geschichten aus dem Ödland - Part I  (Gelesen 4319 mal)
Nachtmensch
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« Antworten #15 am: 28. August 2009, 01:29:47 »

Sie sammelte im Bunker ihres kleinen Häuschen alle notwendigen Vorräte zusammen, auf den ersten Schlag ein nicht mehr zu bewältigender Haufen an Waffen, Munition und Material. Also verteilte sie im Arbeitsraum alles fein säuberlich am Boden, um eine zweite und dann eine dritte Auswahl vorzunehmen. Zuletzt blieb ein kompaktes Bündel Gepäck, ein ziemlich schwerer Satz Munition, den sie in einer taktischen Einsatzweste am Körper gleichmäßig verteilte, sowie drei Waffen: Die schallgedämpfte Five-SeveN, das G36C und ein schallgedämpftes Heckler & Koch PSG 1 im Kaliber 7.62mm für weite Präzisionsschüsse.

Alle Besitztümer, die sie im oberen Bereich des Hauses aufbewahrte, räumte sie den Vormittag über nach unten, wo das Verschließen der massiven Stahlschiebetüre eine nahezu unüberwindbare Barriere vor ihren Habseligkeiten bilden würde. Danach könnte sogar eine Mini-Nuke im Haus einschlagen, ohne daß Lolas Kram in Gefahr gewesen wäre. Als sie gegen Mittag alle Vorbereitungsarbeiten abgeschlossen hatte, verließ sie die Springvale-Hütte für eine nicht kalkulierbare Zeitspanne. Den Schlüssel hängte sie sich mit einer zierlichen Kette um den Hals. Dort wäre er wohl am Besten aufgehoben.

Über dem Ödland hing ein undurchdringlicher Hochnebel, als sie sich schleichend auf den Weg Richtung Osten machte. Nachdem sie die Ruine der Schule hinter sich gelassen hatte, hielt sie auf der Anhöhe, um sich nochmals umzusehen. Hinter ihr winkte ein junger Raider durch die entglaste Öffnung eines Fensters der ehemaligen Schule freundlich.
Sie lächelte und winkte artig zurück.
Das nachbarschaftliche Verhältnis war inzwischen vom Allerfeinsten. Kaum zu glauben, daß sie noch vor drei Monaten im Inneren der Schule ein knappes Dutzend dieser Asseln umgenietet hatte. Wahrscheinlich würde sie inzwischen vorbehaltlos bei ihnen wohnen dürfen.

Beim Super-Duper-Mart traf sie auf eine kleine Gruppe Ödländer, die sich um ein improvisiertes Feuer tummelten. Nach einem kleinen Tratsch über die Neuigkeiten wußte sie, daß die Gefechte um das Kapitol am Ostende der Promenade in DC an Heftigkeit eher zugenommen hatten. Das war zwar keine gute Neuigkeit für ihr Vorhaben, aber dennoch eine hilfreiche Information. Mit Zwischenstopp in Underworld zum Vorräte nachfüllen, müßte die Sache aber theoretisch zu bewältigen sein.
Insofern brach sie nach einigen Minuten wieder Richtung Stadtzentrum auf, ohne nennenswerte Beunruhigung im Blut.

Der Weg Richtung Osten endete vorläufig am Ufer des Potomac. Dort schwenkte sie die Uferpromenade entlang nach Süden, vorbei an der Brücke zum Anchorage-Memorial und dann die eingestürzte Schnellstraßenbrücke hoch, um die darunter campierenden Raiders zu umgehen. Auf Höhe des Haupttores der Zitadelle drehte sie wieder in Richtung Wasser ab. Dort angekommen war vorläufig Feierabend. Das Gewicht ihrer gesammelten Materialien würde sie zweifelsohne ersäufen, wenn sie einfach so durch den Fluß schwimmen wollte. Folglich mußte sie eine andere Lösung finden.
Etwa zwei Stunden lang bastelte sie sich aus angeschwemmten Brettern und Drahtresten ein kleines Floß. Auf diesem band sie ihre Habe fest, testete das Schwimmverhalten und warf sich dann in die Fluten, das improvisierte Transportgerät vor sich herschiebend. Am gegenüberliegenden Ufer wurde dann eine Ladung Rad-Away fällig, ehe es weitergehen konnte.
Erst am späten Nachmittag erreichte sie Rivet City, nach dem obligatorischen Feuergefecht gegen die Mutys zwischen Jefferson-Memorial und dem Stahlträgerzaun.
In der schwimmenden Stadt würde sie über Nacht bleiben, ehe ihr Weg durch die Metro zum Geschichtsmuseum weiterführen könnte.

Flak lächelte glücklich, als er sie sah.
"Komm her, meine Blume!" begrüßte er sie. "Laß Dich umarmen, Scharfschützin! Na? Schon etwas umgepustet mit dem Ding?"
Sie stellte ihre Ausrüstung ab und setzte sich auf das zerschlissene Sofa. Flak nahm ebenfalls Platz.
Dann erst antwortete sie: "Geschätzte zwei Dutzend Mutys, würd ich mal sagen. Ein wahres Prachtstück, sehr effektiv."
Ihr Gesprächspartner betrachtete währenddessen ihre abgestellten Gepäckstücke mißtrauisch.
"Lola?"
"Ja?"
"Was hast Du vor?" fragte er sorgenvoll.
Sie zögerte einen Moment, um noch etwas über die Antwort nachdenken zu können, dann sagte sie: "Das willst Du nicht wissen, Flak, ehrlich."
"Na großartig. Riskierst Du mal wieder Kopf und Kragen für irgendeine Schnapsidee?"
Sie grinste schelmisch.
"Ja, die Idee hatte mit reichlich Schnaps zu tun, oder besser: Whiskey!"
Flak starrte sie auffordernd an, aber als sie einfach nur unschuldige Mine machte, bohrte er nach:
"Wohin, Lola? Sag es mir. Ich komm sonst um vor Sorge."
"Das tust Du erst recht, wenn ich es Dir sage, Flak,"
"WOHIN?"
"DC Mitte, östlich des Kapitols. Das Botschaftsviertel." antwortete sie vorsichtig.
"Oh mein Gott!"
Das war alles. Mehr sagte er nicht in dem Moment. Aber die Farbe in seinem Gesicht wurde um einiges heller, das war nicht zu übersehen.
"Wieso? Was weißt Du über dieses Gebiet?" knüpfte das Mädchen an, nachdem Flak noch immer keine Anstalten machte, mehr auszuspucken.
"Das ..." sagte er trocken "... ist eine Kriegsfront, Lola. Dort drüben kämpfen Mutys, Talon-Truppen, Bruderschaft, Raiders und weiß der Geier wer noch Aller. Jeder gegen Jeden. Und es ist eine einzige Schutthalde. Je weiter nach Osten Du vom Kapitol aus vordringst, desto näher kommst Du an den Ground Zero."
Sie runzelte unverständig die Stirn.
"Ground Zero?"
Er nickte.
"Der Nullpunkt. Die Stelle, über der die Bombe gezündet hat damals. Der Mittelpunkt des nuklearen Feuers."

Jetzt wurde auch Lola blaß ....
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« Antworten #16 am: 30. August 2009, 02:43:10 »

Sie hatte die Nacht ausgerechnet in jenem Zimmer verbringen müssen, in dem Jeremia und sie vor nicht allzu langer Zeit untergekommen waren. Das machte ihren Entschluß letztendlich völlig wasserdicht, obwohl sie nach dem Gespräch mit Flak ernste Bedenken in sich aufbegehren fühlen konnte. Aber nach diesen paar Stunden intensiver Erinnerungen wußte sie eindeutig, daß ihr Ziel nicht mehr verhandelbar wäre.
Sie schlich sich im ersten Morgengrauen vom Schiff, als die halbe Stadt noch im Tiefschlaf lag. Großartige Verabschiedungszeremonien von irgendwelchen besorgten Bekannten und Freunden konnte sie echt nicht brauchen in diesem Moment, soviel war klar. Und irgendwelche schlauen Sprüche, die den Hauch von Furcht vor dem Unbekannten, der in ihr mitschwang, noch unnötig anfachen würde ... auch auf das konnte sie problemlos verzichten.

Sie schlich in leichtem Nieselregen von der stählernen Plattform aus auf die U-Bahnstation zu, tauchte über die festgerosteten Rolltreppen in die Tiefe ab und bemühte sich, die Tür so leise wie möglich zu öffnen und hinter sich wieder zu schließen. Ein leises, hochfrequentes Pfeiffen erklang, als sie die Nachtsichtbrillen über die Augen schob und anschaltete. Dann zoomte die Welt ringsum ins matte Grün über. Der Lichtblitz des Mündungsfeuers vor ihr überblendete das Bild für eine Sekunde vollkommen, der ohrenbetäubende Knall der Schrotflinte machte mit einem Schlag auf die Trommelfelle die Ohren pfeiffen. Blindlings begann sie zu rennen und schoß auf die beiden Silhouetten am Ende der Kurve vor sich. Ihr Glück war die etwas zu große Entfernung gewesen. Die Schrotladung hatte sich ausreichend im Flug verteilt, um sie nicht ernsthaft zu gefährden. Und die wenigen aufschlagenden Schrotkörner blieben in der kevlarverstärkten Weste stecken.

Ihr G36 spuckte seine bleierne Fracht durch den Korridor, Schreie gellten, rennende Füße waren zu hören ... dann nahm sie die Verfolgung auf. Einer der Raider war tot, der zweite schleppte sich angeschossen tiefer in die U-Bahnstation hinab. Sie blieb stehen, legte an und jagte ihm ein halbes Dutzend Geschoße hinterher, die ihn von hinten erwischten und noch im Fallen töteten. Er schlug leblos am Boden auf und rutschte noch ein Stück über die steinernen Fliesen. Lola hatte die Hocke eingenommen und visierte mit dem roten AIM-Point schon auf den nächsten beweglichen Körper vor ihr. Aus zwei weiteren Richtungen wurde gefeuert, aber die Schüsse kamen nichteinmal in ihre Nähe. Gekonnt nahm sie jedes der Ziele ins Visier, drückte eine kurze Slave aus dem Lauf und legte auf den Nächsten an. Zwei Minuten später wurde es wieder still in der Anacostia-Station.
"Das fängt ja schon gut an." sagte sie zu sich selbst, während sie erneut ein volles Magazin in die Waffe steckte.
Dann schlich sie vorsichtig weiter.

Der nächste Feuerkampf in der Museums-Station unterhalb der Promenade war an Heftigkeit kaum zu überbieten. Gerade hatte sie einen patrouillierenden Raider vom Dach eines gekenterten U-Bahnwaggons geholt, als sich von oberhalb der Treppe ein ganzer Schwarm Kugeln auf den Weg zu ihr machte. Zwei oder drei Geschoße bohrten sich in die Kevlarfasern ihrer Schutzweste, die abgegebene Energie hebelte sie von den Beinen und ließ sie rücklings auf die Gleise stolpern. Dort legte sie sich trotz einiger Blessuren in den Anschlag hinter der Bahnsteigkante und schoß erneut blindlings auf jede Bewegung in ihrem Blickfeld. Wieder vergingen Minuten harter Gefechte, wieder starben Raiders einen schnellen Überschalltod. Am Ende zitterte Lola am ganzen Körper, blutete aus mehreren kleineren Wunden und hatte ein Drittel ihres Munitionsvorrates verschossen. Und dabei war sie noch keinen Kilometer näher an ihr Ziel herangekommen.

Die Gittertüre zur Promenade klemmte etwas. Wütend riß Lola die eingerosteten Hälften auseinander, der Lärm hallte zwischen den Hausfassaden mehrmals hin und her. "Gut gemacht, Mädchen!" sagte sie schon wieder zu sich selbst. Und im nächsten Moment lag sie am Boden und schoß zum oberen Ende der Treppe.
"Nimmt das heute gar kein Ende mehr?" dachte sie dieses Mal nur. Aber der Kopf des Mutys, der seine  neugierigen Blicke in die Tiefe herabgeschickt hatte, löste sich schneller in seine Bestandteile auf, als Gegenwehr möglich gewesen wäre.
"Was für ein verdammter Scheißtag!" kommentierte sie das Geschehen für niemanden als sich selbst. Dann rappelte sie sich hoch, schlich die Treppe nach oben, begann wieder, wie wild um sich zu schießen, hörte das surrende Zischen der Geschoße, die an ihr vorbeipfiffen, tötete zwei, drei Supermutanten, robbte in die nächste Deckung, feuerte auf eine dunkle Silhouette, die eine Minigun in Anschlag bringen wollte, kickte die an sie herangerollte Handgranate weg, ehe diese gezündet hatte, erschoß versehentlich einen Talon-Söldner, der gar nicht auf sie, sondern einen Muty gezielt hatte, mußte dann den Muty auch noch selbst erledigen und stellte danach zufrieden fest, daß sie verdammt gut geworden war in solchen Dingen. Nicht, daß das Töten und Todesangst haben so toll gewesen wäre ... aber wenn man ihm ohnehin nicht entkommen konnte, dann war es doch besser, daraus wenigstens ein bißchen Selbstvertrauen zu beziehen.
Ein wenig erschöpft erreichte sie die Pforten zu Underworld, nicht ohne im Vorbeigehen das Mammut im Rondo des Museumsfoyers mit einem sanften Tätscheln auf den ausgestopften Rüssel begrüßt zu haben. Sie hatte ihm sogar schon den Namen "Manfred" - oder kurz "Mani" - verpaßt, das schien ihr naheliegend, obwohl sie nicht wußte, welche unterbewußte Assoziation sie dazu bewogen hatte. Schade, daß es nie antwortete auf ihre freundlichen Gesprächsangebote.
Andererseits ... vielleicht war es auch besser so.
Sie müßte sonst bestimmt auch noch auf das überdimensionale Fellknäuel schießen, an so einem Tag wie heute.

"Tulip! Ich lebe noch!" sagte sie etwas frustriert zu der besten Händlerin im inneren Stadtbereich.
"Ja, das sehe ich." erwiderte die Angesprochene. "Aber das scheint wohl eher auf 'ner ordentlich Portion Glück zu beruhen, wenn man Dich mal genauer betrachtet, Mädchen."
Wo sie recht hatte, hatte sie recht.
Lola bot schon nach diesem kurzen Wegstück einen erbärmlichen Anblick. Dreck- und blutverschmiert, mehrere Einschußlöcher in der Kevlarweste, zwei Streifschüsse am linken Oberarm, blutende Kratzer und Schrammen im Gesicht und an den Händen.... sie hatte schon mal wesentlich addretter gewirkt.
"Ist ein verdammter Scheißtag heute, Tulip. Das kannst Du mir glauben."
Die freundliche Ghul-Dame schob schweigend drei Stimpacks über den Ladentisch und setzte sich dann auf einen alten Plastiksessel hinter der Theke.
"Na los!" forderte sie Lola dann auf. "Starr sie nicht einfach nur an, nimm sie. Gehen aufs Haus. Siehst aus, als könntest Du sie heute brauchen."
"Danke, Tulip. Das kann ich allerdings. Hast Du mal Zeit heute für ein kleines Gespräch. Ich brauch Informationen von Dir. Ist ziemlich wichtig. Sollte aber nicht unbedingt Jeder hier hören können."
Kaum hatte sie das ausgesprochen, sprang ihr Gegenüber vom Sessel auf, verscheuchte mit eindeutigen Handbewegungen einen anderen Kunden, komplementierte alle sonstigen Anwesenden zur Tür raus und verriegelte dann die Eingangspforte hinter ihnen.
"Gut, daß das mal 'ne Toilette war. Man kann von innen abschließen. Sehr vorteilhaft!" sagte sie dann und setzte sich wieder, nicht ohne Lola zu bedeuten, daß sie auch hinter dem Ladentisch Platz nehmen solle.
"Naja. So schnell hätte es auch wieder nicht sein müssen. Aber trotzdem danke."
"Nun gut, Glatthautmädchen. Schieß los. Worum geht es?" wollte Tulip erfahren.
Lola überlegte noch kurz, wie sie es anfangen sollte, dann sagte sie:
"Du kommst doch aus dem Osten der Stadt, hab ich gehört, nicht wahr!?"
Tulip nickte nur.
"Dann kannst Du mir vielleicht sagen, wo ich das Botschaftsviertel finden kann und wie es dort möglicherweise aussieht."
Tulip blickte sorgenvoll.
"Was ist denn? Hab ich was Falsches gesagt?"
Tulip schüttelte den Kopf.

Nach einer Weile sagte sie:
"War also ein Scheißtag heute, hm? Wenn Du dort hin willst, .... dann war das erst das Vorbeben, Lola!"
« Letzte Änderung: 30. August 2009, 05:48:11 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #17 am: 30. August 2009, 04:07:30 »

Tulip hatte stundenlang auf sie eingeredet.
Wie einem kranken Brahmin versuchte sie, dem Mädchen die Idee aus dem Kopf zu argumentieren. Aber Lola konnte, wollte und durfte nicht mehr hören, als sie sich selbst erlaubte. Zuletzt waren ihre Argumente nur noch dogmatisch wiederholte Ausdrücke der blanken Hoffnung, es doch schaffen zu können. Auch wenn sie insgeheim ahnte, daß die Ghul-Beraterin recht haben würde.

Hinter dem Kapitol, im Osten des schwer umkämpften ehemaligen Regierungsgebäudes, begann Neuland für das Mädchen. Dort würde zuallererst eine größere Orientierungs- und Erkundungsmission fällig werden. Kaum jemand aus dem Nordwesten von DC war jemals dort gewesen und die Wenigen, die das Gebiet kannten, waren uralt, unzurechnungsfähig, nicht auffindbar oder ohnehin tot. Tulip konnte kaum mehr liefern, als ein paar grobe Anhaltspunkte, aber spätestens einen Kilometer Luftlinie weiter östlich würde es kaum noch Orientierungsmerkmale geben. Schuttkegel sehen sich ziemlich ähnlich und zu der Zeit, als die Händlerin aus dem heutigen Underworld durch diese Straßenzüge geflohen war, stand ein guter Teil der Stadt noch lichterloh in Flammen. Schon damals - und das war 200 Jahre her - war ein direktes Vorankommen nicht möglich gewesen. Immer wieder zwangen Berge von Trümmern die Fliehenden zu weiten Umwegen, langem Herumirren in halb eingestürzten Tunnels und U-Bahnschächten und teilweisem Zurückmarschieren über viele Stunden durch die Ruinen der Stadt. Für wenige Kilometer hatten sie Tage benötigt.
Von Vorteil könnte lediglich sein, daß nach 200 Jahren wenigstens keine Brände mehr wüteten und schwarze Rauchsäulen die Sonne verdunkelten.
Nachschubprobleme könnten Lola vor allen Dingen zur Gefahr werden. Ob es dort drüben Handel, Karawanen oder Ansiedlungen gab, wußte niemand zu sagen. Sie würde sich aus Beutewaffen und -ausrüstung nachversorgen müssen, eine unsichere Quelle und von enormen Risiken flankiert.
Aber ihr Entschluß stand fest.
Also machte sie sich noch am frühen Nachmittag auf den Weg, die Promenade nach Osten entlang, geduckt dicht an den Mauern schleichend.

Es regnete immer noch stetig, wenn auch nicht besonders ergiebig. Dennoch hatte sich die große Freifläche, die heute von einem Grabensystem durchwühlt war, wie ein Ameisenhaufen, in eine riesige Schlammhalde verwandelt. Matschbraune Gestalten lieferten sich stellenweise heftige Gefechte, an denen Lola möglichst unbemerkt vorbeiperlte wie Quecksilber.
Schwere Explosionen erschütterten das Gelände vor dem hoch aufragenden Kapitol, Rauch stieg auf und die gellenden Schreie Sterbender und Verwundeter hallten in den wenigen Momenten ohne Kampfeslärm zwischen den Gebäuden hin und her. An besonders schwierigen Passagen verbarg Lola ihre Präsenz durch die Verwendung eines Stealth-Boys, pirschte an den Kämpfenden vorbei und versteckte sich so rasch wie möglich wieder zwischen herumliegenden Autowracks, umgestürzten Müllcontainern und aufgeschichteten Sandsackbarrikaden. Als sie die Kampfzone vor dem Kapitol im Zielfernrohr ihres G36 abtastete, um eine Durchbruchsmöglichkeit zu finden, hatte sie noch keinen Schuß abgegeben.
Kurz spielte sie mit der Idee, sich mit Stealth-Boy-Tarnung durch den ganzen Wahnsinn hindurchzuschlängeln, aber erstens würde sie irgendwann das rechtzeitige Nachtanken übersehen und zumindest für einige Augenblicke überraschend sichtbar werden und zweitens hatte sie keine Lust, ihre gesamten Vorräte dieser wertvollen Helfer jetzt schon aufzubrauchen. Mal abgesehen davon, daß sie vermutlich nicht genug dieser Pakete mitführte, um überhaupt durch das ganze Gebäude zu kommen.
Sie würde sich ihren Weg freischießen müssen, ob sie wollte oder nicht.
Worauf also wartete sie noch?

Sie rannte sprintartig los, direkt auf die erste Deckung zu.
Die verbissen kämpfenden Konfliktparteien ringsum waren enorm mit sich selbst beschäftigt, was ihr sehr zugute kam. Sie erreichte den umgekippten Postkasten, ohne beschossen worden zu sein, schaltete mit ein paar Salven einen vor sich hinstammelnden Protectron-Roboter der Talon-Truppen aus, hastete weiter, im Zick-Zack ein möglichst schwer zu treffendes Ziel abgebend und feuerte im Laufen eher blindlings auf Bewegungen, um diese in Deckung zu zwingen. Pfeiffend schleuderten die rings um sie einschlagenden Kugeln den Dreck hoch, sie erreichte einen halbrund aufgebauten Sandsackwall, hinter dem sie in Deckung gehen konnte, nachdem sie dem völlig überraschten Talon-Soldaten, der diese Position schon vor ihr erreicht hatte, den Brustkorb mit Stahlmantelgeschossen vollgepumpt hatte.
Gelegentlich wühlten einschlagende Raketen oder steil herabregnende Mörsergranaten den Schlamm zu hohen Fontänen auf.
Zerfetzte Leichenteile, blutige Torsos, die noch unkontrolliert zuckten und vor Schmerzen schreiende Verwundete lagen überall verstreut. Es war ein gigantischer, furchtbar anzusehender Alptraum, durch den sie sich da hindurchbewegte.

Sie feuerte noch einen kurzen Stoß in Richtung eines nahe gekommenen Söldners ab, dann spurtete sie wieder los. Im Rennen zog sie mit der linken Hand ihr Kampfmesser und stieß es einem Talon-Kämpfer, der sie zu spät kommen hörte, kraftvoll in den Rücken. Die gezackte Klinge fraß sich krachend durch die Rippen und blieb viel zu fest stecken, um sie wieder herauszuziehen. Sie ließ den Getroffenen mitsamt dem eingerammten Messer zu Boden taumeln und rannte weiter. Eine Rakete bahnte sich fauchend ihren Weg auf sie zu, aber sie mußte sich nur ducken um das flach fliegende Geschoß hinter sich im Nichts verschwinden zu lassen.
Ein weiterer Söldner biß unter der Wucht ihrer abgefeuerten Salven ins Gras, dann hatte sie den unteren Treppenabsatz erreicht.
Aber wenn sie jetzt dort hochrennen würde, wäre sie so gut wie tot. Eine bessere Zielscheibe würde sie nicht abgeben können.

Also warf sie sich flach auf den Boden und schoß abermals wie wild um sich.
Erst als es mit einem Schlag still wurde und bis auf das leise Wimmern eines in der Nähe liegenden Getroffenen für einige Augenblicke nichts mehr zu hören war, rappelte sie sich wieder hoch.
Inzwischen war sie vom Schlamm deckend braun eingefärbt und zumindest auf größere Distanz optisch kaum noch von den anderen Soldaten ringsum zu trennen. Diesem Umstand blind vertrauend hastete sie keuchend die Treppe nach oben. In all dem Chaos würde sie wahrscheinlich als Mitglied der Söldnertruppe auf dem panischen Rückzug durchgehen können. Und die Wenigen, die begriffen hatten, daß sie eigentlich nicht dazugehörte, konnten inzwischen ihr Wissen an niemanden mehr weitergeben.

Ihr Kalkül ging voll und ganz auf.
Sie sprintete sogar wenige Meter an einer Gruppe heftig in Richtung der Supermutanten Schießenden vorbei, ohne daß irgendjemand auf sie anlegte. Also rannte sie einfach weiter, mehr auf Glück als auf Können zählend.
Als sie die schwere hölzerne Tür des Kapitols erreicht hatte, ließ sie sich in die Hocke sinken und kramte ein volles Magazin aus einer Munitionstasche hervor. Aber als sie versuchte, es anzustecken, bemerkte sie, daß das unkontrollierte Zittern ihrer Hände ein Ausmaß erreicht hatte, das ihre feinmotorischen Fähigkeiten schwer beeinträchtigte.
Sie mußte die Waffe auf den Boden legen und mit dem Fuß festklemmen. Erst mit beiden Händen, die sich gegenseitig stabilisierten, konnte sie den Nachladevorgang ausführen.
"Ganz ruhig, Mädchen, beruhige Dich!" flüsterte sie zu sich selbst.
Aber ihr ganzer Körper erzitterte wie vom Donnerschlag erschüttert und ihre Hände waren starr, kalt und schweißnaß.

Daß sie keine Zeit haben würde, um sich wieder in den Griff zu bekommen, wußte sie.
Einen tiefen Atemzug lang holte sie ausgiebig Luft ... dann stieß sie mit einem Ruck die Holztüre zur Seite und rollte sich im Inneren des Gebäudes auf den Boden, wo sie sofort in Anschlag ging.
Eine halbe Sekunde später drückte sie schon wieder ab ....
« Letzte Änderung: 30. August 2009, 04:13:46 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #18 am: 30. August 2009, 05:21:51 »

Sengend heiß fraß sich der Laser durch ihr Gesicht. Sie konnte den Geruch des verbrannten Fleisches in die Nase steigen fühlen, der Rauch brannte in ihrem rechten Auge und der Geschmack nach verkohltem Gewebe machte sich in ihrem Mund breit. Das Arschloch hatte ihr knapp oberhalb des Kiefers die rechte Wange durchglüht, ehe sie ihn treffen konnte. Der Schmerz flammte durch ihren gesamten Kopf, aber sie freute sich eigentlich nur darüber, daß der Treffer glimpflich abgelaufen war. Ein paar Zentimeter weiter links und sie wäre garantiert ausgeschaltet worden.

Im Inneren des Gebäudes wurde ebenso heftig gekämpft wie draußen.
Blut und Leichenteile dominierten das düstere Bild, der Lärm der abgegebenen Schüsse drückte gegen die Trommelfelle. Lola beobachtete den verzweifelten Ansturm einer Söldnergruppe auf den Zugang zu einem nicht einsehbaren Korridor rechts vor ihr. Mühelos wurden die vier oder fünf Mann zusammengeschossen, aus dem Gang ergoß sich ein Kugelhagel, der die Wand am Ende der Schußschneise wie einen Schweizer Käse durchlöcherte. Sie robbte panisch nach vorne, um eine Deckung zu finden, aber außer einem hölzernen Schrank und zerfetzten Blechteilen, die wohl kaum eine Kugel abfangen könnten, war nichts zu finden.
Einem Supermutanten, der aus dem Gang hervorstürmte, pustete sie so viele Löcher in den Körper, daß er wie ein Springbrunnen blutend zu Boden sackte. Mit äußerster Mühe stopfte sie das nächste Magazin in ihr G36, repetierte durch, raffte sich auf, rannte nach vorne und warf aus der Hüfte eine kollernd davonrollende Phosphorgranate in den Korridor. Augenblicke später flackerte der orangerote Schein des Feuerballes durch das Gebäude, gellende Schreie hallten von den zerschossenen Wänden wider und ein lichterloh brennender Supermutant raste wie wahnsinnig um sich schlagend in Richtung des Ausganges. Sie hatte keine Zeit, dem hoffnungslosen Fall lange nachzustarren. Stattdessen stürmte sie mit dem Gewehr im Schulteranschlag vorwärts in den Korridor und feuerte dabei auf jede Bewegung.
An der nächsten Ecke wiederholte sie die Taktik, warf eine Brandgranate voraus, ließ die Feuerwand abklingen und setzte schießend nach.

Raum für Raum kämpfte sie sich vorwärts, griff gelegentlich nach nützlichen Hinterlassenschaften unlängst gewaltsam Verblichener und erreichte so schließlich die Vorhalle des großen Sitzungsrondos, durch dessen zerborstene Kuppel der Regen ins Innere des Gebäudes strömte. Sie konnte das Geschehen nicht einsehen, aber der Gefechtslärm zeugte von einem regelrecht rasenden Kampf unter dem halbkugelförmigen Dach. Sie würde in Deckung der Mauerecke abwarten, bis die Sache da drin entschieden wäre. Dann müßte sie es nur noch mit den angeschlagenen Überlebenden aufnehmen.
Währenddessen tastete sie vorsichtig nach ihrer getroffenen Wange, und zuckte vor dem fleischigen Gefühl unter den Fingerkuppen erschrocken zurück. An ihrer Hand floß ein schwarzrotes Gemisch aus Blut und versengtem Gewebe herab.
Interessanterweise durchfuhr sie in diesem Moment der Gedanke daran, daß sie wohl für immer entstellt sein würde. Daß man in einer solch brenzligen und lebensgefährlichen Situation damit beschäftigt sein könnte, den möglichen Verlust makelloser Attraktivität zu bedauern, fand sie fast erheiternd.

Nach einer Weile des Lauschens auf den Kampfeslärm wurde sie mit der Neugier nicht mehr fertig. Vorsichtig schob sie sich an die Ecke heran und lugte um die Mauer herum. Gerade noch rechtzeitig nahm sie das plumpe, langsam quer durch den Kuppelraum fliegende Etwas wahr, das sich in einer steilen Parabel seinen Weg Richtung Boden bahnte. Ruckartig riß sie ihren Körper herum, ließ die Waffe fallen und drückte mit beiden Handflächen auf ihre Ohren, so fest es ging. Die Augen preßte sie kraftvoll zu und erwartete den dumpfen Knall.
Der Lichtblitz, der durch das Gebäude flammte, war so grell, daß sie sekundenlang nur noch rot durch ihre Augenlider erkannte.
"Welcher Vollidiot schießt in einem geschlossenen Raum mit einer Fatman?" dachte sie dann.

Als es still wurde ringsum, ließ sie ihre Ohren los und öffnete zögerlich die Augen wieder.
Fast eine Minute lang wartete sie darauf, irgendetwas zu hören, ... aber es blieb geräuschlos wie in einer Leichenhalle.
Sie richtete sich langsam auf und atmete tief durch.
Der Geigerzähler des Pip-Boys tickte nervös an ihrem Handgelenk.
Hastig fingerte sie aus einer Gürteltasche eine Dosis Rad-X und setzte sich den Autoinjektor auf den rechten Oberschenkel. Mit einem leisen Zischen federte die Nadel durch ihre blut- und schlammgetränkte Hose in den Muskel.
Dann erst nahm sie ihre Waffe wieder in Anschlag und pirschte leise in Richtung des Kuppelbaus vor.

Als sie um die Ecke spähte, lief ihr ein kalter Schauer über die Haut.
Wie gebannt starrte sie auf das Bild vor sich.
Nur mühsam konnte sie ihre Beine dazu überreden, langsam weiterzugehen.
Sie wußte nicht weshalb, aber sie legte im Schulteranschlag auf die Gestalt am Boden an, als wäre diese noch zu irgendeiner Gegenwehr fähig.

Der Supermutant war übel zugerichtet.
Seine gesamte Haut war eine einzige, riesengroße Verbrennung. Rauch und Dampfwölkchen stiegen aus dem blubbernd kochenden Gewebe empor. Seine Gliedmaßen waren kaum mehr als verkohlte, abgeschmolzene Stümpfe, aber er kroch auf diesen Überresten immer noch langsam vorwärts, stöhnend und wimmernd, aber unbeirrbar. Sie zitterte wie ein Blatt im Herbstwind, als sie im Zeitlupentempo auf dieses grauenhafte Geschehen zuging. Erst wenige Meter vorher ließ sie endlich die Waffe sinken.
Das Entsetzen, das sie empfand, war unbeschreiblich.
Aber es sollte noch schlimmer werden.

Als er ihre Füße vor sich erkennen konnte, hielt er in seinem verzweifelten Kriechen inne.
Mit einem grauenhaften Seufzlaut rollte er sich langsam auf den Rücken. Teile seines fast verflüssigten Armes blieben am Steinboden kleben und zogen lange, fleischige Fäden nach sich, als er die verstümmelte Gliedmaße vom Untergrund abhob.
Polternd sackte er auf den Rücken und blieb liegen.

Seine rechte Gesichtshälfte war nur noch ein schwarz verkohltes Knochengerüst.
Die blanken Zähne ragten aus dem abgeschälten Kiefer hervor.
Bei jedem Atemzug blubberte ein schleimiges Gemisch aus Blut und geschmolzenem Fleisch in Blasen aus dieser entsetzlichen Wunde. Lola war starr und bewegungsunfähig an diesen furchtbaren Anblick gefesselt.
Sekundenlang starrte sie auf dieses Grauen zu ihren Füßen, dann durchfuhr ein Zucken ihren ganzen Körper, als der Muty sein linkes, noch intaktes Auge aufriß und sie direkt ansah.

Irritierenderweise spielte eine Art Lächeln um die Überreste seines Mundes.
"Wie ... wie  wun..derschön ...Du bist..." stammelte er kaum hörbar. "Bist ... Du ... ein Engel?"
Lola mobilisierte alle Kraft in sich, ballte ihren Mut zu einem steinernen Knäuel der Entschlossenheit zusammen und ging langsam in die Hocke.
"Ja!" sagte sie dann mit trockenem Mund und klammer Angst in jeder Faser ihrer Seele. "Ja, ich bin ein Engel."
Wieder schien der Sterbende zu lächeln.
"Dann ... bist Du ge... kommen, ... um ... um mich zu holen?"
Sie nickte mit Tränen in den Augen.
"Ja!" erwiderte sie erneut. "Sie haben mich zu Dir geschickt. Ich bin nur für Dich alleine hier heute."
Trotz der enormen Überwindung, die es sie kostete, legte sie ganz vorsichtig ihre Hand auf eine noch halbwegs intakte Stelle seines Brustkorbes und streichelte sanft darüber. Er schloß einen Moment sein übrig gebliebenes Auge und ein Ausdruck von tiefer Erleichterung legte sich über sein zerstörtes Gesicht.
"Komme ich ... jetzt ...zu Dir in ... in den Him .. Himmel?" fragte er dann leise.
"Ja, mein Freund. Ja! Ich habe Dein ganzes Leben auf diesen Tag gewartet. Und jetzt durfte ich zu Dir kommen, um Dich abzuholen."
Mit der rechten Hand zog sie inzwischen lautlos die Five-SeveN aus dem Holster und spannte vorsichtig den Hahn.
Nocheinmal sah er sie mit seinem einen Auge an. Schmerz und Angst waren völlig aus seinem Ausdruck gewichen.
"Dann ... lass... lass uns gehen!" flüsterte er.
"Ja!" erwiderte Lola. "Gehen wir. Nur wir beide. Du und ich!"

Als die FiveSeveN dumpf bellte, explodierten die Überreste seines Schädels.
In Lolas Gesicht ergoß sich ein Sprühregen aus verbranntem Fleisch und gerinnendem Blut.
Sie sackte kraftlos zu Boden, wo sie sich zu einem zitternden Knäuel zusammenrollte und zu weinen begann, wie ein kleines Kind.
Noch minutenlang hallten ihre verzweifelten Schreie durch die ausgestorbenen Korridore.
"Oh Gott! Oh mein Gott!" krächzte sie durch das immer heftiger werdende Schluchzen hindurch.

Rauch kroch aus dem Kuppelbau hervor, kniehoch über die blutverschmierten Fliesen entlang und begann sie einzuhüllen, als wollte er das Mädchen warm und behütend zudecken.
Kälte floß vom steinernen Boden durch ihren durchnäßten Kampfanzug bis zu ihrer Haut.
Aber der eisige Klammergriff des blanken Entsetzens, der sich wie ein Schraubstock um ihr Herz quetschte, ließ sie das bißchen äußeres Gefühl nicht mehr wahrnehmen....

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Gewidmet den Opfern des Krieges überall auf dieser Welt.
Etwas, das wir im lustvollen Spielen in unserer virtuellen Bildschirmrealität gerne vergessen und übersehen.
Vielleicht sollten wir uns manchmal auch daran erinnern, was das Töten, die Gewalt und das Abfeuern einer Waffe im echten Leben tatsächlich bedeuten können ....
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« Letzte Änderung: 30. August 2009, 13:56:59 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #19 am: 30. August 2009, 13:49:25 »

Ein zarter Regenbogen schimmerte zwischen den grauen Schutthalden. Die ersten Sonnenstrahlen nach dem Regen fanden ihren Weg durch die Wolkenschicht, die mit deutlich sichtbarer Geschwindigkeit über den Himmel zog. Sie blinzelte geblendet in diese neu beginnende Helligkeit hinein, mußte dann jedoch die Augen wieder schließen. Immer noch sickerten manchmal Tränen zwischen ihren Lidern hervor, während sie da so saß, angelehnt an die Rückwand des Kapitols. Sie hielt den Teddybären fest umschlungen und preßte das schmutzige - und jetzt auch mit Blut durchtränkte Stofftier - an sich.
Sie dachte oft zurück an den Tag, an dem sie den Bären vorsichtig aus dem Kinderbett in Minefield gehoben hatte, bemüht die letzte Ruhe der geschwärzten Knochen seiner ehemaligen Besitzerin nicht zu stören.
Es war einer der ersten tiefen Schockmomente ihres jungen Lebens gewesen. Damals hatte sie noch nicht die leiseste Ahnung, wie viele dieser entsetzlichen Augenblicke noch folgen würden.

Sie öffnete ruckartig die Augen wieder, als sie bemerkte, daß sich ein dunkler Schatten über sie gelegt hatte. Und mit einem erschrockenden Aufschrei stieß sie den Bären von sich und zog ihre Pistole, verzweifelt versuchend, rückwärts von dem Koloß vor ihr, der in diesem Moment die Sonne verdeckt hatte, wegzukriechen.
Zitternd richtete sie - etwas schildkrötenhaft am Rücken liegend - die Waffe auf ihn.
Aber er stand nur da und bewegte sich nicht.
Beim Abtasten der dunklen Silhouette vor dem grellen Hintergrund konnte sie erkennen, daß ein Gewehrkolben hinter seiner Schulter hervorragte, seine Hände hingen regungslos neben dem Körper herab. Sie wußte wenig über die Körpersprache von Supermutanten ... aber das hier war kein Angriff, soviel hatte sie schon begriffen.
"Was .... wer  ... bist Du? Was willst Du?" stammelte sie ängstlich.
Er ließ sich betont langsam in die Hocke sinken, stützte seinen Kopf auf den Unterarm und tat vorläufig sonst nichts weiter.
Sie überlegte einen Moment, ob sie es sich erlauben könnte ... aber dann ließ sie im Zeitlupentempo die Pistole sinken, legte diese neben sich auf den Boden, beließ aber vorsichtshalber die Hand auf dem Tötungswerkzeug.
Sie konnte erkennen, daß der Mutant vor ihr leicht mit dem Kopf nickte, als hätte er die Symbolik der Geste verstanden und wohlwollend zur Kenntnis genommen. Dann griff er nach dem Teddy, der neben seinen Füßen zum Liegen gekommen war, nahm diesen mit enormer Geschicklichkeit und Vorsicht in seine groben Hände und betrachtete ihn ausführlich.
"Du bist anders, als die anderen Menschen." sagte er dann mit einer tiefen, beinahe angenehm nachschwingenden Stimme.
Lola erschrak ein wenig, als er so ohne Vorwarnung zu sprechen begann.
"Ich habe gesehen..." fuhr er fort ..."...was Du heute für unseren Kameraden getan hast. Ich konnte Deine Worte nicht hören, dafür war ich zu weit entfernt, aber ich konnte die Ausdrücke Deines Körpers lesen, Menschlein. Und es hat mich sehr beeindruckt. Ich sah noch nie einen Menschen mit solchem Schmerz töten ... aus Zuneigung ... und Mitgefühl ... nicht aus Haß!"
Sie hatte sich inzwischen langsam wieder in eine sitzende Position aufgerichtet, atmete noch immer ängstlich und erschrocken.
Da sie noch immer nicht in der Lage war, selbst auch etwas zu sagen, fuhr ihr rätselhaftes Gegenüber fort:
"Wie heißt Du, Menschenkind?"
"Lola!" sagte sie halblaut.
"Lola!" Er nickte, als müßte er dieser Erkenntnis erst innerlich zustimmen. "Das ist ein guter Name. Er schmückt Deine beeindruckenden Taten mit seinem angenehmen Klang."
Damit streckte er langsam die Hand aus und hielt dem Mädchen den Teddybären entgegen. Zögerlich griff sie danach und nahm ihn wieder fest in die Arme, als sie ihn sicher bei sich wußte.
"Du brauchst keine Angst zu haben, Menschlein. Ich bin nicht hier, um Dir irgendein Leid anzutun. Ich bin hier, um Dir meinen Dank auszusprechen und meine Hochachtung."

Eine Weile sagte keiner der beiden ungleichen Gesprächspartner etwas. Lola hatte sich von ihrem Schrecken wieder langsam erholt, also sah sie es als angebracht an, auch etwas zu dieser ungewöhnlichen Konversation beizutragen.
"Wie heißen Sie, wenn ich fragen darf?"
Er lachte ein wenig, ehe er antwortete.
"Man braucht mich nicht mit der Respektsbekundung des Wortes SIE zu beehren. Das hat jemand wie ich nicht verdient. Aber mach Dir keine Gedanken um meinen Namen. Es ist nur einer von sehr vielen, die kommen und gehen in diesem sinnentleerten Krieg."
Lola wischte sich die Tränen, die noch immer auf ihren Wangen standen, vorsichtig mit dem schmutzigen Ärmel ab. Die laserdurchbohrte Backe brannte immer noch wie Feuer, aber die Hitze des Energiestrahles hatte die Blutgefäße sauber verschweißt, sodaß die Wunde nicht näßte.
"Wenn ich irgendetwas für Dich tun kann, Lola, dann laß es mich jetzt wissen. Ich habe nicht viel Zeit, aber was auch immer in meiner Macht steht, werde ich machen, um Dir weiterzuhelfen."
"Ich ... ich muß weiter nach Osten. Aber ich kenne den Weg durch die Ruinen nicht." sagte sie daraufhin.
Er nickte wieder langsam, dann erwiderte er: "Du kannst nicht direkt nach Osten, der Weg ist durch riesige Trümmerberge versperrt und alle Tunnel darunter eingestürzt. Halte Dich erst vier Häuserblocks nach Norden, bis Du auf einen Metroeingang triffst. Dort unten kannst Du nach Südosten einschwenken. Nach etwa einem Kilometer wirst Du einen Ausgang an die Oberfläche finden. Dahinter ist es möglich, wieder genau in die gewünschte Richtung zu schwenken. Sonst noch etwas? Sag es! Was auch immer."
Sie nickte mit zusammengepreßten Lippen.
Die Bilder dieses schrecklichen Nachmittags arbeiteten immer noch unter ihrer Schädeldecke, ein grauenerregender Schmerz wühlte sich durch ihre Seele. Sie kämpfte jede Sekunde gegen die Tränen an, derer sie heute schon zu viele vergossen hatte.
"Ich ... ich habe fast keine Munition mehr." sagte sie leise und fühlte sich dabei irgendwie unverschämt.
Der Supermutant griff nach ihrem G36, das neben ihr lag, nahm die Waffe an sich, zog das Magazin ab und warf einen fachkundigen Blick hinein.
"5.56mm." stellte er sachlich fest. "Warte hier, Menschenkind. Ich bin gleich wieder da."
Damit erhob er sich - die Waffe wieder vorsichtig auf den Boden legend - und ging langsam auf die Hintertür des Kapitols zu.
Lola war für einige Augenblicke wieder allein mit sich, dem Teddy und einer Handvoll Sonnenstrahlen. Kurz überlegte sie, ob sie davonrennen und sich verstecken sollte, aber wenn sie bis jetzt nicht in Gefahr gewesen war, wieso sollte sie es später noch werden?

Wenige Minuten nach seinem Verschwinden kehrte er zurück, zwei große Munitionskisten dabei, die er behutsam neben das Mädchen stellte.
"Nimm Dir, was Du brauchen und tragen kannst. Den Rest laß einfach hier stehen, ich hole ihn mir bei Gelegenheit wieder ab." sagte er, dann wandte er sich wieder zum Gehen.
"Danke!" entgegnete Lola.
Er drehte sich nochmals um und sah sie durchdringend an.
"Ich muß mich bedanken. Viel Glück auf Deinem Weg, Lola. Paß auf Dich auf. Ich werde heute abend für Dich beten, mein Menschenkind."
Sie glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben.
"Du ... betest?"
"Ja!" sagte er, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. "Es kann in den schwersten Stunden unseres Lebens sehr tröstlich sein. Ansonsten bewirkt es nicht viel, aber das ist besser als gar nichts. Kann einem den Verstand retten, bevor man komplett überschnappt in diesem Wahnsinn. Wohl so ein Selbstbetrugsding, wenn Du verstehst. Gute Reise, Lola!"
Dann ging er wieder.

Sie saß noch eine Weile ziemlich irritiert auf dem harten Steinboden und begriff die Welt nicht mehr.
Bis heute nachmittag war alles so klar und deutlich in schwarz und weiß, gut und böse unterteilt gewesen.
Aber die letzten Stunden des ausklingenden Tages mußte sie damit verbringen, langsam zu erkennen, daß eine gewaltige, alles relativierende Grauzone zwischen diesen Polen existieren mußte, in der alles möglich und nichts vollkommen ausgeschlossen sein würde.
Dieser Tag würde sie für immer verändert haben.
Das konnte sie in allen Winkeln ihres jungen, unerfahrenen Verstandes spüren...
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« Antworten #20 am: 30. August 2009, 15:32:42 »

Sie wanderte langsam, fast schlendernd in Richtung Norden. Inzwischen war die Sonne untergegangen, nur ein leichter Schimmer von Licht lag auf den matten Betonskeletten der zerbombten Metropole, als sie vor sich den besagten Metrozugang entdeckte. Ihre innere Verfassung war inzwischen ein wenig stabiler geworden, was man von ihrem äußeren Erscheinungsbild nicht gerade behaupten konnte.
Sie hatte sich mit ein paar Stimpacks notversorgt, die Wunde an ihrer Wange notdürftig verpflastert und eine Dosis Morphium in die Venen gedrückt, um den Schmerz zu lindern. Etwas wackelig auf den Beinen und alles andere als voll einsatzfähig war sie dann wieder aufgebrochen.
Sie war müde und erschöpft, der bleischwere Tag lag wie ein erstickender Schleier auf jedem ihrer Atemzüge. Aber sie konnte unmöglich auf den Treppen des Kapitols übernachten. Wenn sie überleben wollte, mußte sie einen sicheren Platz zum Schlafen finden, was am Ehesten in einer gründlich gesäuberten und von allem Leben darin bereinigten Metrostation möglich wäre. Etwas kraftlos öffnete sie die Gittertüre, um in den Untergrund zu verschwinden.
Drinnen wartete sie einige Augenblicke ab, um zu horchen und sich an das Halbdunkel zu gewöhnen.
Das Flackern eines halbmaroden Nuka-Cola-Automaten erhellte den gespenstisch leeren Korridor im Sekundentakt. Tief in den Eingeweiden der Metro war ein leises Plätschern einer undichten Rohrleitung zu vernehmen.
Ansonsten war es sehr still hier unten. Ein gutes Zeichen, dachte Lola.
Wie üblich geduckt schlich sie vorwärts.

Zwei Ecken weiter verharrte sie, weil sie eine Stimme vernommen hatte. Irgendjemand hatte widerhallend in einem der Tunnel gesprochen. Eine dünne, weibliche Stimme, die amüsiert geklungen hatte. Lola machte sich kampfbereit.
Wieviel Tod würde ihr heute noch begegnen?

Am oberen Ende der festgefressenen Rolltreppe spähte sie durch das Zielfernrohr hinab in die Tiefen. Nichts regte sich im ersten Moment, aber dann huschte ein Schatten durch ihr Blickfeld, verschwand aber augenblicklich wieder in den Weiten des Tunnels. Lola spürte eine nervöse Anspannung in sich aufsteigen.
Dann klickte ein Schalter weit entfernt und ein Radiogerät begann, GNR auszuspucken.
Menschen.
Raiders?
Sie schlich langsam weiter die Treppe hinab, die Waffe wieder - wie sie es gelernt hatte - stets der Blickrichtung folgend. Wie ein dressiertes Tier war sie abgerichtet darauf, reflexartig zu morden und zu vernichten. Nein, ... es war kein Haß, der sie so handeln ließ.
Es war die nackte, bestialische Angst, die ihre Knochen erkalten ließ und ihre Seele verstümmelte. Sie konnte in diesen Momenten des Kampfes, wenn ihr die Kugeln um die Ohren zischten und sie Salve für Salve in lebende Wesen pumpte, weder fühlen noch leiden, nicht denken oder reflektieren. Sie konnte nur instinktgesteuert handeln. Gnadenlos und ohne jeden Skrupel.
Erst, wenn sich der Gefechtslärm wieder legte, die Schreie ringsum erstarben und die Ruhe über die Schlachtfelder des Ödlandes zurückkehrte, wurde sie wieder zu einem menschlichen Wesen, das alles ein wenig differenzierter zu betrachten gezwungen war.

Normalerweise hätte sie längst geschossen gehabt.
An jedem anderen Tag als ausgerechnet dem heutigen wäre eine Garbe Kugeln durch den U-Bahnschacht gejagt und hätte das Raider-Mädchen schon aus dem Dasein befördert. Aber heute hatte Lola etwas gelernt, das sie nun erproben könnte.
Sie hatte gelernt, daß die Menschen im Innersten ihres Wesens sehr gleichartig waren.
Und daraus mußte sie folgern, daß auch diejenigen, die sie als Feinde wahrnahm, aus dem selben Grund schossen, kämpften und töteten, wie sie selbst: Aus nackter Todesangst.

Sie blieb still im Sichtschutz eines verbeulten Mülleimers hocken und wartete ab.
Irgendwann würde die Lage sich günstig genug entwickeln.
Und dann könnte sie zeigen, was sie heute gelernt hatte.
Also ließ sie das klar erfaßte Ziel einfach wieder um die Ecke verschwinden, ohne den Abzug zu drücken.

Wieder konnte sie die Stimme vernehmen. Schwer herauszuhören hob sich die zarte Tonlage des Mädchens aus der Musik des Radios ab. Einige Zeit wußte sie mit dem Klang wenig anzufangen, aber je länger sie lauschte, desto offensichtlicher wurde es: Das Raider-Girl sang zu den Melodien von GNR. Und das nichteinmal schlecht, das mußte man ihr lassen.
Offenbar fühlte sie sich hier unten sehr sicher.
Der Moment würde für die vorteilsbringende Überraschung sorgen. Und aus einer Position der völligen Überrumpelung könnte Lola die Sachlage nach ihrem Belieben entwickeln.
Langsam schlich sie weiter, auf die Musik und den unbeschwerten, fröhlichen Gesang zu.
An der letzten Ecke wartete sie ab.

Feuerschein flackerte warm und heimelig durch die Finsternis, der Gesang war nun laut und deutlich zu hören, voller Harmonie und unbestreitbar von einem ausgeprägten Talent dazu gesteuert. Lola kannte die Tricks der altgedienten Soldaten inzwischen sehr gut. Sie nahm das Gewehr aus dem Schulteranschlag und hielt es mit der spiegelnden Glasfläche der Linse des Zielfernrohres vorsichtig ein Stück in Richtung der Mauerkante. Mit etwas Drehen und Wenden konnte sie in der Reflexion des Lichtes in der kleinen, gewölbten Glasfläche die Szenerie betrachten, ohne die Deckung zu verlassen.

Das Raidermädchen hockte mit dem Rücken zu ihr an einem kleinen Feuer und wiegte sich im Klang des Radios rhytmisch zu ihrem Gesang. Ansonsten waren weder Gestalten noch Bewegungen zu sehen.
Lola nahm die Waffe wieder zur Schulter und schlich um die Ecke herum.
Nach wie vor war sie unbemerkt.

"Du singst wirklich wunderschön." sagte sie dann lautstark. Das Mädchen am Lagerfeuer fuhr erschrocken hoch und starrte Lola entsetzt an. Als sie begriff, daß sie in die Mündung einer entsicherten Waffe blickte, wurde sie bleich vor Schrecken.
"Scheiße!" war alles, was sie herausbrachte.
Zwar schielte sie auf die neben ihr am Boden liegende Pump-Gun, aber in ihrem Schreck hatte sie völlig vergessen, diese mitzunehmen, bevor sie aufsprang. Jetzt stand sie in einer aussichtslosen Mattsituation neben dem Gewehr und könnte es unmöglich erreichen, ehe sie von Kugeln durchsiebt wäre. Lolas Kalkül war bis an diesen Punkt des Geschehens bestens aufgegangen.
Die nächsten Sekunden würden enorm kritisch werden und über Leben und Tod entscheiden, soviel war glasklar.
Und die Momente flossen unaufhaltsam voran.
Lola mußte rasch handeln, sonst drohte die Sache in eine unerwünschte Richtung abzukippen.

"Ich würde gerne die Waffe demnächst sinken lassen." fing sie an zu reden. "Aber ich weiß nicht, ob Du dann nicht versuchen würdest, mich abzuknallen."
Die Raiderin zeigte erste Anzeichen gewaltiger Überraschung in ihrem Gesichtsausdruck. Noch aber war sie wesentlich zu erschrocken, um zu reagieren. Also fuhr Lola fort:
"Ich mache Dir einen Vorschlag. Ich werde jetzt mein Gewehr langsam wieder in eine andere Richtung drehen. Dann werde ich das Magazin abziehen und die Kugel aus der Patronenkammer repetieren. Wenn ich damit fertig bin, würde ich gerne noch leben, so wie ich gerne möchte, daß Du jetzt diesen Moment hier überlebst. Können wir uns auf diese Vorgehensweise einigen?"
Das Raider-Mädchen hatte inzwischen die Kinnlade fassungslos nach unten geklappt und schien die Tragweite der eben gesprochenen Sätze nur sehr langsam zu verstehen.
"Ich habe Dich etwas gefragt." bohrte Lola nach.
Jetzt erst sammelte sich die Mattgesetzte ausreichend, um zu antworten:
"Ja. Ja, klar. Das ... das geht in Ordnung."
"Gut!" entgegnete Lola. "Freut mich, daß Du das genauso siehst. Ich würde nur ungern einer so guten Sängerin diesen schönen Abend versauen müssen."
Und dann nahm sie das eigentlich unkalkulierbare Risiko in Kauf, sich selbst vor den Augen einer potentiellen Todfeindin wirksam zu entwaffnen. Sie mußte jetzt auf die Richtigkeit ihrer Theorie vertrauen: Daß Menschen nur dann so aggressiv reagierten, wenn sie in panischer Angst gefangen waren. Gelang es, sie aus dieser zu befreien, würden sie wieder zu dem werden, was sie waren: Fühlende, insgeheim nach Harmonie und gutem Auskommen suchende Wesen.
Immer noch zu einem unübersehbaren Grad völlig fassungslos betrachtete das Mädchen vor ihr jeden ihrer Handgriffe.
Als Lola den Vorgang abgeschlossen hatte und ihre Waffe vorsichtig über die Schulter hängte, waren beide unverletzt und am Leben. Und das Raider-Girl hatte keinen Versuch unternommen, an ihre Schrotflinte zu gelangen.
"Mann!" sagte Lola schließlich. "So eine Scheißangst wie eben hatte ich schon lange nicht mehr."

In diesem Moment huschte ein erleichtertes, aber vor allen Dingen: freundliches Lächeln über das Gesicht des Mädchens.
"Wem sagst Du das?" antwortet sie dann. "Ich dachte schon ich wäre so gut wie tot. Ich bin Mary, aber alle nennen mich nur Sunshine."
Lola erwiderte das freundliche Lächeln aus ganzem Herzen.
"Das ist gut!" sagte sie dann. "Paßt auch viel besser zu Dir."
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« Antworten #21 am: 30. August 2009, 19:20:13 »

Die beiden ungleichen Mädchen saßen am flackernden Feuer in den Tiefen des Metrotunnels. Zwar hatte am Anfang ihrer Unterhaltung noch ein leiser Hauch von Mißtrauen in der Luft gelegen, aber dieser war zusehends der Erkenntnis gewichen, daß man sich auch ebensogut entspannen würde können. Insgeheim war Lola sehr stolz auf sich. Die gelungene Deeskalation einer brandgefährlichen Lage hatte ihr einen neuen Aspekt von Möglichkeiten aufgezeigt. Wenn sie die Details der Methode noch zurechtfeilte, ließe sich daraus etwas vollkommen Neuartiges machen.
Sunshine hatte irgendwann ganz von selbst ihre Pump-Gun langsam und vorsichtig am oberen Ende des Laufes aufgehoben und sachte in eine Ecke gelehnt, außerhalb ihrer direkten Reichweite. Menschen wußten sehr gut über die Wirkung von Gesten und Symbolen bescheid. Auf diesem Level konnte man abseits von Sprachbarrieren und verbalen Feinabstimmungen eine sehr deutliche Aussage in den Raum stellen.

Die beiden Mädchen hatten sich auf dem Feuer etwas zu essen zubereitet und dann die warme Mahlzeit geteilt. Obwohl man den Raiders stets eine völlige Unbelehrbarkeit nachsagte, mußte Lola feststellen, daß ihr Gegenüber tatsächlich ein ziemlich normal agierender Mensch wie sie selbst auch war. Sie hegte den leisen Verdacht, daß das halbstarke Getue dieser Banden ein Selbstläufer geworden war, der sich nur schwer wieder abstellen ließ. Ein einzelnes Individuum konnte an dieser Gruppendynamik auch aus dem Inneren des Systems heraus gar nichts ändern. Zog es nicht mit in dieser Schiene, würde es zwangsläufig entgleisen.

Das Gespräch mit Sunshine offenbarte Lola erstmals sehr interessante Einblicke ins Innere einer dieser Gruppen. Zuvorderst war auffällig, daß das Hauptmotiv für einen Anschluß an eine dieser Chaotentruppen die Suche nach sozialer Einbettung und Schutz darstellte. Sunshine erzählte ausführlich, wie sie sich der Bande angeschlossen hatte ... oder besser: angeschlossen worden war. Mit Überraschung hörte Lola, daß einige der jungen Männer das Mädchen vor einer Gruppe Talon-Söldner gerettet hatten.
"Ich weiß nicht, was diese Psycho-Söldner mit mir angestellt hätten, wenn Jeff nicht eingriffen hätte." erzählte sie während dem Essen. "Er und seine Jungs haben die ganze Rotte in Null Komma Nix plattgemacht, mich einfach mitgenommen und schon war ich ein Raider. Das ging von jetzt auf sofort. Und mir war das nur recht. Allein wär ich da draußen ja doch nur verreckt irgendwann."
"Und sie haben Dir gar nichts getan? Überhaupt ... gar nichts?" fragte Lola genauer nach.
"Klar, ich versteh schon, worauf Du hinaus willst. Nö, nichts dergleichen. Nicht mal angefaßt haben sie mich. Ich dachte am Anfang auch: So, jetzt wirst du mal ein paar Tage von denen durchgenagelt, bis du halbtot bist und dann baumelt dein verwesender Körper auf 'ner Laterne als Dekoration. Aber das passierte nicht. Klar, ein paar von den verblödeten Jungspunden haben mich manchmal dumm angemacht, aber mit Jeff wollte sich dann doch keiner anlegen. Und der hat klipp und klar sein Recht auf mich erhoben. Da gab's kein Rütteln dran."
Lola spürte brennende Neugier in sich aufflackern.
"Und er hat auch nicht ..."
Sunshine lachte herzlich auf.
"Jeff? Nie im Leben. Da hätte ihm Loreen den Arsch aufgerissen. Wenn er das probiert hätte, würde ER heute an 'ner Laterne baumeln."
Lola wurde immer hellhöriger.
"Loreen hätte ihm was bitte?"
"Den Arsch aufgerissen. Unsere Chefin würde nie zulassen, daß einer von uns was passiert. Wenn einer von den Jungs gefährlich für die Mädchen wird, ist er abserviert. Da braucht sie sich nichtmal die Hände schmutzig zu machen, das erledigen dann schon seine sogenannten Freunde für sie liebend gern. Sie braucht ihn nur zum Abschuß freigeben."
"Ihr habt eine CHEFIN? Eine SIE?"
Sunshine nickte zwischen zwei Happen Eichhörnchenspieß.
"Klar! Alle Raiderbanden haben 'ne Chefin. Die Jungs haben bei uns nur soviel zu melden, wie wir Girls ihnen erlauben."
Lola schmunzelte sichtlich erheitert. Sie hatte heute ziemlich viel über Menschen gelernt, aber das hier schlug dem Faß den Boden aus. Raiders lebten also im strikten Matriarchat. Die Welt steckte voller Überraschungen.
"Alle Raiderbanden haben eine Chefin? Bist Du mir böse, wenn ich glaube, daß Du mich gerade nach Strich und Faden verarschst?"
Sunshine lachte amüsiert.
"Schon okay, Lola. Ich konnte es auch nicht fassen. Aber mit der Zeit hab ich begriffen, wie der Hase hier so läuft. Die Jungs sind zwar zweimal so stark, aber das hilft nicht viel, wenn man fünfmal so blöd ist. Würden sie alle zusammenhalten, so wie wir Mädels, dann wären wir schon längst abserviert. Aber das schaffen sie in tausend Jahren nicht. Rennen nur ihrem Schwanz nach und geifern immer nach dem besten Stich. Wenn einer blöd wird, dann wird er eben nicht mehr drübergelassen und die Sache hat sich. Glaub mir, nach zwei Wochen ist er wieder lammfromm und frißt Jeder von uns aus der Hand."
Lola hatte sich inzwischen gemütlich zurückgelehnt und lauschte interessiert Sunshine's Erzählungen. Diese fuhr ungerührt fort, aus dem Innenleben einer Raiderbande zu schildern:
"Wir tricksen sie mit ihrer eigenen Eifersucht gegeneinander aus. Man braucht sich nur mal ein paar Tage etwas mehr mit einem anderen im Bett rumzutreiben, schon gehen sich die nächsten Beiden an die Gurgel. Da können sie ihren Testosteron-Überschuß sinnvoll abbauen und wir bleiben an der Macht. Sex ist unsere Waffe, Lola. Und wir wissen sie zu verwenden. Oder hast Du schonmal 'ne fette, häßliche Raiderin gesehen? Na also! Das blödsinnige Imponiergehabe und harte Getue macht die Typen nur manipulierbar. Aber das checken nur ganz Wenige von ihnen und die stehen dann auch hierarchisch relativ weit oben, gleich nach dem rangniedrigsten Mädchen."
Gleich nach dem rangniedrigsten Mädchen. Lola entdeckte eine abgrundtiefe Faszination in sich.
"Und was ist mit dem sadistischen Verhalten, das man bei Euch immer sieht?" fragte sie weiter. "Überall wo Raiders sind, wimmelt es nur so von verstümmelten Leichen."
Sunshine kaute genüsslich ihren Eichhörnchenspieß zu Ende, nahm einen Schluck Bier zum Nachspülen und sagte dann:
"Hast Du mal genau hingesehen? Neunzig Prozent davon sind die Überreste junger, männlicher Raiders. Dreimal darfst Du raten, wie das kommt. Naja. Und die anderen armen Idioten sind wohl einem Boykottierten über den Weg gelaufen, der seine sexuelle Frustration in Gewalt gegen Außenstehende kanalisiert hat. Wir lassen ihnen das durchgehen, damit sie sich ein bißchen abreagieren können, die Pavianärsche."
"Pavianärsche?" Lola spuckte vor Lachen den Schluck Bier, den sie gerade im Mund hatte, quer durch den Tunnel.
Sunshine lachte auch herzlich.
"Ja, so nennen wir die Jungs im internen Sprachgebrauch, wenn's keiner von ihnen hören kann. Nicht gerade feine Manieren hier."
Die ehemalige Vault-Bewohnerin kringelte sich inzwischen vor Lachen. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Wenn ihr das gestern noch jemand erzählt hätte, sie hätte ihn wohl für verrückt erklärt.
Als sie sich wieder etwas eingekriegt hatte, knüpfte sie mit einer weiteren Frage an:
"Und wieso ballern Eure Leute gleich auf alles, was sich bewegt? Wenn man Euch nur von der Ferne sieht kann man schon mal durchladen und entsichern."
"Ja, eben!" sagte Sunshine. "Genau das isses. Wenn wir nur gesehen werden, repetiert man schon durch und legt an. Naja. Und wer wäre da so blöd, nicht zumindest zu versuchen, schneller zu sein?"
Damit war Lola wieder bei ihrer Theorie angekommen. Sie schossen nicht aus Haß oder Sadismus, oder nur die Allerwenigsten  von ihnen. Sie feuerten aus nackter Todesangst. Und jeder machte das, weshalb man auch ständig in Todesangst lebte.
Was für ein kranker Kreislauf der Vernichtung.

Von der anderen Seite des Tunnels hallten plötzlich Stimmen zu ihnen herüber. Sunshine stand auf und sagte: "Hey sie kommen zurück. Wenn ich nochmal allein Lagerwache schieben muß, krieg ich 'nen Hypo, glaub ich. Jetzt kannst Du die Truppe mal kennenlernen."
Lola hatte sich auch erhoben und wartete gespannt auf diese Begegnung.

Kurz darauf kam ein muskulöser junger Typ mit einer AK47 über der Schulter um die Ecke gebogen. Hinter ihm folgte ein halbes Dutzend anderer junger Männer, die meisten mit der Waffe feuerbereit umgehängt. Erst dann kamen ein paar Mädchen, kaum eine älter als 25, schätzte Lola.
Als der Typ, der sie zuerst erreicht hatte, Lola sah, blieb er wie angewurzelt stehen. Einige Male blickte er zwischen ihr und Sunshine hin und her, dann sagte er: "Verdammt nochmal, Sunshine. Was will diese blöde Ödlandfotze hier? Und wieso säuft die mein Bier?"
"Hi Baby!" begrüßte ihn die Angesprochene lächelnd und umarmte ihn leidenschaftlich. Sein Blick blieb starr auf Lola gerichtet. Diese wiederum tat sich ziemlich schwer damit, angesichts der neuesten Hintergrundinformationen, dem Typen mit dem höflichkeitsgebotenen Respekt entgegenzutreten.
"Laß mich raten?" wandte sie sich stattdessen an Sunshine. "Jeff?"
"Du hast es erfaßt!" erwiderte diese freundlich.
"Ja, verdammt nochmal, ich bin Jeff. Und wer zur Hölle bist Du blöde Nutte?"
Aber in diesem Moment hörte sie hinter ihm eine laute Stimme, unverkennbar weiblich und ziemlich dominant im Tonfall.
"Halt die Klappe, Du Vollidiot! Du mußt ja nicht jeden Augenblick Deines erbärmlichen Lebens ein Arschloch sein, oder? Und laß mich verdammt nochmal vorbei, Du verblödeter Wichser. Ich will unseren Besuch begrüßen."
Damit drängelte sich eine große Frau, etwa Anfang Dreißig, durch die wilde Meute auf Lola zu. Sie hatte wunderschöne lange, schwarze Haare, die ihr bis zu den Kniekehlen hingen. In ihrem Gesicht stach außer den himmelblauen Augen eine große Narbe hervor, die sich vom rechten Mundwinkel bis fast zum Ohr hochzog. Am Rücken trug sie ein glänzendes Katana umgeschnallt, das beste Schwert, das Lola je gesehen hatte. Ansonsten führte sie keine Waffen mit sich.
"Na Du bist ja ein fabelhaft hübsches Biest." sagte sie zu Lola, nachdem sie diese ausgiebig betrachtet hatte. "Wenn Du auch noch mit 'ner Knarre umgehen kannst, bist Du sofort engagiert. Sowas wie Dich könnten wir hier gut gebrauchen!"
"Loreen, nehme ich an." entgegnete Lola höflich. "Freut mich, Sie kennenlernen zu dürfen. Hab schon viel von Ihnen gehört."
"Na sieh Dir das an. Hat auch noch ausgezeichnete Manieren die Kleine. Ich nehme an, Du bleibst zumindest heute Nacht unser Gast, wenn Du Dich uns schon nicht anschließen willst, nicht wahr!?"
Lola nickte zustimmend.
"Oh ja, sehr gerne. Ich hab ohnehin nach einem sicheren Schlafplatz gesucht."
Ein sicherer Schlafplatz inmitten einer Raiderbande.
Noch heute morgen hätte sie das als Alptraum abgestempelt.
"Sie heißt Lola und kommt aus 'ner Vault." ergänzte Sunshine. "Schwer in Ordnung die Kleine. Hätte die Gelegenheit gehabt, mich über den Haufen zu ballern, aber wollte dann lieber 'nen Happen mit mir essen."
Loreen wandte sich zur restlichen Gruppe um, betrachtete kurz die Auswahl und sagte dann: "Hey Jeff. Hol unserem Gast hier mal noch ein Bier. Und bring mir auch eins mit, ja. Und zwar ein bißchen plötzlich, wenn ich bitten darf."
Lola lächelte.
Wenn man sie heute nach dem bedeutungsvollsten Tag ihres Lebens fragen würde, dann wäre die Auswahl wirklich nicht mehr groß...
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« Antworten #22 am: 31. August 2009, 12:03:02 »

Lola war im Kreis dieser jungen Ödland-Punks gut aufgehoben. Loreen hatte die Gruppe voll und ganz im Griff, wie sich herausstellte. Eine Handbewegung von ihr genügte, um eine Reaktion auszulösen. Obwohl sich mit einem oberflächlichen Blick keine großen Unterschiede erkennen ließen, konnte man mit dem nötigen Hintergrundwissen sehr viele kleine Details erkennen, die auf die seltsame Hierarchie der Raiderbande schließen ließen.
Auffällig war zuerst, daß sich die Männer eher im Hintergrund zu halten schienen. Während die Mädchen allesamt locker und unbekümmert am Feuer Platz genommen hatten, waren stets zwei der Jungs damit beschäftigt, abwechselnd Wache zu halten. Aufmerksam patrouillierten sie durch die nahegelegenen Bereiche der Tunnelsysteme und kontrollierten in regelmäßigen Abständen die Zugangsmöglichkeiten. In willkürlichen Intervallen stand ein Anderer von ihnen vom Feuer auf und löste einen Kameraden draußen ab. Es schien kein geregeltes Wachsystem zu geben, wer Lust dazu hatte, ging los und machte sich an die Arbeit.
Obwohl viel gesprochen wurde, entstand kein unnötiger Lärm. Mit gedämpften Stimmen redeten die Anwesenden ständig miteinander, lachten leise, tuschelten ein wenig, manchmal deuteten sie sich nur mit verwirrenden Handzeichen und Gesten, die aber sehr klar verstanden wurden beim jeweiligen Empfänger. Man hätte vermutlich keine dreißig Meter weiter kaum etwas gehört, obwohl mindestens ein Dutzend Menschen hier saß und sich entspannte.

Lola betrachtete fasziniert die unterschiedlichen Gestalten. Besondere Aufmerksamkeit zog ein junges Mädchen auf sich, das am gesamten Oberkörper kunstvolle Tätowierungen trug. Ihre Haare waren zu zwei langen Zöpfen geflochten und wurden durch je eine große Rabenfeder geschmückt. Das Ungewöhnlichste an ihr aber war die Bewaffnung. Am Gürtel hing ein federgeschmücktes Tomahawk und hinter ihrer Schulter ragten die befiederten Enden von rund dreißig Pfeilen hervor, die sie in einem Köcher umgehängt trug. Den kunstvoll verzierten Bogen hatte sie neben sich am Boden liegen.
Als das Mädchen Lolas Blicke bemerkte, stand sie auf und kam lautlos zu ihr herüber. Ihre Füße waren schmutzig und ... nackt. Sie ging barfuß, damit war sie die einzige in der Gruppe. Alle Anderen trugen Soldatenstiefel in unterschiedlichen Stadien des Zerfalls.

Die junge Indianerin setzte sich geschmeidig vor Lola und betrachtete ausgiebig ihr Gesicht, ohne ein Wort zu sagen. Lola bemerkte, daß Loreen die Szenerie wohlwollend beobachtete.
"Was ist mit Deiner Wange passiert?" fragte das Mädchen vor ihr dann.
"Eine Laserkanone hat mich erwischt. Schätze ich hatte ziemliches Glück."
"Allerdings, ja. Nur ein paar Zentimeter weiter daneben und Du wärst tot gewesen. Darf ich mir das mal näher ansehen? Wir müssen dafür aber die Pflaster entfernen."
Loreen nickte Lola aus dem Hintergrund auffordernd zu.
"Ja." sagte Lola. "Wenn Du Dich damit auskennst."
"Ja, das tue ich." sagte das Mädchen ruhig, während sie vorsichtig begann, den improvisierten Verband abzumontieren.
"Wie heißt Du?" fragte Lola irgendwann.
"Man nennt mich Kiowa. Meinen richtigen Namen könnt ihr Bleichgesichter nicht aussprechen, also lassen wir es dabei. Ich bin hier die Schamanin und Heilerin, wenn ich 'nen Schwanz hätte, könnte man auch Medizinmann sagen."
Damit fuhr sie mit ihrer Untersuchung fort, ohne sich weiter ablenken zu lassen.
Nach einer Weile ließ sie Lolas Kopf wieder los und sah sie durchdringend an. Ihre tiefschwarzen Augen ließen keinen Unterschied zwischen den Pupillen und dem Rest ringsum erkennen. Erst das Weiß des Augapfels hob sich wieder hervor. Dieser Blick war hypnotisierend und ungemein beruhigend zugleich.
"Wir müssen die Wunde öffnen und säubern. In den Verbrennungen ist eine ganze Menge Dreck miteingeschlossen. Wenn sich das entzündet, bekommst Du ernste Probleme." Damit stand sie auf und schlich wieder lautlos wie eine Katze davon, um hinter die nächste Ecke zu verschwinden.
Kurz darauf kehrte sie mit einem Bündel in der Hand zurück, setzte sich wieder vor Lola und entrollte die Utensilien aus dem Lederlappen, in den sie eingewickelt waren. Eigenartige Gegenstände kamen zum Vorschein.
Neben einem modernen Skalpell, einer Schere, Nähnadeln und Faden konnte Lola eine ganze Menge kleiner Fläschchen und metallener Dosen sehen, die mit fremdartigen Schriftzeichen angeschrieben waren.
"Es wird besser sein, wenn Du Dich dabei hinlegst, Lola." sagte sie und drückte die Ödländerin sanft nach hinten.
"Keine Panik." sagte ein junger Raider, der schon die ganze Zeit neben Lola gesessen hatte. "Unsere Squaw weiß schon, was sie tut. Hat Jedem von uns hier schon mindestens zehnmal den Arsch gerettet."
Als Lola am Rücken lag, beugte sich die Indianerin über sie und flüsterte leise: "Schließ die Augen und atme ganz ruhig. Was auch immer passiert, was auch immer Du fühlst. Hab keine Angst. Du bist hier in völliger Sicherheit. Niemand wird Dir wehtun."
Lola fühlte die Fingerspitzen des Mädchens an ihrem Hals, wo sie nach den Schlagadern tastete. Dann konnte sie spüren und schmecken, daß ein paar Tropfen einer brennenden Flüssigkeit mit bitterem Nachgeschmack auf ihren Lippen verteilt wurden.
Erst geschah gar nichts weiter, dann sagte Kiowa in die Ruhe hinein: "Möchtest Du, daß eine gut sichtbare Narbe zurückbleibt? Würde Dir was Verwegenes geben!"
"Ja! Warum nicht!?" erwiderte Lola. Da bemerkte sie, daß ihre Stimme in ihrem Kopf wie ein Echo mehrmals hin und her geworfen wurde. Kurz öffnete sie die Augen, aber Kiowa drückte ihr die Lider wieder vorsichtig nach unten. In dem kurzen Moment konnte Lola eine grelle Farbenvielfalt erkennen. Das Flackern des Feuerscheins hatte sich wie eine riesige Hand über den Tunnel gelegt, das leuchtende Orangerot der Flammen war blendend hell geworden. Ein leichtes Schwindelgefühl wurde spürbar, gepaart mit einem warmen Kribbeln am ganzen Körper. Die Stimmen der leise miteinander sprechenden Raiders hatten die Dreidimensionalität ihres Klanges verloren und hörten sich weit entfernt an, als wären sie kilometertief in die Tunnel verschwunden. Nur Kiowas leiser, indianischer Gesang war deutlich und laut zu hören. Lola fühlte an ihrer rechten Hand etwas Undefinierbares.
Dann hörte sie Kiowa fragen: "Hat das wehgetan?"
"Nein!" flüsterte Lola nur.
"Dann können wir jetzt beginnen." war die Antwort der Squaw.
Mehrfach hallten die Worte in Lolas Ohren nach und vermischten sich dabei wieder mit dem leisen Gesang der Ahnen des Kontinents.

Vielleicht eine halbe Stunde lang, vielleicht auch eine Stunde - Lola hatte jedes Zeitgefühl restlos verloren - konnte sie an ihrer Wange Berührungen und Bewegung spüren. Schmerz war völlig verlorengegangen, stattdessen rotierte ein Kaleidoskop aus ineinander überfließenden Farben und Lichtern hinter Lolas Augenlidern. Manchmal drehte Kiowa ihr den Kopf etwas mehr zur Seite, dann wieder zurück. Die Berührungen des Mädchens flossen langsam und zäh durch die Wahrnehmung. Lola hätte schwören können, daß sie noch zehn Minuten später die Fingerspitzen dort fühlen konnte, wo sie hingetastet hatten. Auf diese Weise überlagerten sich die zahllosen Berührungen zu einem Gemisch aus Wärme und Nähe, das sie einhüllte wie eine flauschige Wolke.

Nur langsam klang der Rausch der Droge etwas ab. Lola öffnete manchmal die Augen ein wenig, aber die verwirrende Lebendigkeit der Schatten und Lichter ringsum war ihr noch zuviel Information. Erst nach einer langen Zeitspanne gelang es ihr, sich umzusehen.
Kiowa saß neben ihr und starrte immer noch leise singend in das Flackern der Flammen. Ihre Hand war Finger für Finger mit der von Lola verschränkt, als wollte sie damit verhindern, daß sich die berauschte Patientin zu weit aus der sie umgebenden Realität entfernte. Als die Squaw das langsame Erwachen bemerkte, legte sie sich neben Lola, dabei auf den Ellenbogen gestützt, um aus etwas erhöhter Position zu ihr herabzusehen.
"Wie geht es Dir?" fragte sie leise.
Lola sah ihr eine Weile in die Augen. Ein sanftes Lächeln spielte um die Lippen der Indianerin.
"Eine verwirrende Erfahrung, nicht wahr!? Die Zauber meines Volkes sind Euch Weißhäuten völlig fremd."
"Aber es ist angenehm." flüsterte Lola. "Alles ist so leicht und warm um mich."
"Ja!" lächelte Kiowa. "Das ist es."
Zärtlich streichelte sie Lola übers Haar, dann über die linke, unversehrte Wange.
Schließlich beugte sie sich langsam zu ihr herab, schloß ihr mit geschickten Fingern wieder die Augen und küßte sie leidenschaftlich ...
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« Antworten #23 am: 31. August 2009, 12:03:45 »

Lola erwachte vom leisen Gespräch zweier Männer in ihrer Nähe.
Als sie die Augen öffnete sah sie dicht vor sich ein Gesicht liegen. Nur mühsam stellten ihre Pupillen auf die kurze Distanz das Bild scharf. Kiowa schlief noch tief und friedlich. Ihr nackter Körper war eng an Lola geschmiegt, ihr linker Arm um ihre Taille gelegt. Die Haut der Squaw war warm und weich, angenehm zu fühlen.
Aber wie zum Geier war sie nackt neben ein nacktes Mädchen unter die selbe Bettdecke gekommen?
Sie schob vorsichtig Kiowas Arm von sich, dann tastete sie sich langsam unter der Decke hervor und rollte von der Matratze, die am Boden neben dem erloschenen Feuer lag.
Erst jetzt bemerkte sie, daß sie völlig nackt vor den beiden Männern stand.
Die beiden grinsten sie amüsiert an.
"Und?" fragte sie einer der beiden genüßlich.
"Und was?" erwiderte Lola ein wenig ärgerlich.
"Wie war's mit ihr? Ich werd' es ja leider nie erfahren. Zu schade, daß sie nicht Bi ist unsere Squaw." erwiderte der Typ und hielt Lola eine Zigarette entgegen.
"Danke." sagte sie und griff nach dem Tabakröllchen. Der Andere gab ihr schweigend Feuer.
Sie sah sich kurz um und entdeckte ihre Sachen fein säuberlich auf einem Haufen neben dem Schlaflager. Zumindest das wäre also geklärt.
"Jetzt sag schon! Ich platze vor Neugier!" stichelte der Knabe nach.
"Ich werd mich jetzt erst mal anziehen, ja?!" erwiderte Lola und machte sich daran, ihr Gerümpel auseinanderzusortieren.
"Mach Dir nichts draus, Lolachen." sagte der zweite Raider, der ihr Feuer gegeben hatte. "Darin ist sie ungeschlagene Meisterin. Hat noch Jede rumgekriegt in der ersten Nacht."
Die Beiden amüsierten sich königlich, das war nicht zu übersehen. Irgendwie waren sie ein sympatischer Haufen, mußte Lola zugeben. Es lag keine Feindseligkeit oder Aggression in der Luft. Stattdessen herrschte ein bedingungsloser Zusammenhalt und ein Gemeinschaftsgefühl, das sie so nicht kannte. Sogar in der Vault waren sich die Leute wesentlich fremder gewesen, als diese Bande hier.
Wieso hatte sie Angst gehabt vor diesen Menschen?
Warum hatte sie jeden Kontakt zu ihnen nur über das Bellen einer abgefeuerten Waffe abgewickelt bisher?
Weil sie keine Ahnung gehabt hatte? Ihr das Wissen fehlte und stattdessen blinde Vorurteile ihr Handeln bestimmten?
In diesem Moment wurden ihre Gedanken unterbrochen:
"Wirst Du hier bleiben, bei uns?" fragte der sichtlich Jüngere der Beiden.
Seinem Tonfall war deutlich zu entnehmen, daß er das so meinte, wie er es sagte. Er hätte gerne ein Ja gehört. Wieder machte sich ein positiv überraschtes Erstaunen in dem Mädchen breit.
Sie hielt in ihren Aktivitäten kurz inne und sah ihn an.
Er musterte sie aufmerksam, wartete sichtlich gespannt auf ihre Antwort.
"Ich kann nicht." entgegnete sie. "Ich muß weiter nach Osten."
Er warf die halb fertig gerauchte Zigarette zu Boden und trat sie aus.
"Schade!" sagte er dann, wandte sich um und ging wortlos.

Was war DAS gerade gewesen?
War er enttäuscht? Hatte sie gerade einem dieser knallharten Raidertypen einen Stich ins Herz verpaßt?
"Er hatte schon gestern abend die ganze Zeit ein Auge auf Dich!" sagte Kiowa hinter ihr. "Wenn Du gehst, solltest Du Dich zumindest mit besonderer Aufmerksamkeit von ihm verabschieden."
Lola drehte sich um und sah die Squaw verwundert an.
"Ja." erwiderte sie dann. "Das werde ich auch. Versprochen."
Kiowa hatte sich inzwischen erhoben und sah Lola nun tief in die Augen.
"Aber sei vorsichtig!" sagte sie ernst. "Tu ihm nicht weh. Er ist ziemlich verletztlich. Sein Name ist übrigens Elias. Ist mit Abstand der Schlaueste hier unten."
"Elias!" flüsterte Lola zu sich selbst, dann wandte sie sich an Kiowa: "Er hat doch gestern abend am Feuer neben mir gesessen, nicht wahr?"
"Ja!" sagte die Indianerin. "Rate mal, warum?"
Die Welt war eine einzige Kette von Überraschungen, wenn man sich die Zeit nahm, sie genauer zu betrachten.

Loreen hatte befohlen, daß sie bis zu einem Punkt, den die Raiders "Broken Hill" nannten, eskortiert werden müsse. Es war Elias, der sofort aufsprang und entschieden: "Ich mache das!" sagte.
Lola konnte das inzwischen nicht mehr besonders überraschen.
"Okay!" sagte Loreen. "Aber nicht allein. Jeff! Cyrus! Ihr beide geht mit. Bringt unseren Gast unversehrt bis an unsere Grenze, dann kommt sofort hierher zurück."
"Geht klar, Loreen." antwortete Jeff, griff nach seiner AK und repetierte die alte Ostblockknarre lautstark durch. Cyrus schulterte lässig eine Mossberg 500, Elias trug eine FNC, die ziemlich neu aussah und vermutlich erst vor Kurzem gewaltsam den Besitzer gewechselt hatte. Die drei Raiders formierten sich zu einer vorbildlichen Sicherungsgruppe und nahmen Lola in die Mitte.

Die Verabschiedung war herzlich und freundschaftlich verlaufen. Kiowa küßte sie nochmal zum Abschied wie besessen, Loreen umarmte das Mädchen aus der Vault und struwwelte ihr irgendwie mütterlich durch die Haare danach, ein breites Lächeln auf den Lippen. Sunshine bedankte sich überschwenglich bei Lola dafür, daß sie nicht geschossen hatte. Der Reihe nach schüttelte sie Hände, wechselte ein paar nette Worte, wurde umarmt, auf die Schulter geklopft .... es war regelrecht furchtbar, wieder aufzubrechen. Wenn sie nicht ein konkretes Ziel vor Augen gehabt hätte, wäre sie ohne zu zögern zu einer Raiderin geworden.
Dann hatten sich die vier Personen auf den Weg durch die dunklen Tunnel gemacht.
Jetzt marschierten sie schweigend in Richtung Südosten, dorthin, wo der geheimnisvolle Supermutant hinter dem Kapitol vorgeschlagen hatte.
Lola hatte auf diesem Gang viel Zeit um nachzudenken und die Bilder der letzten knapp 36 Stunden nochmals durchzugehen.
Das Wechselbad der Empfindungen, das sie in dieser kurzen Zeit durchlebt hatte, war ohne jeden Vergleich. Von ganz unten nach ganz oben, wieder zurück in die Mitte und nochmals auf und ab ... sie hatte das volle Programm an Emotionen durchlaufen in diesen Stunden. Und unvergessliche Erinnerungen mitbekommen, im Guten wie im Schlechten.

Zurück an der Oberfläche empfing sie ein Trümmerfeld.
Broken Hill also.
Das war ein treffender Name.
Jeff und Cyrus knieten mit den Gewehren im Schulteranschlag links und rechts am oberen Ende der Treppe, die aus der Metro hochführte. Elias blieb dicht bei Lola, nervös um sich spähend.
"Ziemlich gefährlich hier oben!" flüsterte er ihr zu. "Talon-Revier. Kommen manchmal hier durch, bleiben aber nie lange. Trotzdem: Äußerste Vorsicht!"
"Okay. Weiter!" befahl Jeff.
In Manier einer vorrückenden Infanterieeinheit sicherten sie nach allen Richtungen beim Überqueren des Platzes. Lola reihte sich nahtlos in die Kampfformation ein, ihre Heckler & Koch - Waffe fest umklammert im Schulteranschlag. Ohne Zwischenfälle erreichten sie die gegenüberliegende Seite des offenen Schuttfeldes. Dort preßten sie sich nebeneinander an den Rest einer Hauswand.
"Wir gehen rechts lang." sagte Cyrus zu ihr. "Du sicherst auf neun Uhr!"
"Okay!" erwiderte das Mädchen.
"Dann los!" sagte Jeff und marschierte geduckt vorwärts.

Etwa hundert Meter weiter fädelte sich die Marschkolonne durch einen Mauerdurchbruch und befand sich im Inneren eines Hinterhofes, der weitgehend unversehrt dastand. Es gab nur zwei Zugänge. Durch den Einen waren sie gerade gekommen, der Andere führte genau nach Osten aus der Ummauerung  wieder heraus.
"Okay." nahm Jeff den Faden wieder auf. "Weiter können wir Dich nicht begleiten. Das ist nicht mehr unser Revier."
"In Ordnung!" erwiderte Lola. "Danke für Eure Unterstützung, Jungs. Bestellt der restlichen Bande nochmal schöne Grüße von mir."
"Werden wir machen, Du blöde Nutte!" sagte Jeff grinsend.
"Halt die Klappe, Du Vollidiot!" grinste Lola zurück. Dann umarmten sie sich nochmal kameradschaftlich.
Elias trat ihr gegenüber und hielt ihr nur die Hand hin.
Sie schob die angebotene Gliedmaße zur Seite und umarmte auch ihn, allerdings etwas anders als Jeff, sehr gezielt etwas leidenschaftlicher angehaucht. Er streichelte ihr sehnsüchtig über den Rücken dabei und flüsterte ihr ins Ohr: "Du bist absoluter Wahnsinn, Lola. Paß auf Dich auf!"
"Werd ich machen, Jungchen. Keine Sorge!"
Cyrus hatte im Kniendanschlag nach hinten durch den Eingang gesichert währenddessen. Sie schlich sich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
"Mach's gut, Cyrus. Und danke für Eure Hilfe."
Er sah sie nichteinmal an, so konzentriert spähte er auf die Umgebung.
"Schon okay, Lola. Haben wir gern gemacht." sagte er nur.
Dann wandten sich die drei Raiders ab und verschwanden wieder durch die schmale Öffnung hinter ihr.
Sie war wieder auf sich allein gestellt.

Bevor sie weitermarschierte, legte sie die Kevlarweste wieder an, die sie zuvor nur im Rucksack mitgeführt hatte. Gewissenhaft checkte sie nocheinmal ihre Waffen durch, packte sich noch ausreichend Munition in die Gürteltaschen und wollte gerade losziehen. Da plötzlich zerrissen Schüsse die Stille hinter ihr. Aus Richtung der U-Bahnstation setzte heftiger Kampflärm ein.
"Nein!" sagte sie und rannte los.

Sie hetzte über den Trümmerhaufen, spähte hektisch um sich, gelangte an die Hausecke, hinter der das freie Feld Richtung Metrostation lag. Kurz lugte sie um die Ecke, dann rannte sie weiter im Zick-Zack auf die bröckelnde Fassade zu. Aus einem Fenster im ersten Stock wurde geschossen, sie legte an und preßte das Magazin leer. Prasselnd fegten die Geschoße in die Betonwände ringsum, eine Garbe hebelte den Talon-Söldner nach hinten und riß ihn aus dem Stand. Sie wußte nicht, ob er tot war, aber er schoß zumindest nicht mehr. Sie hetzte nachladend weiter auf das Gebäude zu. An der maroden Holztür hielt sie kurz, riß das rechte Bein hoch und trat mit der Kraft des Adrenalins geseget die Tür ein. Ruckartig die Waffe nach verschiedenen Richtungen reißend arbeitete sie sich in das Treppenhaus, die Stiege hoch.
Wieder wurde geschossen.
Von der Straße unten wurde hörbar das Feuer erwidert.
Oben angelangt legte sie eine entsicherte Handgranate knapp vor die Tür, hinter der sie die Waffe knattern hörte.
Dann drückte sie sich um die Ecke an die Wand und wartete auf den Knall.
Sobald die Explosion abklang stürmte sie vorwärts, gelangte zu der geborsteten Eingangstür und schoß wieder.
Die Salve streckte den zweiten Söldner nieder.
Im Fallen verlor er seine Waffe, aber er lebte noch.
Sie ging entschlossen rein.
Wutentbrannt richtete sie das Sturmgewehr auf ihn.
Der Mann versuchte nach hinten wegzukriechen, aber sie war schneller. Bei ihm angekommen trat sie ihm mit der vollen Wucht ihres schweren Stiefels ins Gesicht, daß der Kiefer knackend zersplitterte. Er brüllte vor Schmerzen auf wie ein Tier, aber sie schrie ihn nur an: "Halt die Schnauze, Du verdammter Wichser!" Dann nagelte sie eine Salve dicht neben seinen Kopf in die Wand.
"Was hast Du Dir dabei gedacht, Du dreckiges Schwein? WAS? Hast Du gedacht ich krieg Dich nicht, Du miese Sau? HAST DU DAS WIRKLICH GEDACHT?"
Er wimmerte vor Angst unter ihr. Sie stand mit dem linken Fuß auf seinem Brustkorb und drückte ihn mit aller Kraft in die Ecke hinab. Den Lauf der Waffe quetschte sie ihm zwischen die Trümmer seines Kiefers in den Mund. Sie raste innerlich, kalt glühender Haß machte sie völlig unkontrollierbar. Sie hatte jedes bißchen Selbstbeherrschung total verloren.
Mit einem Ruck riß sie den Lauf nach unten, daß das Blut nur so spritzte. Dann trat sie ihm wieder und wieder ins Gesicht. Schließlich begann sie mit dem Gewehrkolben auf ihr wehrloses Opfer einzuschlagen, immer und immer wieder. Zuletzt nagelte sie das gesamte Magazin durch seinen Schädel, obwohl er schon längst tot sein mußte.
Zitternd hielt sie am Ende inne.
Atmete schwer und mühsam.
Dann wandte sie sich langsam ab, setzte einen Fuß vor den anderen, erst gehend, dann trabend, schließlich laufend und zuletzt aus Leibeskräften rennend.

Sie stürmte die Treppe hinab, hinaus auf den freien Platz. Von Weitem schon sah sie zwei Gestalten neben einer Dritten knien, die reglos am Boden lag.
"ELIAAS!" rief sie im Laufen. "Elias!"
Als sie ankam, hielt sie ruckartig.
Jeff sah sie ernst von unten herauf an.
Sie sank auf die Knie und sagte nocheinmal leise: "Elias!"

Er atmete noch. Mit weit aufgerissenen Augen sah er Lola an, dann hob er zitternd beide Arme und streckte sie ihr entgegen.
Sie beugte sich zu ihm hinab, umschlang ihn so fest, als wollte sie ihn nie wieder loslassen.
"Oh Gott, Elias. Elias!" schluchzte sie, während sie den Sterbenden sanft hin und her wiegte, wie ein kleines Kind, das sich das Knie aufgeschlagen hatte.
Sein Atmen flachte rasselnd immer weiter ab, ein Schwall Blut quoll zwischen seinen Lippen hervor. Ein letztes Mal ging ein Zucken und Schütteln durch seinen Körper, dann erschlaffte die Umklammerung, mit der er sich verzweifelt an ihr festgehalten hatte und sein lebloser Körper sank langsam zurück auf den Boden.

Sie ließ den Toten ganz sanft auf den Schutt gleiten und starrte ihm entsetzt ins Gesicht.
Jeff und Cyrus hatten sich abgewandt und hockten still daneben.
Keiner der Drei achtete noch auf die Umgebung.
Lola war wie erstarrt und konnte nichteinmal mehr denken.
Noch vor drei Minuten war sie unendlich glücklich gewesen.
Jetzt war alles wieder zerstört worden.

Mit einem leisen Surren fegte etwas rasend schnell etwa einen Meter an Lolas Kopf vorbei. Sie riß den Blick herum und sah noch, wie keine fünfzig Meter hinter ihr ein Talon-Söldner erst auf die Knie sank und dann im Zeitlupentempo zur Seite kippte.
Aus der Mitte seiner Stirn ragte der lange, schlanke Schaft eines kunstvoll gefiederten Pfeiles.
Überrascht wandte sie den Blick zurück zur Metrostation.

Kiowa ließ langsam den Bogen wieder sinken, drehte sich um und ging vollkommen ruhig die Treppe hinab in Richtung des unterirdischen Raider-Lagers ....
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« Antworten #24 am: 31. August 2009, 20:38:41 »

Lola kauerte zuammengekrümmt in der nackten Betonecke des zerstörten Gebäudes. Wie immer, wenn sie traurig oder viel zu alleine war, hatte sie den Teddybären fest an sich gedrückt, ihre Wange an seinen Kopf gelegt und die Augen geschlossen. Verträumt ließ sie sich durch ihre zahllosen Gedanken und Erinnerungsfetzen treiben, betrachtete die Bilder in ihrem Kopf mit Sehnsucht und Hingabe. Sie war seit zwei Tagen so furchtbar, so unerträglich einsam, daß sie kaum noch schlafen oder essen konnte. Wieder und wieder rissen sie die Bilder des Kampfes am "Broken Hill" wie ein Alptraum aus der seichten Ruhe, die sie manchmal erschöpft zu finden hoffte.
Entsetzt mußte sie sich fragen, wie sie mit einer so unbeschreiblichen Grausamkeit hatte töten - nein: massakrieren - können in diesem Zimmer im ersten Stock. Mit welcher unglaublichen Kraft, getrieben von einem Haß, den sie so noch nie im Leben hatte fühlen können. Es war ihr erster Kampf unter dem Eindruck von Wut gewesen, Angst hatte sie in diesen Augenblicken nicht fühlen können, vermutlich auch gar nicht gehabt. Nur blinde, kreaturenhafte Aggression hatte sie über diese schmale Treppe nach oben getrieben und dann mit dieser entsetzlichen Grausamkeit gegen diesen Söldner vorgehen lassen.
Solange sich alles nur darum gedreht hatte, selbst zu überleben, war Angst ihre Triebfeder gewesen.
Vor zwei Tagen am Broken Hill war es die Sorge um jemand Anderen. Und die brennende Wut auf Jeden, der zur Gefahr für diese Menschen geworden war.

Auch ihre Erinnerung an die Nacht bei den Raiders war schleichend zurückgekehrt. Sie brauchte ein wenig, um zu verstehen, daß die Droge, die ihr das Indianermädchen verabreicht hatte, mehr als 48 Stunden sehr dezent nachgewirkt hatte, in einem so geringen Ausmaß, daß der Rausch kaum spürbar war. Erst jetzt, da sie wieder nüchtern geworden war und den Vergleich fühlen konnte, war ihr das klar geworden.
Ihr Körper spielte vollkommen verrückt.
Aber das hatte nichts mit dem Drogenrausch zu tun.
Kiowas dunkle Augen verfolgten sie den ganzen Tag, die gesamte Nacht.
Manchmal zuckte irgendwo ein Stück Haut wie erschrocken, weil sich das Gehirn eine kurze Erinnerung an diese Berührungen nochmals durchgespielt hatte. Lolas Verstand kramte einen ganzen Film von flammenden, warmen Impressionen hervor und spielte ihn auf Endlosschleife ab. Sie glaubte sogar, den weichwarmen Geruch von Kiowas Haut wahrnehmen zu können, wenn sie sich konzentrierte. Auf jeden Fall konnte sie im Halbschlaf, wenn ihre Phantasie mit ihr durchzubrennen begann, die endlosen Momente des Gestreicheltwerdens, der Küsse, der zärtlichen Umarmungen und der kribbelnd tastenden Fingerspitzen lückenlos in sich reproduzieren. In einer regelrechten Flut aus warmer, weicher Leidenschaft war sie in den Armen dieser Indianerin völlig zwischen Raum und Zeit versunken.
Es war die blanke, von regelrechten Entzugsschmerzen hochgepeitschte Sehnsucht danach, die Lola so entsetzlich einsam werden hatte lassen.
Sie war heute und hier nicht mehr das kleine Mädchen, das sich waghalsig von Rivet Ctiy aus auf den Weg gemacht hatte.
Und auch das Ziel, das sie ansteuern wollte, war bei Weitem nicht mehr so klar vor ihr zu erkennen.
Eine ständige, nagende Versuchung, umzukehren und dorthin zurückzugehen, wo sie zum ersten Mal im Leben das Empfinden unbegrenzter Geborgenheit erahnen hatte können, begleitete sie auf Schritt und Tritt.

Durch zahllose Risse in den Wänden rings um sie sickerte das Regenwasser die Mauern herab.
Schwer trommelnde Tropfen wühlten den Staub der Betonwüste auf. Rasch dahinziehende Wolken verdüsterten den Himmel.
Meistens war es dunkel und gespenstisch, nur selten konnte sich etwas Licht durch die gigantische Gewitterfront hindurchquetschen.
Mal stand sie an einer der entglasten Fensteröffnungen und starrte leer und ausgehöhlt nach draußen auf die Straße.
Mal saß sie mit baumelnden Beinen auf dem kaputten Schreibtisch, der als einziges Möbelstück in dem kahlen Zimmer stand.
Ein ander Mal lehnte sie stehend, dann sitzend, schließlich kauernd an einer Wand.
Manchmal legte sie sich etwas hin und schloß die Augen.
Dann wieder stand sie auf und ging stundenlang im Zimmer auf und ab.
Mal weinte sie leise, wenn sie an Elias und seinen qualvollen Tod in ihren Armen dachte.
Dann lachte sie ein wenig, wenn sie sich an die vielen schönen Momente bei den Raiders zurückerinnerte.
Aber im Grunde tat sie nur eine einzige Sache: Sie wartete darauf, in ihrem Innersten eine eindeutige Entscheidung fällen zu können, in welche Richtung sie weitergehen sollte.
Weiter nach Osten ... wie es ihr ursprünglicher Plan vorgesehen hatte?
Oder zurück nach Westen ... wo sie am Broken Hill in die Tiefe einer anderen Welt abtauchen könnte.

Daß sie sich völlig verlaufen hatte, war ihr klar.
Entgegen der ausdrücklichen Warnungen, die sie noch vor dem Erreichen des Kapitols gehört gehabt hatte, war auf dieser Seite der Stadt alles totenstill.
Sie hatte seit der Trennung von Jeff und Cyrus nichts und niemanden mehr gehört oder gesehen.
DC war hier drüben eine Geisterstadt.
Verlassen von allen lebenden Seelen und guten Geistern.
Und sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wo genau das Botschaftsviertel lag.
Es gab auch niemanden, den sie nach dem Weg fragen konnte.

Also tat sie, was sie für das Richtigste hielt.
Sie betrachtete den prasselnden Regen mit einem ausdruckslosen Desinteresse, wartete weiter und sehnte sich mit einem schmutzigen Teddybären in ihren Armen unendlich nach Kiowas zarten Berührungen auf ihrer Haut....
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« Antworten #25 am: 31. August 2009, 23:23:38 »

Sie erwachte vom dröhnenden Donner der Rotoren über dem zerbombten Gebäude.
Der Vertibird zog langsam kreisend über den Häuserblock hinweg und schwenkte dann Richtung Westen ab, um neuerlich eine langgezogene Kurve über die Stadt zu fliegen. Sie lugte vorsichtig aus der Ecke des Fensterrahmens nach oben und beobachtete das monströse Fluggerät skeptisch. Seit sie wußte, daß auch die Enklave über diese Vögel verfügte, konnte sie nicht sicher sein, mit wem sie es da zu tun hatte.
Diese Maschine hier sah aus, als würde sie sich auf einem Erkundungs- oder Suchflug befinden. Aber wer könnte das von hier herunten schon so genau sagen? Sicherer wäre es jedenfalls, den Kopf nicht zu weit nach draußen zu strecken. Wenn die Lasergatling des Vogels zu spucken beginnen würde, bliebe kein Auge trocken.
Sie beobachtete den fliegenden Tod einige Zeit lang, bis er außer Hör- und Sichtweite verschwunden war, dann raffte sie ihr Gepäck zusammen und marschierte wieder los.
Richtung Osten!

"Two Six, hier Easy Rat Five. Wir sind über dem Kapitol angelangt und drehen Richtung Süden ab. Nehmen nochmal die Passage beim alten Einkaufszentrum unter die Lupe. Bis jetzt keinen Sichtkontakt zur Zielperson. Over!" schnarrte das Funkgerät auf dem Schreibtisch.
Tief im atomsicheren Bunkerkomplex unter dem Schuttkegel der ehemaligen britischen Botschaft griff Jeremia nach dem Mikrofon, das an einem langen Spiralkabel mit der großen Box verbunden war. Als er die Sendetaste drückte, jagte das Signal mit Lichtgeschwindigkeit durch das Antennenkabel nach oben, durch mehrere Meter Erdboden weiter hinauf, über den Sockel in den hohen Fahnenmasten und von dort weiter auf die Funkantenne, die an dessen Spitze behelfsmäßig montiert war.
"Verstanden, Easy Rat. Fliegen sie weiterhin langsam das Gelände ab und bleiben sie feuerbereit. Bei Beschuß uneingeschränkte Waffenfreigabe ohne Rückfrage. Over!"
"Geht in Ordnung, Two Six. Wir behalten alles im Auge. Over!"
Genervt legte er das Mikro auf den Tisch zurück. Dann ließ er sich schnaubend im Sessel zurücksinken.
"Und wenn sie sich versteckt? Ich persönlich würde im Zweifelsfall schön ruhig halten, wenn ein Vertibird über mich hinwegfliegt." sagte ein lässig an der Wand lehnender Offizier der Royal Marines. Den Rauch seiner Zigarette lies er dabei wie ein Drache in kleinen Wölkchen durch die Nase austreten.
"Wenn wir wenigstens sagen könnten, was sie vorhat." erwiderte Jeremia. "Alles, was wir mit Sicherheit wissen, ist daß ein Barkeeper in Megaton ihr erzählt hat, was er an ihrer Stelle tun würde. Wir haben keine Ahnung, ob sie das tatsächlich versucht. Wir vermuten es nur!"
Eine Weile wurde im Kommandozentrum nicht gesprochen, nur gelegentlich rauschte das Funkgerät ein wenig.
Dann sagte ein anderer Offizier nachdenklich: "Ich hab noch ein paar gute Männer übrig. Wenn sie wollen, Sir, dann schick ich zwei Suchtrupps raus, die die Straßen abklappern."
Jeremia schüttelte ablehnend den Kopf.
"Zu riskant. Ich setze nicht das Leben von ein paar Jungs aufs Spiel, wenn ich nichtmal weiß, wohin ich sie schicken soll. Wir können die Männer nicht ziellos dort draußen herumirren lassen, das wäre ihr sicheres Todesurteil."
Er stand auf, schlenderte zur Kaffeemaschine an der gegenüberliegenden Wand und ließ sich einen Espresso einschenken. Dann nahm er wieder hinter dem Schreibtisch Platz.

Sie hatten drei Mal versucht, sie in ihrer Hütte in Springvale zu erwischen.
Danach hatte Jeremia einen Unteroffizier nach Megaton geschickt, um Erkundigungen einzuholen. Bei einem Ghul-Kellner im Saloon war er fündig geworden. Mit dieser Information war schlagartig klar geworden, daß er das Mädchen in ziemliche Schwierigkeiten gebracht hatte durch sein Handeln. Er hätte ihr eine Abholung sofort zusichern müssen und so schnell wie möglich ein Evakuierungsteam entsenden sollen.
Diese Erkenntnis kam reichlich spät.
Jetzt irrte ein neunzehnjähriges Mädchen vermutlich mutterseelenallein durch die Ruinen von DC auf der Suche nach einem Gebäude, dessen Position sie nicht kannte. Und das in einem Gelände, in dem sie nie zuvor gewesen war. Wesentlich beschissener hätten sich die Dinge kaum entwickeln können.

Die Operationen im Südwesten des Bundestaates hatten sie rasch ergebnislos abgebrochen. Chinesische Truppen waren dort nur in kleinen Zahlen zu finden. Aus den Verhören Gefangener wußten sie aber mit Sicherheit, daß irgendwo in DC selbst ein Standort sein mußte, von dem aus Kommandos und Einsatzbefehle überall ins Land entsandt wurden. Allerdings kannte von den einfachen Chargenrängen, die ihnen ins Netz gegangen waren, niemand die genaue Position. Sie standen wieder da, wo sie vor den Einsätzen im Ödland draußen auch gewesen waren.

"Wir können nur aus der Luft überhaupt etwas erreichen." sagte Jeremia nach einigem Nachdenken. "Am Boden ist die Lage zu unübersichtlich und zu gefährlich. Wenn sie sich vor dem Vogel versteckt, dann kann ich das auch nicht ändern. Was soll ich sonst machen?"

Lola streifte währenddessen planlos durch die Straßen. Eine unglaubliche Stille lag über den Trümmern der Häuser ringsum und das Ausmaß an Zerstörungen war hier wesentlich intensiver, als in anderen Teilen der Stadt. Gelegentlich knackte der Geigerzähler und sie mußte einem "hot spot" ausweichen, einer der Punkte mit hoher Reststrahlung. Mit der Halbwertszeit von Plutonium im Bereich um 35 000 Jahre würden diese Stellen wohl noch für einige Zeit ein Problem bleiben.
Sie erreichte ein halbwegs intaktes Gebäude, das aus unerfindlichen Gründen den Feuersturm relativ glimpflich überstanden hatte. Mehrere Etagen ragte der Betonklotz noch vor ihr hoch, am obersten Ende würde sie möglicherweise genug Sicht bekommen, um sich neu zu orientieren. Also näherte sie sich vorsichtig der Tür und öffnete diese so leise wie möglich.
Drinnen rieselte feiner Staub und Verputz von der Decke. Vorsichtig ließ sie ihren Blick durch die Eingangshalle schwenken, aber es war niemand hier, der eine Gefahr darstellen konnte. Also bewegte sie sich weiter vorwärts, ohne zu wissen, wo eine Treppe zu finden wäre.
Hier drin war es verdächtig ruhig. Aber das war es überall in dieser Gegend gewesen. Warum sollte es dann unter Dach lärmender zugehen, dachte sie dann.

Die Erkundung dieser alten Gemäuer war eine der gefährlichsten Herausforderungen des Ödlandes. Die unübersichtlich verwinkelten Raumanordnungen konnten jede Ecke zu einer tödlichen Falle machen. Trat man einem Feind entgegen, der die Anatomie dieses Gebäudes durch und durch kannte, hatte man ohnehin extrem schlechte Karten. Auch hier war das Gehör das wichtigste Frühwarnsystem. Folglich verharrte das Mädchen im leisen Vorgehen immer wieder für einige Momente und lauschte angespannt in die zwielichtige Atmosphäre hinein.
Das leise Kratzen und Schaben, das sie glaubte, wahrzunehmen, wurde von gelegentlichem metallischem Klimpern unterbrochen. Die Laute waren stumpf und gedämpft, dazwischen mußten mehrere Türen liegen. Und die Entfernung war kaum abzuschätzen, weil sie auch die Quelle nicht genau einordnen konnte. Wenn sie nicht wußte, was diese Geräusche verursachte, konnte sie auch nicht sagen, wie laut diese auf welche Distanz klingen könnten. Sie bemerkte eine leicht kribbelnde Nervosität aufsteigen. Irgendetwas war hier drin ziemlich faul. Mit noch größerer Vorsicht pirschte sie weiter, drückte eine Tür auf, sicherte den Raum, schlich weiter zur nächsten Tür. Die Geräusche kamen näher, wurden klarer hörbar. Das helle Klimpern könnte von einer schweren Kette stammen, überlegte Lola.
Aber jetzt war da noch etwas zu hören, etwas ... Menschliches?

Sie erreichte die Treppe in die nächste Etage, ging geduckt nach oben und spähte um die Ecke.
Eine lange Schleifspur aus frischem Blut, das matt im fahlen Licht des Korridores glänzte, führte wenige Meter vor ihr unter einem Türspalt hervor und verschwand um die nächste Biegung des Ganges. Sie rutschte etwas näher und tastete, ohne hinzusehen, nach der roten Flüssigkeit. Diese hatte noch nichteinmal zu gerinnen begonnen.
Ihr Herz schlug jetzt rasend schnell.
Die Angst war wieder da. Aber sie mußte das jetzt wissen.
Vielleicht gab es noch eine Möglichkeit einzugreifen, was auch immer sie erwartete.

Sie folgte der Spur weiter bis an die Sichtkante und lugte erneut vorwärts.
Die Geräusche waren jetzt ganz nahe. Sie konnte nun mit Sicherheit sagen, daß eine Kette daran mitwirkte. Und ein leises Weinen war zu hören. Dann das Schnippen eines Feuerzeuges und das tiefe Luftholen beim ersten Zug.
Sie hatte die Tür erreicht.
Dahinter lag die Lösung des Rätsels.
Lautlos erhob sie sich.
Krachend trat sie die Tür ein, erfaßte die Silhouette des nackten Raiders mit der Pistole in der Hand, sah Blut und einen abgetrennten menschlichen Fuß im Augenwinkel am Boden.

Als er die Waffe in ihre Richtung hochriß, drückte sie den Abzug durch ....
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« Antworten #26 am: 01. September 2009, 01:40:47 »

Sie feuerte oben beginnend, senkrecht nach unten durchziehend. Mindestens sieben bis acht Geschosse trafen ihr Ziel, noch im Zusammensacken durchschlug die Stahlmantelmunition seinen Körper mehrmals. Lola wußte noch nicht, was hier eigentlich vorging, aber der Reflex beim Anblick seines Angriffsversuches genügte vollkommen um sehr exakt auf garantierte Tötung zu kalkulieren.
Sie riß die Waffe nach rechts herum, sobald sie begriffen hatte, daß er keine Gefahr mehr darstellen würde.
Seit dem Eintreten der Tür waren kaum mehr als eineinhalb Sekunden vergangen.
An der Wand in der gegenüberliegenden Ecke stand noch jemand.
Lola wartete nicht darauf, Details zu erkennen, sondern feuerte wieder instinktiv auf die Bewegung. Ein zweiter junger Raider rutschte tot an der schmutzigen Mauer entlang Richtung Boden.
Nocheinmal drehte sie sich weiter nach rechts, um den restlichen Raum zu sichern. Recht groß war die Auswahl nicht, es handelte sich offenbar um ein ehemaliges Büro, dessen Geometrie sich auf ein simples Rechteck beschränkte.
Zufrieden stellte sie fest, daß mit keinen weiteren Attacken zu rechnen sein würde.
Sie ließ das Gewehr sinken.
Wieso waren die Beiden nackt gewesen?
Und wo kamen das Blut ... und der Fuß ... her?

Ein Schreibtisch stand in der rechten Ecke hinten, daneben hatte sie den zweiten Raider erschossen. Das Möbelstück verdeckte die Sicht auf keinen anderen Bereich, hinter dem sich etwas verstecken könnte.
Blieb nur noch die Couch, die links etwas von der Wand entfernt parallel zu dieser stand. Sie nahm die Waffe nochmals in den Schulteranschlag und ging langsam darauf zu. Vorsichtig spähte sie um das Möbelstück herum, den Lauf des G36 in Richtung Boden gehalten.
Als sich der Blickwinkel mit jedem Schritt nach vorne immer weiter öffnete, begann sie Furchtbares zu ahnen.

Das eigentlich Erstaunliche war, daß das Mädchen noch lebte.
Allerdings konnte das nicht mehr allzu lange andauern. Sie mußte zwingend demnächst verbluten, soviel stand fest.
Mit weit aufgerissenen Augen und entsetztem Blick lag sie vor Lola am Boden.
Ihr Atem hechelte flach und unregelmäßig.
Die Blutlache, in der sie lag, breitete sich ziemlich schnell aus, was angesichts der Wunden keine Überraschung war.
Lola hatte das Bedürfnis zu schreien nur schwer unter Kontrolle bringen können, jetzt merkte sie, daß ihr beinahe schlecht wurde bei dem Anblick.
Die Raiders hatten ihrem Opfer beide Füße knapp oberhalb des Knöchels abgetrennt, vermutlich um sie an jeglichem Fluchtversuch zu hindern. Ihre Hände waren blau geschwollen und liefen stellenweise schon schwarz an, so fest war der dünne Stahldraht um ihre Gelenke verschnürt. Sie hatten ihr den gesamten Bauch der Länge nach aufschnitten, Eingeweide hingen matt glänzend aus der klaffenden Wunde. An ihrem Hals waren die tiefen Abdrücke von großen Kettengliedern zu sehen, die Kette lag neben ihr noch am Boden. Sie mußten sich einen Spaß daraus gemacht haben, sie fast zu erwürgen, um dann wieder rechtzeitig loszulassen.
Ein Stück weiter vorne lag ein großes Büschel Haare am Boden, noch mit der Kopfhaut verwachsen.
Sie würden sie auf diese Weise aus dem anderen Raum herübergezerrt haben, bis das Gewebe nachgegeben hatte.
Die zahlreichen Schnitte überall an ihren Gliedmaßen rundeten das Bild der furchtbaren Ereignisse nur noch zusätzlich ab.

Lola legte das Gewehr zur Seite und kniete sich langsam neben das arme Mädchen.
Aus einer der Taschen der Ausrüstungsweste holte sie den gesamten Vorrat an Morphium, den sie bei sich führte.
Dann setzte sie schweigend einen Autoinjektor nach dem Anderen am Oberschenkel der Sterbenden an und löste den Mechanismus aus. Eine Weile folgten die Augen der Kleinen noch Lolas Bewegungen, sprechen konnte sie nicht mehr und etwas Anderes als japsende Geräusche brachte sie nicht mehr heraus. Dann aber wurde mit jedem Schuß Morphium ihr Atmen flacher, das wirre Herumtasten ihrer Augen langsamer und schließlich dämmerte sie in einem Zustand vollkommener Narkotisierung in den erlösenden Tod.
Lola hatte sie eingeschläfert wie einen Hund.
Etwas Anderes wußte sie nicht mehr mit der Situation anzufangen.

Sie stand auf und ging kraftlos und innerlich völlig taub zu dem ersten Raider, den sie erschossen hatte.
Sie drehte die Leiche herum und sah sich sein Gesicht an. Nachdem sie damit nichts anzufangen wußte, blickte sie sich um und entdeckte seine Kleidung und Ausrüstung in einer Ecke. Sie durchsuchte das gesamte Material nach brauchbaren Dingen, nahm die  Munition mit, die sie fand und die beiden Stimpacks.
Dann wiederholte sie den Vorgang bei den abgelegten Gegenständen des zweiten Mannes.
Schließlich stand sie nur da und dachte oder fühlte gar nichts mehr.

Der zweite getötete Raider lag neben dem Schreibtisch am Boden, das Gesicht zur Wand gedreht.
Mehr aus psychologischem Interesse als in irgendeiner Erwartung ging sie zu ihm, drehte den leblosen Körper mit dem Fuß zur Seite, bis er auf den Rücken klatschte und betrachtete ihn.
Dann schüttelte sie traurig den Kopf, ehe sie sich wegdrehte und langsam zur Tür hinaus ging.

Drinnen surrte eine hektische Fliege im Raum umher.
Erst drehte sie mehrere Runden an den Wänden entlang, dann kreiste sie aufgeregt über der Leiche neben dem Schreibtisch, ehe sie zur Landung ansetzte.
Direkt neben Cyrus' rechtem Auge ließ sie sich schließlich nieder ...
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« Antworten #27 am: 01. September 2009, 16:14:55 »

"Four Eleven, hier Easy Rat Five! Wir haben Eure Position und die Zielkoordinaten. Zieht die Köpfe ein da unten, wir fliegen tief an und dann knallt es hier mal ordentlich. Over!"
"Verstanden, Easy Rat. Wir nehmen unsere vorderen Stellungen zurück. Halten Sie sauber drauf, wir haben hier keine dreißig Meter frische Luft vor der Nase. Over!"

Der Vertibird schlingerte in einer gekonnten Tiefflugeinlage zwischen den Schuttbergen entlang, stoppte leicht nachwackelnd vor der hoch aufragenden Fassade eines abbruchreifen Betonklotzes, zog senkrecht nach oben und stellte sich über dem Dach mit der Nase in steilem Winkel nach unten in Anflughaltung.
Am Boden wurden Befehle gebrüllt und Handzeichen ausgetauscht, hektisch zog sich eine Handvoll Soldaten unter dem Feuerschutz ihrer Kameraden von den vorgeschobenen Positionen auf der Straße zurück, dann rauschte der Vogel im Sturzflug zwischen die Fronten. Die Laser-Gatling begann grelle Lichtstrahlen auszuspucken, die sich in erdrückender Dichte auf die zum Angriff formierten Talon-Truppen ergossen. Mehrere der Attackierten rissen ihre Waffen nach oben und erwiderten das Feuer auf das Fluggerät, aber die Geschosse gellten funkenspritzend von der schweren Panzerung des Vogels ab und verrannten sich als Querschläger zwischen den Trümmern. Der Überflug dauerte keine fünf Sekunden, dichte Wolken aus aufgewirbeltem Staub und beißendem Rauch blieben zurück, verdrallten sich im Sog der Rotoren zu kreiselnden Mustern. Dutzende getötete und verwundete Talon-Söldner blieben in der Feuerschneise zurück, vereinzelt hatten ein paar Männer wie durch ein Wunder keine Treffer abbekommen und hoben jetzt ängstlich ihre Köpfe wieder aus der Deckung.
Kaum war der Vertibird wieder nach oben verschwunden, setzten die Marines nach und schoben die stark dezimierten Gegner mit entschlossenem Vormarsch zurück aus ihren vorderen Linien. Keine zwei Minuten später zerrissen mehrere Detonationen Türen und Fenster des Gebäudes an der gegenüberliegenden Straßenseite, Royal Marines sprangen durch die aufgesprengten Öffnungen und formierten sich im Inneren zu kleinen Stoßtrupps, die sich tiefer in die Talon-Stellungen vorarbeiteten.

"Easy Rat! Das war saubere Arbeit, Jungs. Dafür kriegt Ihr einen Kasten Bier heute abend. Wir gehen jetzt rein und hebeln die Arschlöcher da raus. Over!"
"Verstanden, Four Eleven. Wir bleiben in Bereitschaft. Wenn ihr uns nochmal braucht da unten, dann meldet Euch. Over!"
Damit drehte der Vogel in eine langgezogene Rechtskurve und setzte sich in eine kreisförmige Warteschleife über dem Gefechtsgeschehen, von wo aus die Mannschaft die Ereignisse auf der Straße permanent im Blickfeld behalten konnte.

Rauch quoll aus mehreren Fenstern des angegriffenen Gebäudes, Lichtblitze von Splitter- und Blendgranaten flackerten in die Dämmerung des blutjungen Abends. Lola betrachtete vom Dach des Towers, auf dem sie Stellung bezogen hatte, die schweren Kämpfe durch das Zielfernrohr ihres PSG-1. Sie hatte die knatternden Schüsse bereits zu hören begonnen, bevor sie das oberste Stockwerk erreicht hatte. Jetzt betrachtete sie interessiert die Kampfhandlungen und fragte sich, was da rund einen Kilometer weiter südöstlich vor sich ging.
Der Vertibird kam auf seiner Sicherungsroute im Minutentakt sehr nahe an sie heran. Jedes Mal duckte sie sich hinter die Betonbrüstung und wartete ab, bis sich das Rotorengeräusch wieder weiter entfernt hatte.
In etwa zwei Kilometern Distanz zu ihrer Beobachtungsstellung hatte sie etwas sehr Interessantes ausgemacht.
Über einem Schuttkegel ragte ein schlanker Fahnenmast auf, der im Wind leicht schwankte. An seinem oberen Ende konnte sie eine hohe Antenne ausmachen. Genau unterhalb davon flatterte eine Flagge, die sich bei jedem Auffalten eindeutig als britischer Union-Jack entpuppte. Das war die beste Nachricht seit zwei Tagen, stellte sie zufrieden fest.

Ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf das umkämpfte Gebäude. Sie hatte die Rückseite in ihrer Richtung, konnte nicht im Detail erkennen, wer da gegen wen kämpfte. Manchmal sah sie dunkle Silhouetten durch eine der Fensteröffnungen, aber der Blickwinkel war ziemlich ungünstig, sodaß sie außer einem raschen Vorbeihuschen, zahlreichen hektischen Bewegungen und einer Menge Lichtblitze zwischen den düsteren Rauchwolken wenig erkennen konnte. Um wirklich herauszufinden, was da vor sich ging, würde sie eindeutig näher an das Geschehen heranrücken müssen.
Sie wartete ab, bis der Vertibird auf seinem Kreiselflug die maximale Entfernung erreicht hatte, dann sprintete sie zurück zu der schmalen Stahltür, die vom Dach wieder ins Treppenhaus führen würde. Drinnen angekommen rannte sie die zahlreichen Stufen hinab und legte sich an der Eingangstür des Foyers wieder auf die Lauer.
Erneut zog der Vertibird über die Straße hinweg. Als seine Geräusche etwas leiser wurden, riß sie die Tür auf und rannte über die freie Sichtfläche des Asphaltbandes über mehrere Schuttkegel hinweg zur gegenüberliegenden Gebäudefront. Als sie im Rennen kurz hochblickte konnte sie den Vertibird noch davonziehen sehen, den stählernen Arsch zu ihr gewandt. In der geöffneten Heckklappe glaubte sie eine Silhouette ausgemacht zu haben, die mit einer Waffe im Anschlag nach hinten zielend genau in ihre Richtung visierte.
"Scheiße!" dachte sie still, aber mehr als weiterzurennen blieb ihr im Moment nicht.

"Command Center, hier Easy Rat Five." schnarrte das stationäre Funkgerät im Bunker der britischen Botschaft. "Mein Sniper meldet Bewegung im Anmarsch auf die Rückfront des Zielgebäudes. Eine einzelne Person, die auf die Beschreibung von Objective Tiger passen könnte. Wir gehen runter und sehen uns das näher an. Over!"
Mit einem Satz war Jeremia am Funkgerät angelangt.
"Bestätigen Sie, Easy Rat. Objective Tiger durch Scharfschützen lokalisiert? Verifizieren Sie die Beobachtung. Over!"
"Geht in Ordnung, Two Six. Wir schwenken da mal rein und werfen noch einen Blick drauf!"
Jeremia wurde hochgradig nervös.
Wenn Lola da draußen auf das Gebäude zumarschierte, dann würde sie genau zwischen die sich hektisch zurückziehenden Talon-Truppen kommen. Und was dann passierte, wollte er sich nicht im Detail ausmalen.

Lola preßte sich so flach wie möglich gegen die Wand.
Der Vertibird senkte sich weit zwischen die Fassaden der Häuser herab, dichte Staubwolken wirbelten durch die Straße und Müllfetzen flatterten aufgeregt im Sog der umgerührten Luftmassen. Die Maschine war für eine Anlandung hier eindeutig zu sperrig, soviel wußte sie mit Sicherheit. Aber die Laser-Kanone am Bug des Fliegers blieb eine ernste Gefahr.
Das Problem war, daß sie von hier nicht ohne völlige Entblößung weiterkonnte. Der Vertibird stand wie festgenagelt zwischen den Gebäuden auf etwa fünfundzwanzig Metern Höhe, das Sichtfeld der Crew schnitt ihr jeden weiteren Fluchtweg ab. Wenn sie sicher sein könnte, daß der Vogel den Briten gehörte ... aber was, wenn nicht?
Langsam schob sich die Maschine seitlich durch die Straßen voran.
"Verdammt, verdammt, verdammt nochmal!" flüsterte sie zu sich selbst, als vor ihr erst die linke Tragfläche, dann ein Teil des Rumpfes und schließlich die dicke Panzerglasscheibe des Cockpits sichtbar wurde.
Die Laser-Gatling richtete sich ganz langsam weiter nach unten aus und zeigte mit der ungemütlichen Öffnung fast schon direkt auf ihre Position.
Sie rannte einfach los.
Im Zick-Zack steuerte sie auf das nächste Haus zu und hoffte einfach nur noch, daß sie schneller sein würde, als der Finger am Abzug des Piloten.

"Two Six, wir haben Sichtkontakt. Verdammte Scheiße, das ist sie! Two Six, hier Easy Rat: Bestätige einwandfreie Identifikation. Objective Tiger lokalisiert. Bewegt sich direkt auf Zielgebäude zu. Wir gehen wieder hoch, hier sitzen wir sonst in der Falle. Over!"
"Scheiße!" brüllte Jeremia lautstark duch den Kommandoraum des Bunkers. Sein Koordinationsoffizier zuckte erschrocken zusammen und stieß versehentlich seine Kaffeetasse dabei um.
Dann griff er wieder zum Mikrofon und sagte langsam und unmißverständlich:
"An alle Einheiten! Abbruch der Operation. Verlassen sie sofort das Zielgebäude und setzen sie den fliehenden Talon-Truppen nach. Ich wiederhole: Alle Einheiten nehmen die Verfolgung des Gegners auf. Gesuchte Person Objective Tiger nähert sich von der Rückseite dem Zielgebäude. Halten sie die feindlichen Kräfte auf Trab und lenken sie so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich. Dies ist ab sofort eine CSAR-Operation! Ich wiederhole: Operationsmodus CSAR! Bestätigen Sie!"
"Two Six, hier Four Eleven. Bestätige Missionsparamater CSAR. Wir nehmen Verfolgung auf und heizen denen ordentlich ein. Over and Out!"

Combat Search And Rescue.
Die heikelste Art von Kampfführung im urbanen Gelände.
Jeremia konnte jetzt nur auf die Professionalität seiner Männer vertrauen.
Wenn sie da draußen Mist bauten, wäre das Mädchen geliefert ...
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« Antworten #28 am: 01. September 2009, 16:15:34 »

Lola hastete dicht an der Wand entlang weiter auf den Kampflärm zu. Wenn sie den Fahnenmasten erreichen wollte, bevor sie der Vertibird aufs Korn nehmen konnte, mußte sie mitten durch das vor ihr tobende Gefecht durchbrechen. Vielleicht konnte sie sich von den offensichtlich in Bewegung geratenen Fronten in einem guten Versteck überrollen lassen und dahinter den Kopf wieder heben.
Der Vogel hatte sich wieder nach oben vom Acker gemacht, aber seine suchenden Flugbewegungen deuteten darauf hin, daß die Mannschaft noch nicht vorhatte, sie unbehelligt davonkommen zu lassen. In dem verwinkelten Straßenzug hatte sie derzeit passable Chancen, nicht entdeckt zu werden, dafür schnitten die Gemäuer dem Vogel zu viele Sichtwinkel ab.
Vor ihr tobte immer noch ein hektischer Kampf. Sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob sich der Gefechtslärm weiter in ihre Richtung verschob. Das widerhallende Echo der Explosionen und Schüsse und nicht zuletzt die dröhnende Geräuschkulisse des Vertibirds machten eine genauere Beurteilung der Lage mit dem Gehör unmöglich.
Kurz verharrte sie in einer günstigen Deckung und spähte ängstlich nach oben. Sie konnte den langsam herumschwenkenden Vogel hören, aber ohne Sichtkontakt war schwer zu sagen, wo genau er sich befand.
Plötzlich bemerkte sie bodennahe Bewegungen im Augenwinkel, riß den Kopf herum und erfaßte mehrere Gestalten, die im Laufschritt direkt durch die schmale Gasse vor ihr auf sie zukamen. Die Visieroptik auf dem Sturmgewehr zeigte ihr durch die vergrößerte Ansicht das Symbol der Talon-Company auf dem Brustpanzer der Rüstungen.

Vorsichtig schlich sie ein Stück weiter an einer Hauswand entlang, bis sie eine günstige Schußposition fand, dann nahm sie durch das Zielfernrohr den nächstbesten Gegner ins Visier und zog durch. Die Talon-Soldaten stoben in sämtliche Richtungen auseinander, um Deckung zu suchen. Zwei Mann machten den Fehler, ihren angeschossenen Kameraden, der mitten im offenen Schußfeld lag, zu bergen zu versuchen.
Sie drückte ein halbes Magazin auf Bauchhöhe in ihre Richtung und stellte befriedigt fest, daß beide getroffen zu Boden gingen.
Dann kam die Feuererwiderung.

Drei oder vier Waffen streuten knapp neben ihr in den Boden, sie sprang hoch und rannte ein paar Schritte in die nächste Deckung. Kurz reckte sie ihren Kopf über den Sandsackwall und feuerte einige Salven ab, dann ging sie wieder runter, um nachzuladen.
Befehle wurden gebrüllt und hektische Laufschritte näherten sich ihrer Stellung.
Vor sich wußte sie etwa dreißig Meter nackten Asphalt, auf dem es keine Deckung gab. In diesem Schußfeld konnte sie vorrückende Einheiten gnadenlos zerlegen, allerdings würde sie in dieser Richtung auch keinen Meter weiterkommen.
Und zurück war ebenfalls unmöglich, solange vor ihr noch jemand in der Lage war, eine Waffe abzufeuern.
Eine Handgranate hüpfte neben ihr in ihren Schutzwall, aber sie kickte das kollernde Ding mit einem Fußtritt ein paar Meter weiter nach hinten, wo es wirkungslos hochging. Wieder richtete sie sich auf und erfaßte die erste laufende Silhouette. Ein paar Geschoße fegten funkenspritzend vom Boden ab, aber dann jagte sie dem Anvisierten mehrere Kugeln durch die Beine. Brüllend vor Schmerz ging er zu Boden, seine Waffe schlitterte lärmend von ihm.
Ein Zweiter fing sich drei oder vier Treffer im Brustkorb ein, ehe er niederbrach. Einige Kugeln sausten nur haarscharf an ihrem Kopf vorbei.
Beim nächsten Nachladen hinter ihrem Schutzwall konnte sie hören, wie die Einschläge dichter zu sitzen begannen. Jetzt wußte wohl jeder, wo sie zu finden war. Und wie viele Gegner da draußen auf sie zuhielten, konnte sie bei Gott nicht sagen.
Wieder richtete sie sich kurz auf und feuerte blindlings auf jede Regung.
Bevor sie wieder nach unten gehen konnte, durchschlug ein Geschoß ihre rechte Schulter.
Die Wucht der Energieabgabe riß sie nach hinten und schleuderte ihr das Sturmgewehr aus den Händen. Fauchender Schmerz pulsierte durch ihren gesamten Oberkörper, aber sie griff dennoch nach draußen, um sich das G36 wiederzuholen.
Ein regelrechter Kugelhagel machte den Asphalt um ihren Arm herum aufspritzen, dann zerfetzten mehrere Projektile gleichzeitig ihren Unterarm und das Handgelenk. Sie schrie gellend auf und rollte sich tief zwischen die Sandsäcke hinein, zog die FiveSeveN und repetierte durch.
In diesem Augenblick wurde ihr deutlich bewußt, daß sie einen gravierenden Fehler begangen hatte.

Immer noch trommelten Geschoße in die Sandsäcke, ehe ein gebrülltes "Feuer einstellen! Feuer einstellen!" für Ruhe sorgte.
Sie atmete schwer und keuchend.
Blut sickerte in den porösen Straßenbelag unter ihr und ein leichter Schwindel zog ihr Blickfeld auseinander.
Ein paar Minuten noch ... dachte sie ... dann ist es vorbei. Für immer.
Als der erste Talon-Söldner mit angelegter Waffe über dem Rand des Sandsackwalles auftauchte, pustete sie ihm ohne zu zögern den Schädel auseinander. Die anderen feuerten wieder blind gegen die Deckung und rückten im Kugelhagel näher heran.
Nocheinmal rappelte sich Lola hoch und schoß wild mit der Pistole auf die Männer außerhalb des Walles, traf ein oder zwei Mal, wurde wie durch ein Wunder selbst aber nicht nocheinmal erwischt. Als es leise metallisch klickte beim Drücken des Abzuges ließ sie sich zu Boden sinken und gab innerlich auf. Für die FiveSeven hatte sie keine Muniton mehr und das Sturmgewehr lag außerhalb ihrer Reichweite im deckungslosen Feuerbereich der Feinde.

Endlose Augenblicke lang geschah gar nichts, nur weit hinter den vorrückenden Talon-Truppen wurde intensiv geschossen. Dann wurden gleichzeitig drei oder vier Gewehrläufe sichtbar, die auf sie gerichtet wurden.
"Nicht schießen. Auf keinen Fall schießen!" brüllte einer der Soldaten.
Vorsichtig näherte er sich dem schwer verwundeten Mädchen vor seinen Füßen, schob ihre Pistole rasch mit einem gezielten Tritt aus ihrer Reichweite und schien dann in tiefe Ratlosigkeit zu verfallen.
"Wir haben sie, Sir. Situation unter Kontrolle!" brüllte ein Anderer die Straße entlang.
Dann wurde es tonnenschwer still im näheren Umkreis.

Lola fühlte eine Träne ihre Wange entlanglaufen. Sie hob den Blick in die am Himmel vorbeiziehenden Wolkenfetzen, schluckte gequält den trocken zähen Speichel in ihrem Mund hinab. Dann schloß sie kurz die Augen.
"Sieh mal Einer an. Wen haben wir denn da? Ist das nicht ein wundervoller Anblick? Mit Dir werden wir noch jede Menge Spaß haben, Mädchen, bevor wir Dir den Hals langsam umdrehen."
Er hatte genau diese Art von Gesichtsausdruck, die man bei völlig abartigen Sadisten sofort vermuten würde. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wer der Kerl war, aber die Männer rings um ihn schienen einen gewissen Respektsabstand einzuhalten.
Irgendein mieses, hohes Tier in der Talon-Company.
Lola antwortete nicht.
Sie starrte ihn nur haßerfüllt an.

"Oh! Seht doch nur. Die Kleine weint. Wie rührend, nicht wahr!?" Damit richtete er sich auf und sah seine Männer der Reihe nach an.
"Schnappt sie Euch. Wir nehmen sie mit. Ihr könnt später noch Eure Freude mit ihr haben. Sie gehört Euch."
Doch in diesem Moment löste sich sein Schädel in einen roten, wolkigen Nebelschleier auf.

Wenn völlig unerwartet die Stille durch das synchrone Losrattern vieler automatischer Waffen unterbrochen wird, beginnt der ganze Körper in einer Kette von Zuckungen völlig verrückt zu spielen. Lola krümmte sich schreiend vor Schreck und Angst in ihre Deckung, während rings um sie die aufrecht stehenden, sich bis eben noch in Sicherheit geglaubt habenden Talon-Söldner in einem Platzregen aus Geschossen niedergemäht wurden.
Ein oder zwei von ihnen kamen gerade noch dazu, ihre Waffen hochzureißen, ehe jeder von ihnen - mit Dutzenden Treffern regelrecht von den Beinen gerissen - nach hinten geschleudert wurde. Blutfontänen klatschten auf den warmen Asphalt und zerstoben beim Einschlag der nächsten Salven erneut zu feinem Regen.
Dröhnend donnerte der Vertibird der Länge nach über die Gasse hinweg und streute haarscharf an ihrer Deckung vorbei seine glühenden Lasersalven in den Boden.
Undeutlich hörte Lola gebrüllte Kommandos, die sich rasch auf sie zubewegten, stampfende Laufschritte von Soldatenstiefeln, einzelne Salven, die offenbar gut gezielt ihren Zweck erreichten. Der erste dieser unbekannten Angreifer ging außerhalb ihres Sandsackwalles in die Hocke, sodaß sie ihn nicht sehen, nur hören konnte.
"Ziel am Boden! Weiter vorrücken!" brüllte er, ehe er aufsprang und weiterrannte. "Objective Tiger auf vier Uhr. Drei Mann sofort sichern!" hörte sie noch, dann war er wieder weg.

Auf vier Uhr.
Das war hier, genau hier, wo sie lag. Damit war sie gemeint.
Aber ... wer ... wieso ....?
Und dann erreichten drei Soldaten gleichzeitig ihre Stellung. Zwei gingen mit den Waffen im Anschlag neben ihr in Feuerhaltung hinter dem Wall, einer kniete sich neben sie und sprach deutlich hörbar in das Mikrophon eines seltsam bekannt aussehenden Funkgerätes: "Four Eleven, hier Three Five. Objective Tiger gesichert ... ich wiederhole: GESICHERT! Wir brauchen hier sofort 'nen Sani, und zwar ein bißchen plötzlich. Over!"
Lola starrte dem Mann verwirrt in sein entstelltes Ghul-Gesicht, aber er lächelte sie nur freundlich an.
"Sie fragen sich bestimmt, wer zum Geier wir sind, nicht wahr!" sagte er dann, während er bereits mit der Erstversorgung ihrer Wunden begann.
"Three Five, San-Trupp ist auf dem Weg zu ihnen. In zwei Minuten vor Ort! Over!" schnarrte das Funkgerät an seinem Gürtel.
"Verstanden, Four Eleven, wir halten die Position. Over." antwortete er rasch, ehe er sich wieder dem verletzten Mädchen zuwandte.
"Gestatten, daß ich uns vorstelle: Immortal-Brigade, Three Five Commando, Royal Marine Infantry. Zu Ihren Diensten, Lady. Hab schon viel von Ihnen gehört. Is' mir 'ne verdammte Ehre, Sie hier aus der Scheiße raushauen zu können."
"Royal .... Marines ...?" stammelte Lola leise, während das Bild vor ihren Augen undeutlich und konturlos zu verschwimmen begann.
"Verdammt richtig, Misses. Im Dienst ihrer Majestät. Aber das sind uralte Geschichten."
Sie starrte auf das unscharfe Gesicht über ihr, das ihr gerade ihr Leben zurückzugeben begann, dann sagte sie:
"240 Jahre alt, nicht wahr!? Oder auch... 250, schwer zu sagen.... ohne zuverlässigen Kalender."
Zwei Gestalten hetzten geduckt über die Straße auf Lolas Aufenthaltsort zu, einer der beiden schob den Soldaten, der mit der Erstversorgung bereits begonnen hatte, langsam zur Seite. Der zweite griff nach dem Mikrofon und sprach langsam und deutlich in das Funkgerät: "Four Eleven, hier Five Nine, wir sind am Zielobjekt. Sieht nicht allzu übel aus, wir übernehmen Versorgung ab jetzt. Over!"
"Verstanden Five Nine. Tun sie ihr Bestes da drüben. Die restlichen Einheiten sichern das Gelände, damit sie ungestört arbeiten können. Over and Out." erwiderte das Funkgerät.
Der zweite Sanitäter kauerte sich ebenfalls in den Schutz des Sandsackwalles und lugte vorsichtig darüber hinweg auf die offene Straße.
Dann zog er den Kopf wieder ein und wandte sich zu Lola.
"Mann, sie haben hier ja ordentlich aufgeräumt, Lady. Wenn die Talon-Jungs begreifen werden, daß ihnen 'ne Neunzehnjährige im Alleingang mal so nebenbei den Arsch aufgerissen hat, kriegen sie wahrscheinlich 'ne Identitätskrise."
Lola griff nach der Hand des Mannes und zog ihn näher an sich heran. Er beugte sich zu ihr und spitzte sichtlich die Ohren.
"Warum...?" keuchte sie erschöpft.
Er schien zu ahnen, was sie fragen wollte.
"Wir haben den direkten und unmißverständlichen Befehl, sie um jeden Preis lebend hier rauszuholen, Ma'am. Und jetzt entspannen Sie sich, Sie werden später noch jede Menge Zeit haben, um Fragen zu stellen."

Die Sanitäter verfrachteten Lola behutsam auf eine Bahre, nachdem sie ihr erst eine ordentliche Dosis Schmerzstiller in die Venen gepumpt hatten. Von fern waren nur noch vereinzelte Schüsse zu hören, die von den Wänden der Hochhausruinen gespenstisch widerhallten. Die Eroberung des Areals durch ein versprengtes Kommando britischer Royal Marines - die allesamt nicht jünger als mindestens 250 Jahre waren - ging in die Schlußphase über.
Knapp ein Dutzend Soldaten hatte sich um den schicksalshaften Sandsackwall in Rundumsicherung begeben, während das San-Team die Verwundete transportbereit machte. Viele von ihnen hatten die schrecklich verunstalteten Hände und Gesichter von Ghulen, manche hatten eine Hälfte ihres Gesichts noch in nahezu ursprünglichem Zustand, während die andere eine verzerrte Fratze war.
Immortal-Brigade also.
Humor hatte er ja immer gehabt, das mußte man ihm lassen.
"Alles klar, kann losgehen!" rief einer der Sanitäter, dann wurde die Bahre wackelig hochgehoben.
Lolas Sinne waren trüb und vom Narkotikum benebelt, aber sie konnte noch deutlich hören, wie jemand zu seinem Funkgerät sagte: "Four Eleven ... hier Three Five! Wir machen uns jetzt auf den Weg. Halten Sie uns den Rücken frei, wir sind in zehn Minuten bei Ihnen, over!"
Dann wandte er sich an die anderen Soldaten ringsum und brüllte im Kommandoton:
"Und ab die Post, Männer. Ich will die Puppe in fünfzehn Minuten im Lazarett haben. Bringt das Mädchen hier raus!"

Sie lächelte zaghaft, auch wenn es schwer fiel. Dann zupfte sie den Soldaten neben sich am Ärmel.
Als dieser sich zu ihr herabbeugte, flüsterte sie ihm leise ins Ohr:
"Sagt ihm, .... er soll mich nicht Puppe nennen, das kann ich nicht ausstehen."
Aber der Mann grinste nur breit, ehe er antwortete:
"Ja, Lady." sagte er sichtlich amüsiert. "Das wissen wir!"
« Letzte Änderung: 01. September 2009, 18:25:54 von Nachtmensch » Gespeichert
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« Antworten #29 am: 01. September 2009, 19:56:11 »

Hinter dem Schuttkegel, der vom Gebäude der britischen Botschaft nach dem Krieg übriggeblieben war befand sich eine freigeräumte Zone aus blankem Erdboden, die vor langer Zeit vermutlich eine Rasenfläche gewesen sein mochte. Der Vertibird hatte auf dieser noch nicht richtig aufgesetzt, als schon die ersten Soldaten gebückt auf die herabfahrende Heckklappe zurannten und sich dabei nützlich machten, Verwundete auszuladen. Mehr als drei Mann konnten mit einem Flug nicht geborgen werden, also zog der Vogel sofort nach Abschluß der Entladung wieder hoch, ohne dazwischen die Rotoren abgestellt zu haben. Bislang waren acht Mann und Lola ausgeflogen, ein halbes Dutzend weiterer Verwundeter wartete noch auf die Medevac-Bergung aus der inzwischen beruhigten Gefechtszone. Royal Marines durchstöberten auf dem Kampfplatz noch immer das Gebäude und die umliegenden Straßenzüge auf der Suche nach verwundeten oder gefallenen Kameraden. Nützliche Gegenstände wechselten die Besitzer und gelegentlich knallte ein Schuß, der einem zurückgebliebenden kampfunfähigen Talon-Söldner den Abschied aus dieser Welt erleichterte.

Lola lag auf ihrer Bahre ein paar Meter neben dem Landeplatz und dämmerte im Morphium-Rausch leicht vor sich hin.
Neben ihr arbeiteten die Sanitäter hektisch daran, die Blutungen eines Schwerverwundeten in den Griff zu bekommen. Einige der Männer hatte es ziemlich übel erwischt, also würde es wahrscheinlich ein Weilchen dauern, ehe jemand die Zeit fände, sich um ihre eher geringfügigen Verletzungen zu kümmern.
Ihr zerschossener linker Arm war gut versorgt worden, die Blutungen gestillt und der Einschuß an der Schulter war nicht besonders tragisch, soweit es der Sani beurteilt hatte. Sie konnte also problemlos warten.
Ihr rechter Arm lag quer über ihren Augen, die sie darunter geschlossen hielt. Damit schirmte sie sich vor dem Licht der untergehenden Sonne ab, das direkt auf den Verwundetensammelplatz strahlte. Als sie ein sanftes Streicheln an ihrer Schulter spürte, nahm sie diese improvisierte Sichtblende zur Seite und öffnete ihre Augen.
Jeremia kniete neben ihr und lächelte sichtlich erleichtert.
"Du machst ja Sachen, mein Mädchen!" sagte er dann.
"Ja!" erwiderte sie. "Ich hab mir auch schon gedacht, daß es den Aufwand nicht lohnt. Aber da war ich schon zu weit gekommen, um umzudrehen."
"Ich bin nur froh, Dich endlich hier zu haben. Wir wollten Dich zuhause abholen, aber da warst Du schon weg. Wir haben tagelang nach Dir gesucht, Lola."
"Ich war mir nicht sicher, ob es Euer Vertibird ist." erwiderte sie mit schwacher Stimme. "Also hab ich lieber die Birne eingezogen."
Jeremia sah sie ein bißchen traurig an, als er meinte: "Es tut mir so leid, Lola. Ich hätte Dich nicht einfach zurücklassen dürfen. Das ist alles meine Schuld."
"Schon okay!" entgegnete sie. "Ich hätte nicht gleich losrennen dürfen. Aber ich hab die Geduld zu schnell verloren. Jugendlicher Leichtsinn, schätze ich mal. War 'ne ziemlich unschöne Reise hierher stellenweise."
"Du mußt mir später alles erzählen, Mädchen. Aber jetzt ruh Dich erst mal aus. Der Doc sagte, daß sie Dich heute abend noch operieren müssen. Dein Arm ist ziemlich übel zugerichtet und muß zusammengeflickt werden. Wir sehen uns morgen früh, wenn Du aus der Narkose erwacht bist, meine Kleine. Entspann Dich jetzt. Du bist in Sicherheit hier."
Dann stand er wieder auf und sah nach den anderen Verwundeten, die ansprechbar waren, wechselte ein paar Worte mit Jedem und kümmerte sich sichtlich nach Leibeskräften um seine Männer.
Ein guter Kommandant, dachte Lola bei sich.
Dann schloß sie die Augen wieder und sank in einen beruhigend traumlosen Schlaf.

Es war schon spät geworden, als sie merkte, daß die Bahre hochgehoben wurde. Jemand hatte in der Zwischenzeit eine weiche Decke  über sie gebreitet und sie gewissenhaft bis zum Hals vor der einbrechenden Abendkälte abgeschirmt. Vier Männer trugen sie schweigend auf die Bunkertür zu, dann wurde sie mehrere Etagen in die Tiefe verfrachtet, wo man sie samt ihrer Unterlage auf einem hell ausgeleuchteten Operationstisch abstellte.
Ein Chirurgenteam traf letzte Vorbereitungen für die Operation, während der Anästhesist ihre Venenzugänge am rechten Arm desinfizierte.
"So, Mädchen." kommentierte er seine Aktivitäten. "Ich schick Dich jetzt ins Traumland der völligen Bewußtlosigkeit. Morgen früh ist Dein Arm wieder wie neu, wirst sehen. Gute Nacht, wünsch ich noch."
Dann fadete aus dem Rand ihres Blickfeldes ein schwarzes Loch zu einem kleinen Lichtpunkt zusammen und schließlich verschwand ihre Anbindung an die Umgebung in völliger Wahrnehmungslosigkeit.

Im Kommandozentrum surrte der Lüfter an der Wand leise vor sich hin.
Jeremia saß nachdenklich auf seinem Drehstuhl und rotierte in Viertelkreisbewegungen ununterbrochen hin und her.
Seine Gedanken drehten sich um dieses und jenes, während er einen inzwischen fast kalten Kaffee in kleinen Schlucken trank.
"Sir!" sagte jemand an der Türe zu diesem Zimmer.
Er wandte sich um und sah seinen Koordinationsoffizier ein paar Meter entfernt in Habt-Acht-Haltung stehen.
"Mann, Taylor. Lassen sie diese Salutieren-Scheiße. Wir sind hier nicht im Ausbildungslager. Wie oft muß ich ihnen das noch sagen. Was gibt's?"
"Tut mir leid, Sir. Ist ein Reflex geworden im Lauf der Jahre. Ich wollte nur Bescheid geben. Wir haben alle Männer wieder in der Basis. Ein Toter, dreizehn Verwundete. Kein gefährlicher Fall, wir bringen alle durch."
Jeremia nickte.
"Das ist gut. Sehr gut. Wer ist der Tote?"
"Coleman. War sofort hinüber. Glatter Kopfschuß."
"Scheiße. Der arme Junge."
"Ja, Sir! Ewig schade um ihn. War ein guter Soldat."
Wieder nickte Jeremia zustimmend.
Dann fiel ihm auf, daß sein Offizier noch immer regungslos in der Tür stand.
"Sonst noch was?"
"Ja Sir!"
Der Kommandant der Marines wartete einige Augenblicke mit aufforderndem Blick.
"Kommt da heute noch was?" sagte er dann etwas gereizt.
"Ich soll ihnen vom Doc noch was ausrichten."
"Herrgott ja. Nun reden sie schon!"
"Es geht um das Mädchen. Er meinte, sie können den Arm nicht mehr retten. Sie haben schon angefangen zu amputieren."...
« Letzte Änderung: 01. September 2009, 20:07:07 von Nachtmensch » Gespeichert
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